Konzerte in Berlin

Karaoke im Mauerpark soll für drei Jahre genehmigt werden

Pankows Bezirkspolitiker bekennen sich zum Karaoke im Mauerpark. Doch Anwohner fühlen sich übergangen und erwägen rechtliche Schritte.

Schon vor der ersten Karaoke-Show 2019 haben Straßenmusiker im März damit begonnen, das Amphitheater im Mauerpark sonntags zu bespielen.

Schon vor der ersten Karaoke-Show 2019 haben Straßenmusiker im März damit begonnen, das Amphitheater im Mauerpark sonntags zu bespielen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Musikgenuss oder Krach, Kunstfreiheit oder Grenzüberschreitung, Sondererlaubnis oder Verbot? Im Streit um Konzertereignisse im Mauerpark kommen die Pankower Bezirksverordneten den Musikern und ihren Fans weit entgegen. Vor allem die Karaoke-Show des Veranstalters Joe Hatchiban erfährt nun eine Unterstützung, die Fans im Streit um eine Genehmigung in den vergangenen Wochen vermissten.

Erst drohte das Sonntagskaraoke wegen einer Baustelle der Berliner Wasserbetriebe und Sicherheitsbedenken des Grünflächenamts vorläufig zu platzen. Jetzt soll das weltbekannte Spektakel gleich für drei Jahre eine Sondererlaubnis erhalten, dabei jeweils an 30 Sonntagen stattfinden – und könnte pünktlich zu Ostern starten.

Straßenmusiker im Mauerpark haben ihre Konzertsaison schon im März gestartet

Als treibende Kraft inszeniert sich die SPD-Fraktion, die in der Bezirksverordnetenversammlung am Mittwochabend für drei Anträge eine klare Mehrheit erstritt. Neben der Forderung an das Bezirksamt Pankow, die Genehmigung für das Karaoke für drei Jahre am Stück zu erteilen, wollen die Sozialdemokraten auch eine Änderung des Flächennutzungsplans erzwingen, um den Mauerpark offiziell als Kulturstandort auszuweisen. Und drittens ergeht der Auftrag an das Bezirksamt „Grundlagen und Regeln für Straßenmusik im Mauerpark zu schaffen.“

Denn noch immer gilt die Unterscheidung zwischen der Karaoke-Show, die in den vergangenen Jahren stets eine Ausnahmegenehmigung erhielt und den Konzerten aller anderen Musiker, die formell verboten sind. Besucher des Mauerparks konnten schon an den bisherigen Sonntagen im März erleben, dass auch in diesem Jahr trotz der Querelen um Ruhestörung wieder Songs und Beats mit elektronischen Verstärkern erklingen.

„Der Mauerpark ist ein besonderer Ort und braucht eine besondere Behandlung“, begründet der Pankower SPD-Fraktionsvorsitzende Roland Schröder das Engagement im Sinne der Kunstfreiheit. Und verweist auf die Interessen von Tausenden Menschen, die an Sonntagen „eine gute Zeit erleben wollen.“

Damit die „gute Zeit“ auch für direkte Anwohner gilt, soll der Bezirk nach Ansicht der SPD technische Lösungen und klarere Regeln durchsetzen. Abhilfe schaffen könnten zum Beispiel spezielle Musikmuscheln, wie sie die Initiative „Save Mauerpark“ erproben will. Solche Konstruktionen schirmen Musiker durch eine gewölbte Rückwand von den Wohnhäusern ab und lenken den Schall stattdessen in den Hang des Parks. Der Künstler Ulrich Schweizer arbeitet schon daran, solche Muscheln, wie es sie anderen Großstädten schon gibt, an die Gegebenheiten im Mauerpark anzupassen.

Nachbarn empfinden Konzerte als „Terror“

Doch aus Sicht von Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) gehen die Probleme über den lokalen Konflikt weit hinaus. „Wie in einem Brennglas“ käme im Park das Ringen um immer weniger Freiflächen in einer immer dichter bewohnten Stadt zum Ausdruck, meint Benn. Er sagt: „Der Mauerpark atmet wie kein anderer Ort in Pankow Freiheit. Der Mauerpark gehört niemandem und allen zugleich.“ Er wolle in dieser Saison eine Lösung finden, mit der alle Interessengruppen leben können.

Die Gruppe der Anwohner, die sich von Konzerten massiv gestört fühlen, empfand die Vorgänge in der Bezirksverordnetenversammlung am Mittwoch allerdings als Affront. Ein besonders engagierter Nachbar, der seinen Namen aus Angst vor Anfeindungen durch die Freunde der Musiker nicht in der Zeitung lesen will, ärgert sich über die „Monokultur“ durch die Vorzugsbehandlung für das Karaoke.

Er und seine Mitstreiter hätten sich eine kombinierte Lösung für das Karaoke und die sonstigen Konzerte von Straßenmusikern gewünscht. Letztere empfindet der Mann als „Terror.“ Einer Petition zur Rettung der Konzerte der Initiative „Save Mauerpark“ mit über 8000 Unterschriften hat das gegnerische Lager eine eigene Kampagne mit bisher rund 100 Unterschriften entgegengestellt.

Eine Mehrzahl der Kritiker des lässigen Umgangs mit lauter Musik leben laut der Initiative im Bezirk Mitte, der westlich an den Mauerpark grenzt. Aber der frühere Todesstreifen steht unter Verwaltung des Bezirksamts Pankow. Ein Umstand, den die Initiative gegen Ruhestörung immer mehr als Problem empfindet. „Man fühlt sich hier als unerwünschter Bittsteller und wird an die Wand gespielt“, beschwert sich der Sprecher.

Man habe Pankows Bezirksbürgermeister im vergangenen Jahr eingeladen, das Sonntagsspektakel im Mauerpark von einem Balkon in Gesundbrunnen zu verfolgen – doch der sei dieser Einladung nicht gefolgt. Auch das Pankower Ordnungsamt sei noch immer zu wenig präsent. Zur Not wolle man nun juristisch gegen die Untätigkeit des zuständigen Bezirksamts vorgehen.

Entscheidung fällt erst nach Anhörung am 3. April

So steht die geplante Anhörung der Anwohner am 3. April zum Lärmproblem im Mauerpark und zur endgültigen Genehmigung des Karaoke unter ungünstigen Vorzeichen. Von 18.30 bis 20 Uhr will das Umwelt- und Naturschutzamt Pankow im BVV-Saal des Bezirksamts an der Fröbelstraße 17 Stellungnahmen der Nachbarn aufnehmen. Erst dann entscheidet sich in der Abteilung des Stadtrats Daniel Krüger (parteilos, für AfD), ob das Karaoke wirklich zu Ostern starten kann oder die Genehmigung doch noch scheitert – der Beschlüsse der Bezirksverordneten zum Trotz.