Ärger um Bring-System

Altglas: Rentner müssen Flaschen in andere Kieze schleppen

Zehntausende Altglascontainer wurden in Berliner Hinterhöfen entfernt. Senioren aus Prenzlauer Berg schreiben einen Brandbrief.

Altglascontainer sollen als Ersatz für die Tonne im Hinterhof dienen, hier an der Olympischen Straße in Charlottenburg (Archivbild).

Altglascontainer sollen als Ersatz für die Tonne im Hinterhof dienen, hier an der Olympischen Straße in Charlottenburg (Archivbild).

Foto: imago stock&people / imago/Schöning

Berlin. Für die einen waren sie Luxus. Eine Verführung zum laxen Umgang mit einem Rohstoff, den man sorgfältiger recyceln kann und muss. Aus Sicht vieler älterer Berliner waren sie ein Segen des Alltags: Die rund 32.400 Altglascontainer in Berliner Höfen im Gebiet außerhalb des S-Bahnrings. Doch nun sollen sie bei einer Systemumstellung bis Anfang 2020 verschwinden. Der Plan, all diese Behälter wegzuräumen und durch Sammelplätze auf Gehwegen zu ersetzen, wird bis Silvester zwar noch nicht ganz erfüllt sein.

Aber gerade nach Weihnachten häufen sich Beschwerden von Senioren, die kein Auto haben, aber haufenweise schwere Flaschen tragen müssen. So wie im Fall von Fritz und Edeltraud Harrie aus Prenzlauer Berg. Sie laufen neuerdings mit schweren Beuteln voller Altglas aus einer Genossenschaftssiedlung an der Greifswalder Straße bis nach Weißensee. „Eine Zumutung“ sei das, schreiben die Harries in einem Brandbrief. Darin warnen sie vor einem Fehler im System.

Altglascontainer standen bislang neben den Mülltonnen

Für viele Anwohner sei es ein beschwerlicher Akt, Glasflaschen rund einen halben Kilometer weit zu zentralen Sammelstellen zu befördern. In anderen deutschen Städten, wo auch Transportwege von zwei Kilometern vorkommen können, würde man sich über diese Beschwerde aus Berlin wohl wundern. Aber noch in diesem Herbst genügte den Harries ein kurzer Gang zu den Behältern auf dem Parkplatz der Wohnanlage. So war es im Nordosten von Prenzlauer Berg und in Alt-Pankow ebenso wie zum Beispiel in Steglitz oder Wilmersdorf.

Sorgfältiges Recyceln von Glas dient dem Klimaschutz

„Es ist uns nicht zumutbar, das Altglas in der Wohnung zu sammeln, um es dann zu irgendeinem Zeitpunkt hilfsbereiten Familienmitgliedern oder anderen netten Menschen aufzubürden, die ganze Fuhre zum Container zu fahren oder zu schleppen“, schreiben die Eheleute Harrie im Namen der Betroffenen in ihrem Brief an die Senatsverwaltung für Umwelt und die Berliner Morgenpost. Auch der Grund der Systemumstellung, die seit dem Sommer 2019 Zehntausende Berliner betraf, erschließt sich ihnen nicht. Der Abzug der Tonnen in den Höfen jenseits des S-Bahnrings geschehe der Umwelt zuliebe, lautete das Hauptargument. Und am Stadtrand werde die Dichte der Sammelstellen sogar noch erhöht. Insgesamt könne man weniger Lastwagen zur Abholung einsetzen und damit für weniger Luftbelastung sorgen.

Neue Iglus für Braunglas ergänzen Altglascontainer für Weiß- und Buntglas

Bei den neuen Sammelplätzen im öffentlichen Straßenland werden die beiden Iglus für Weiß- und Buntglas durch Behälter für Braunglas ergänzt. So erhöht sich die Qualität beim Recyclingprozess. „Die Dreifarb-Glas-Iglus im Straßenland haben sich als wesentlich besseres Sammelsystem erwiesen“, betont die Senatsumweltverwaltung. Generell ist die Verwertung von Glas ein wichtiger Baustein für den Klimaschutz. Im Rahmen der Stoffstrom-, Klimagas- und Umweltbilanz 2016 habe sich eine Nettogutschrift von minus 448 Kilogramm Kohlendioxidäquivalente pro Tonne Altglas ergeben.

