Pflege in Berlin

Brandschutzmängel: Rentner verlassen Heim in Prenzlauer Berg

Nach 128 Jahren ist das St. Josefsheim leergezogen. 66 Senioren haben ein neues Zuhause – und die Caritas wehrt sich gegen einen bösen Verdacht.

Aus nach fast 13 Jahrzehnten Betrieb: Das St. Josefsheim an der Pappelallee schließt zum Oktober seine Türen. Was mit dem Haus geschieht, ist fraglich.

Aus nach fast 13 Jahrzehnten Betrieb: Das St. Josefsheim an der Pappelallee schließt zum Oktober seine Türen. Was mit dem Haus geschieht, ist fraglich.

Foto: Thomas Schubert

Laut Zertifikat gab es nur Bestnoten. Gleich an der Schiebetür des St. Josefsheims in der Pappelallee erinnert ein Aushang an die Qualität der Pflege. Für medizinische Versorgung, den Umgang mit Demenzkranken und die Wohnverhältnisse gaben die Prüfer jeweils eine 1,0.

Seit Montag aber sind diese Noten Makulatur. Denn das Haus der Caritas hat am 30. September geschlossen – nach 128-jährigem Betrieb. Der Auslöser für diesen Einschnitt: ein zufällige Entdeckung.

Zimmerdecken hätten aus Senioren stürzen können

Bei einer Untersuchung des historischen Backsteinhauses nach einer Reparatur stellte sich heraus, dass die Schottungen in Decken und Wänden an 100 Stellen massive Brandschutzmängel aufweisen.

„Dadurch könnten sich im Brandfall Feuer und Rauch sehr schnell verbreiten. Abgehängte Zwischendecken sind an Aufhängungen angebracht, die im Brandfall schmelzen würden, so dass die Decken herunterfallen würden“, beschreibt Caritas-Sprecher Thomas Gleißner das Problem.

Nur mit einer Komplettsanierung könne man die Mängel beheben. Damit war klar: 66 Bewohner müssen das St. Josefsheim wohl für immer verlassen.

Bewohner zogen unter anderem nach Wedding, Potsdam und Pasewalk

Die Suche nach Ersatzplätzen in anderen Heimen nahm Monate in Anspruch und endete erst kurz vor der endgültigen Schließung zum Oktober 2019. „Die meisten der ausgezogenen Bewohnerinnen und Bewohner haben einen Platz in einer Einrichtung in Prenzlauer Berg beziehungsweise im nahen bezirklichen Umfeld Hohenschönhausen, Weißensee, Pankow und Friedrichshain gefunden“, betont Gleißner.

Darüber hinaus hätten die Senioren auch in Einrichtungen in Köpenick, Charlottenburg, Kreuzberg, Reinickendorf und Wedding, vereinzelt auch in Velten, Oranienburg, Potsdam und Pasewalk, ein neues Zuhause bezogen. Die weiteste Strecke legte eine Frau zurück, die nun in Lüneburg lebt.

Laut Caritas hatten alle Bewohner des St. Josefsheim und ihre Angehörigen mehrere Optionen zur Auswahl und konnten sich frei entscheiden.

Nach Schilderung des Bezirksamts Pankow fiel es zum Teil aber schwer, für alle Bewohner eine einvernehmliche Lösung zu finden. „Eine Bewohnerin wird dort verbleiben, weil sie bisher alle Angebote abgelehnt hat“, ließ Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) auf Anfrage kurz vor der Schließung mitteilen. Ihre Versorgung werde zunächst durch einen ambulanten Dienst sichergestellt.

Doch die Caritas teilte am Montag mit, dass offenbar auch diese Frau zum Auszug zu bewegen war. „Das St. Josefsheim ist nun leer. Auf dem Gelände leben weiterhin die Ordensschwestern“, hieß es auf Nachfrage.

Pläne für seniorengerechtes Wohnen „zu moderaten Mietpreisen“

Caritas-Sprecher Thomas Gleißner macht zur Schließung der Traditionseinrichtung noch einmal deutlich, dass es zu dem Vorgehen keine Alternative gab: „Die Bewohnerinnen und Bewohner wären im Falle eines Brandes erheblichen Gefährdungen ausgesetzt. Unsere Sorge ist von einem staatlich bestellten Brandschutzsachverständigen und einem Prüfingenieur für Brandschutz bestätigt. Als Betreiber eines Pflegeheimes müssen wir selbstverständlich alle gesetzlichen Anforderungen an den Brandschutz erfüllen.“

Die Entscheidung, den Bewohnern im hohen Alter noch einen Umzug zuzumuten, sei der Caritas schwer gefallen. „Wir bedauern es zutiefst, dass dies nötig war. Aber wir haben nach Abwägung aller Varianten keine andere Lösung gesehen, da auch eine Sanierung des Heimes bei laufendem Betrieb nicht in Frage gekommen wäre.“

Nun, da die Sanierung des Komplexes beginnen kann, stellt sich auch die Frage nach der künftigen Nutzung. Angedacht seien seniorengerechtes Wohnen zu moderaten Mietpreisen und soziale Angebote, teilt Bezirksbürgermeister Benn mit. Die Neugestaltung des Areals solle von einem Beirat aus Kirchengemeinde, Ordensschwestern, Bezirk und weiteren Akteuren begleitet werden.

Caritas weist Anschuldigung von sich

Im Juli hatten Medienberichte für Aufregung gesorgt, wonach die Brandschutzmängel nur ein Vorwand sein könnten, um die Senioren loszuwerden. Die Rede war von einem Plan, die bisherigen Räume im Altbau zu großen Wohnungen zusammenzulegen und auf Freiflächen weitere Wohngebäude zu errichten.

Diese Darstellung einer Verdrängung weist die Caritas jetzt zum Tag der Schließung nochmal zurück. „Es sollen ein neues Pflegeheim, Angebote für Senioren und weitere soziale Projekte entstehen. Als Wohlfahrtsverband sind wir getragen von christlichen Werten, die die Grundlage unseres Handelns darstellen“, erklärt Gleißner.

Er sagt: „Die Caritas ist der Gemeinnützigkeit verpflichtet. Die Caritas Altenhilfe wird das Grundstück nicht verkaufen oder gewinnbringend verwerten. Wir könnten das auch gar nicht, da wir durch einen Erbbaupachtvertrag zur kirchlich-karitativen Nutzung verpflichtet sind.“

Nonnen bleiben auf dem Gelände wohnen

Formell gehört das Grundstück nicht der Caritas, sondern einer katholischen Ordensgemeinschaft, den Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesu. Zuletzt lebte auf dem Areal noch eine Gruppe von sieben Nonnen in einem eigenen Gebäude.

Wie es auch weitergehen mag – am 30. September endet vorerst die lange Geschichte einer Sozialeinrichtung, die Ende des 19. Jahrhunderts als Kinderheim startete, zwischenzeitlich Obdachlose beherbergte und zuletzt Senioren ein Zuhause gab. Glaubt man der Caritas, ist es mit dieser Tradition nur vorläufig zu Ende.