Radverkehr in Berlin

Verschleppte Verkehrswende – der Fall Schönhauser Allee

Auf der Magistrale in Prenzlauer Berg soll ein mit Pollern geschützter Radweg entstehen. Der Fahrradlobby geht die Planung zu langsam.

Ein ewiges Provisorium: Radfahrer und Fußgänger sollen auf der Schönhauser Allee mehr Platz bekommen. Doch über die Aufstellung von Parklets kam die Planung noch nicht hinaus.

Ein ewiges Provisorium: Radfahrer und Fußgänger sollen auf der Schönhauser Allee mehr Platz bekommen. Doch über die Aufstellung von Parklets kam die Planung noch nicht hinaus.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Am Anfang war das Parklet. An heiteren Herbsttagen lässt sich vor dem Bahnhof Schönhauser Allee die Folge der veralteten Verkehrsplanung kaum verbergen: Ein Strom aus Radfahrern schiebt sich den schmalen Streifen auf dem Gehweg vor den Schönhauser Allee Arcaden entlang. Trauben von Passanten kreuzen beim Umstieg zwischen Bahnen den mit abgestellten Fahrrädern blockierten Raum.

Als hölzerner Kasten nimmt eines von vier Parklets vor dem Einkaufcenter auf der Straße den Raum von zwei geparkten Autos ein. Das Stadtmöbel ist als Radparkplatz ausgelegt, hat aber nur sieben Abstellbügel. Stückpreis: 50.000 Euro. Eigentlich sollten die Parklets an der Schönhauser Allee Vorboten eines großen Umbaus sein. Davon spricht heute niemand mehr.

Vier Jahre sind vergangen, seitdem das weltbekannte Planungsbüro Gehl, das schon den Times Square in New York von den Automassen befreite, einen radikalen Entwurf zur Neuordnung des Verkehrs auf der Lebensader Prenzlauer Bergs skizzierte. Ein Jahr ist es her, dass der Berliner Senat den Plan zur Streichung einer Fahrspur des Kraftverkehrs zugunsten von Radfahrern für nicht umsetzbar erklärte. Ein Jahr ist es auch her, dass Pankows Bezirksverordnete forderten, in dem Fall wenigstens die Parkspur am Straßenrand in beiden Richtungen den Radfahrern zuzuschlagen – und so das Paradeprojekt der rot-rot-grünen Landesregierung zu retten.

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Option ohne Poller: Straße ließe sich farbig markieren

Der neueste Plan: Hinter einem Schutzwall aus Pollern soll 2020 eine so genannte Protected Bike Lane entstehen – so kündigte es Pankows Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) mehrfach an. Dann müssten allerdings auch die Parklets eine neue Bestimmung finden. „Wir müssen sie wohl wegnehmen, weil sie sonst Radfahrern auf dem geschützten Radweg im Wege stehen“, sagte Kuhn im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Doch obwohl der Umbau schon 2020 stattfinden soll, fällt die aktuelle Aussage zum Stand der Umsetzung der Protected Bike Lane karg aus. „Das Parkraum- und Lieferzonenkonzept ist im Entwurf fertig“, sagt Kuhn auf Nachfrage. Da viele Fragen noch nicht im Detail geklärt seien und auch noch Abstimmungen mit der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr erfolgen müssen, will sich der Verkehrsstadtrat nicht mehr zu einem konkreten Zeitrahmen oder zur Entfernung der Parklets äußern.

Auch die Senatsverkehrsverwaltung blockt Anfragen ab. „Da sich die Absprachen noch in einer sehr frühen Phase befinden, können zu den konkreten Ausgestaltungen leider nur wenige Aussagen getroffen werden“, teilt eine Sprecherin von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) nach drei Tagen der Rücksprache mit den Fachabteilung mit.

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Zu langsam, zu umständlich, zu undurchsichtig

Aus Sicht von Radfahrern im Nordosten der Stadt ein dürftiges Ergebnis angesichts von zwölf Monaten, die seit Beginn der Planungen schon verstrichen sind. Zu langsam, zu umständlich, zu undurchsichtig – bei der Initiative Changing Cities stößt das ganze Planungspozedere auf Unverständnis. „Statt sich erst eine Finanzierung zu besorgen und ein Büro mit einer Machbarkeitsstudie zu beauftragen, hätte man den Radstreifen in dem Bereich in einer Art Sofortsicherung einfach auf dem Boden markieren können“, schlägt Sprecher Tobias Kraudzun eine viel einfachere Lösung vor.

Wenn 2020 tatsächlich eine mit Pollern geschützte Fahrspur kommt, dann werde die Schutzwirkung auch lediglich gering sein. „Der umzubauende Abschnitt umfasst lediglich die Abschnitte zwischen Stargarder und Wichertstraße sowie Schivelbeiner und Gleimstraße“, ärgert sich Kraudzun über die nur wenige Hundert Meter lange Strecke. Dass Poller Radfahrer nur auf kurzen Abschnitten Platz verschaffen, wurde schon bei den bereits eröffneten Protected Bike Lanes an der Holzmarktstraße in Mitte und an der Hasenheide in Kreuzberg moniert.

Parkplätze fallen zugunsten der Radspur weg

Freundlicher als bei Changing Cities fällt das Urteil des Berliner ADFC aus. „Die Idee einer Protected Bike Lane wäre eine gute Lösung. Allerdings muss ausreichend Platz für die vielen Radfahrenden mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vorhanden sein, das heißt mindestens 2,50 Meter zuzüglich Sicherheitsabstände zu Pollern und Bordstein“, sagt Sprecher Nikolas Linck.

Die Konsequenz für den motorisierten Verkehr sind bereits klar: Parkplätze am rechten Straßenrand fallen zugunsten der breiten Radspur weg. Rund 35 Stellbuchten pro Seite würden im ausgewählten Abschnitt der Schönhauser Allee entfallen, wenn man den Fahrbahnrand abpollert.

Schönhauser Allee extrem wichtig für Pendler

Aus Sicht der Berliner Abteilung des ADAC ist dies eine einseitige Entscheidung, die zu Lasten der Berliner Autofahrer gefällt wurde. „Die Schönhauser Allee ist von extremer Bedeutung für den Pendlerverkehr. Eine Reduzierung von Parkplätzen würde hier zu weitreichenden Problemen führen, zum Beispiel für den Lieferverkehr“, warnt Sprecherin Sandra Hass.

Aus Sicht von Changing Cities ist der Einschnitt hingegen zu gering: „Dieses ,Klimaschutzprojekt’ mit dem konkreten Ergebnis der Parklets illustriert sehr gut, wie aus guten Absichten peinliche Endergebnisse entstehen“, zieht Tobias Kraudzun ein düsteres Zwischenfazit. „Berlin braucht endlich schlanke Entscheidungsprozesse zwischen Senats- und Bezirksverwaltung ohne das altbekannte Zuständigkeits-Pingpong, damit die Verkehrswende durch sinnvolle Neugestaltungen der Straßen begleitet wird.“

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