Bürger sollen Streit um Standorte für Altglascontainer mit Bezirken klären

Streit um bestimmte Standorte für Sammelstellen müssten Berliner mit den jeweiligen Bezirksämtern regeln, erklärt zum Umgang mit dem Beschwerdebrief Derk Ehlert, der Sprecher der Senatsverwaltung für Umwelt. Mit der bisherigen Modell, wonach sich fast alle Glascontainer direkt an den Wohnhäusern befinden, galt Berlin als Außenseiter. „Die Sammlung von Altglas im sogenannten ,Bringsystem’ aus Sammelcontainern im öffentlichen Straßenland ist bundesweit üblich“, betont Ehlert. „In Berlin wird die Glasentsorgung zu einem Drittel über dieses ,Bringsystem’ abgewickelt. Und selbst von der jetzigen Systemumstellung bleibt eine Mehrheit der Hauptstädter weiterhin verschont. „Etwa zwei Drittel des Altglas wird weiterhin im sogenannten ,Holsystem’ über direkt an Wohnhäusern aufgestellten Tonnen entsorgt“, stellt der Sprecher klar.

Berliner stellen Altglas aus Bequemlichkeit neben Mülltonnen

Tatsächlich sind die Wohnanlagen innerhalb des S-Bahnrings von der neuen Regelung ausgenommen. Hier befinden sich die Glascontainer weiterhin in den Höfen. Betroffen von der Veränderung sind lediglich Gegenden jenseits des S-Bahnrings. So wie die Genossenschaftssiedlung von Fritz und Edeltraud Harrie in Prenzlauer Berg. Hier und in vielen anderen Höfen stapeln sich dort, wo bis vor kurzem Iglus standen, immer häufiger leere Flaschen. Offenbar die Hinterlassenschaften von Bewohnern, die das neue Bringsystem boykottieren.

„Der Senat möge sich nicht einbilden, das Problem endgültig gelöst zu haben – im Gegenteil. Es wird in Zukunft vielmehr so sein, dass weit mehr als bisher das Altglas – und nun völlig unsortiert – in den Mülltonnen landet“, heißt es im Brief der Rentner. Damit sei der Vorteil beim Recycling in der Praxis dahin. Noch fehlt für diese Behauptung, die viele Kritiker des neuen Verfahrens anführen, aber der offizielle Beleg. „Bislang haben wir keine Erkenntnisse“, sagt auf Nachfrage ein Sprecher der BSR zur Fehlbefüllung der Hausmülltonnen mit Glas.

Pankow schlägt vor, die Altglascontainer auf Supermarktparkplätzen aufzustellen

Egal ob sich die Befürchtung bewahrheitet oder nicht: Unterstützung bekommen Skeptiker vom Bezirksamt Pankow: „Insgesamt ist die Umstellung von Hol- auf Bringesystem ein Nachteil für die Bevölkerung und den Umweltschutz“, meint Pankows stellvertretender Bürgermeister Vollrad Kuhn (Grüne). Seine Mitarbeiter könnten auch nichts anderes tun, als einen von Recyclingfirmen beantragten Standort auf einem Bürgersteig zu prüfen. Die Senatsumweltverwaltung gehe nicht genügend auf die Unzumutbarkeit der weiten Entfernungen bis zu den nächsten Glascontainern auf öffentlichem Straßenland ein, beklagt Kuhn. Auch der Vorschlag, Glascontainer durch die zuständigen Recyclingfirmen möglichst wohnortnah auf Supermarktparkplätzen postieren zu lassen, bleibe unberücksichtigt.

Effekt für den Klimaschutz hängt vom Einsatz der Berliner ab

Im Berliner Abgeordnetenhaus hat sich schon vor Monaten der Widerstand gegen das Bring-System formiert. Selbst innerhalb der rot-rot-grünen Koalition ist die Reform der Altglas-Entsorgung umstritten –der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz zum Beispiel warnt vor einem „Riesenfehler.“ Und Danny Freimarck, der umweltpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, weist darauf hin, dass 2014 im Abgeordnetenhaus die Entscheidung fiel, das so genannte „Berliner Model“ mit Glascontainern in den Höfe beizubehalten – trotzdem nahm der Senat davon in 32.400 Fällen Abschied.