Wer Europas größten jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee besucht, wähnt sich in einem verwunschenen Wald. Auf dem 42 Hektar großen Areal wachsen zwischen den verwitterten Grabsteinen Eschen, Ahorne und Eiben empor, der Boden ist von einem dichten Efeuteppich bedeckt, in der Mittagssonne zwitschern die Vögel, sogar ein Specht ist zu hören.

Doch das Naturparadies hat auch seine weniger schönen Seiten: Das eindringende Wurzelwerk droht vor allem die rund 450 wertvollen Wandgräber und die denkmalgeschützte Friedhofsmauer zu zerstören. Mit der von Bund und Land finanzierten Sanierung insbesondere der Friedhofseinfriedung konnte der Verfall jedoch bereits in weiten Teilen gestoppt werden.

Am Mittwoch überzeugten sich die Vertreter der Geldgeber, Berlins Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) und Ingeborg Berggreen-Merkel, Ministerialdirektorin beim Bundesbeauftragten für Kultur, vom Abschluss der bislang geleisteten Sanierungsarbeiten.

1600 Meter Mauer und Wandgrabmale saniert

Die Baumaßnahme umfasste die umfangreiche Sicherung des historischen Mauerwerks von 1880. Nach drei Jahren Bauzeit wurden 1.600 Meter von insgesamt 2.785 Metern Einfriedung instand gesetzt. Seit mehr als 100 Jahren war die nach Plänen des Architekten Hugo Licht erbaute, bis zu drei Meter hohe Mauer aus gelben Klinkern der Witterung ausgesetzt.

Die Sanierung war daher bitter nötig: „Frostschäden und Wurzelwachstum in den Fugen haben erhebliche Schäden bis hin zum partiellen Einsturz verursacht“, erklärte Bauleiter Joachim Jakobs seinen Besuchern. Insbesondere die aufwendig gestaltete Mauerkrone musste erneuert werden, damit die auf ihr wachsenden Bäume und Sträucher ihr Zerstörungswerk nicht weiter fortsetzen konnten.

In insgesamt fünf Bauabschnitten wurden nun die Nord-, die West- und große Abschnitte der Südmauer grundlegend saniert und wieder standfest gemacht. „Entgegen der ursprünglichen Zielsetzung, 1000 Meter zu sanieren, habe mit den von Bund und Land bewilligten 1,9 Millionen Euro sogar 1600 Meter geschafft, so Jacobs weiter. Von dem Geld wurden zudem zahlreiche der angebauten Wandgrabmale rekonstruiert. „Wir mussten sie ohnehin abnehmen, um an die dahinterliegende Mauer zu gelangen“, so Jacobs.

Helles Geld, frische Zinkverkleidung und glänzende Gitter

Die Mauerabschnitte, die völlig neu gemauert werden mussten, strahlen nun in hellem Gelb aus den im Laufe der Jahrzehnte nachgedunkelten Alt-Ziegeln. Schmiedeeiserne Gitter glänzen wie neu und die Dächer der Mausoleen haben gegen eindringende Feuchtigkeit eine frische Zinkverkleidung auf dem Dach bekommen.

„Bei den Bauarbeiten haben wir uns auf Sicherung und Instandsetzung, nicht auf das minutiöse Rekonstruieren konzentriert“, ergänzte Berlins oberster Denkmalschützer, Jörg Haspel. Hätte man sich auf die detailgetreue Rekonstruktion sämtlicher Schmucksteine verlegt, hätte die Sanierung nicht nur wesentlich länger gedauert, sie wäre auch viel teurer geworden.

„Mit der Sanierung der Friedhofsmauer ist ein erster wichtiger Schritt zur Bewahrung des Friedhofs für künftige Generationen getan und wir schaffen so die nötigen Voraussetzungen zur Sicherung und Instandsetzung gefährdeter Wandgräber und Mausoleen“, sagte Müller.

Noch fehlen 1185 Meter Mauer

Doch noch sind viele an der Einfriedung entlang errichtete Wandgrabmale vom Verfall bedroht. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, um das einzigartige Erbe dauerhaft bewahren zu können“, betonte deshalb der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, und appellierte an Bund und Land, die für die weitere Sanierung erforderlichen Mittel bereit zu stellen.

Senator Müller sicherte zu, er werde sich dafür einsetzen, dass der verbliebene 1885 Meter lange Mauerabschnitt ebenfalls in Angriff genommen werden könne. Den Antrag auf Finanzierung dieser Baumaßnahme, deren Kosten Jacobs auf insgesamt eine Million Euro schätzt, hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin bereits gestellt. Wenn die Kosten wieder zwischen Berlin und Bund aufgeteilt werden, kämen damit 500.000 Euro auf das Land zu.

„Berlin hat sich vorgenommen, das Geld für die nächsten Schritte zur Verfügung zu stellen“, sagte Müller. Ob sich der Bund erneut beteiligen werde, wollte Ministerialdirektorin Berggreen-Merkel am Mittwoch noch nicht zusagen: „Das befindet sich derzeit in der Prüfung, ich möchte dem Ergebnis nicht vorgreifen“, sagte sie.

Antrag auf Aufnahme in die Welterbeliste

Der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel verwies darauf, dass die Fortsetzung der Sanierungs- und Restaurierungsmaßnahmen auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee auch in anderer Hinsicht angezeigt wären. „Sie sind ein wichtiger Beitrag für eine erfolgreiche Welterbenominierung“, sagte Haspel.

Der Berliner Senat hatte den Jüdischen Friedhof im Sommer vergangenen Jahres auf die deutsche Vorschlagsliste für das Unesco-Weltkulturerbe gesetzt. Michael Müller sagte am Mittwoch, er rechne noch Mitte dieses Jahres mit einer Entscheidung. Auf der Unesco-Liste stehen aktuell 961 Denkmäler aus 157 Ländern. Einmal im Jahr wird über Neuaufnahmen entschieden.

Der Jüdische Friedhof Weißensee mit seiner beeindruckenden Gesamtanlage und seinen Friedhofsgebäuden wurde von Hugo Licht (1841-1923), dem späteren Stadtbaurat von Leipzig, entworfen. 1880 eröffnete der Friedhof, auf dem zahlreiche berühmte Berliner wie beispielsweise der Verleger Samuel Fischer, der Hertie-Gründer Hermann Tietz, der Schriftsteller Stefan Heym oder der Maler Lesser Ury beigesetzt sind.

Es gibt bereits drei Berliner Welterbestätten

Neben den oft aufwendig gestalteten Familiengräbern gibt es ein Urnenfeld mit der Asche von KZ-Opfern und einen Ehrenhain für jüdische Gefallene aus dem Ersten Weltkrieg.

„Wir sind uns sicher, dass wir mit unserer Bewerbung für die Welterbeliste erfolgreich sind“, sagte Müller nach dem Rundgang. Allerdings gibt es bereits drei Berliner Welterbestätten: 1991 wurde die Berlin-Potsdamer Kulturlandschaft mit den preußischen Schlössern und Gärten aufgenommen. 1999 kam die Berliner Museumsinsel dazu, 2008 waren es die sechs Siedlungen der Berliner Moderne.