An der Rezeption stapeln sich Koffer, Rucksäcke und Laptop-Taschen in einem Regal. Ein freundlicher junger Mann überreicht einem anderen jungen Mann über den Tresen hinweg seinen Chip für das Hostel-Zimmer, das dieser gerade bezieht.

In fließendem Englisch, selbstredend, denn das Hostel „Pfefferbett“ steht da, wo Berlin Englisch spricht und international denkt: im Pfefferberg an der Schönhauser Allee. Da, wo vor einem Jahr das Guggenheim Lab hinzog auf der Suche nach neuen Wegen der behutsamen Stadtentwicklung. Und da, wo – wenn man den Nachrichten aus Prenzlauer Berg glaubt – nun behinderte Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren sollen. Wegen Ferienwohnungen.

22 von 63 Hostel-Mitarbeitern sind beeinträchtigt

Denn das Hostel „Pfefferbett“ ist ein integratives Projekt. 22 von 63 Mitarbeitern sind „Menschen mit Beeinträchtigung“, wie es Mirko Meinert nennt, der dem Hostel als Managing Director seit vergangenem Sommer vorsteht. Es sind Menschen wie René Fölski, 40 Jahre alt, gehörgeschädigt, der nun gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Ennigkeit (29) einen bunten Putzwagen durch einen quietsch-türkisfarbenen Flur schiebt. Ennigeit war Tischler, bis er wegen einer Krankheit berufsunfähig wurde. Hinter ihnen zieht Uwe Ritz (46) mit einer Poliermaschine seine Bahnen durch den Flur. Er verlor wegen schwerer Depressionen seine frühere Arbeit.

Für die drei Männer vom „House Keeping“ ist das Hostel ein besonderer Ort. Nicht allein wegen der internationalen Kundschaft, die mit dem Personal im selben Raum frühstückt. Sondern auch „wegen des Teams, es herrscht weniger Druck“, wie es Fölski sagt. Der Hostel-Direktor hat zuvor zehn Jahre für die Hotelkette „Marriott“ gearbeitet und sagt es so: „In diesem ist vieles viel kreativer. Man setzt nicht einfach Vorgaben von oben um, sondern spricht mit den Kollegen auf Augenhöhe – die haben oft die besten Ideen.“ Dann klopft er seinen „Jungs“ auf die Schulter und schaut nach, ob in den Zimmern die Mülleimer geleert sind. Momentan ist viel los im Hostel, der Berlinale wegen.

Verdränger wäre der Bezirk Pankow

In diese heile Welt platzte am Montag eine Nachricht, die ziemlich unglaublich klang. „Integrativem Hostel droht das Aus“, meldete die Internetseite „Prenzlauer Berg Nachrichten“ – „weil Wohnungen als Ferienappartments vermietet werden“. Das klingt böse nach Gentrifizierung, nach Verdrängung ausgerechnet von Menschen mit Schwerbehinderung durch jenes Phänomen, dem Prenzlauer Berg gerade den Kampf angesagt hat: Zweckentfremdung von Wohnraum als Ferienwohnung.

Ausgerechnet das integrative Hostel-Projekt könne das Erste sein, an dem das neue Zweckentfremdungsverbot des Bezirks durchexerziert werde. Würden die Ferienwohnungen an der Choriner Straße wieder in reguläre Wohnungen umgewandelt, seien die Arbeitsplätze der dortigen Mitarbeiter bedroht, warnte die Kiez-Zeitung.

Doch die Problematik ist etwas komplizierter. Denn der soziale Träger des Hostels im Pfefferberg, die Pfefferbett gGmbH, ist selbst der Vermieter von Ferienwohnungen an der Choriner Straße 37. Insgesamt vermietet die VIA gGmbH, deren Tochter Pfefferbett ist, rund 70 Ferienapartments in Mitte und Prenzlauer Berg.

Seit Anfang Januar ist es in einigen Bereichen von Prenzlauer Berg nicht mehr zulässig, Wohnungen als Ferienunterkunft zu vermieten – in den städtebaulichen Erhaltungsgebieten. Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow, hatte sich persönlich an den ersten Kontrollen suspekter Wohnungen beteiligt. Begleitet von den Medien – schließlich sollte die Sache publik werden. Insgesamt gibt es im Bezirk etwa 2000 Wohnungen, die kurzfristig an Touristen, Geschäfts- oder auch Bauleute vermietet werden. Pro Woche würden ein bis zwei Objekte kontrolliert, sagt Kirchner. Viele Vermieter hätten inzwischen besorgt angefragt, weil sie nichts Ungesetzliches tun wollten. „Wir haben auch schon einen ersten Antrag auf Nutzung für Ferienwohnungen erhalten.“ Die Wohnungen an der Choriner Straße seien allerdings nicht kontrolliert worden.

Stadtrat Kirchner will „Behinderten nicht die Arbeit wegnehmen“

Kirchner reagiert, auf das Problem angesprochen, aufgebracht. Grundsätzlich habe das eine mit dem anderen nichts zu tun. „Wir wollen nicht behinderten Menschen die Arbeit wegnehmen, sondern dem Wohnungsmarkt freie Wohnungen zuführen.“ Zu den Maßnahmen für mehr bezahlbaren Wohnraum im Bezirk gehört unter anderem auch das Verbot, kleine Wohnungen zu größeren zusammenzulegen, Luxussanierung mit Kaminen oder Fußbodenheizungen zu betreiben, mit dem Einbau eines zweiten Bades bei kleineren Wohnungen oder einem zweiten Balkon.

Natürlich wolle man keinen sozialen Arbeitgeber verdrängen, sagt der Stadtrat. Vor einer Entscheidung werde zunächst seine Verwaltung mit dem Träger verhandeln, genauso wie mit Vermietern anderer Ferienwohnungen. Denn ganz klar ist die Gesetzeslage nicht. Kirchner sagt selbst, er rechne auf jeden Fall mit Klagen.

Im Fall des Hostels „Pfefferbett“ ist es noch längst nicht so weit. Zwar sagt Ralf Möller-Flohr, Geschäftsführer VIA gGmbH, Kirchners Initiative könne das Ende der Apartmentvermietung bedeuten – „aber das Hostel-Projekt selbst ist nicht bedroht“. Nur drei der „Pfefferbett“-Angestellten mit Behinderung seien überhaupt in den Ferienwohnungen beschäftigt, „und diese können wir auch im Hostel selbst unterbringen“. Vom Pfefferberg aus würden die Mitarbeiter zum Reinigen in die Wohnungen geschickt.

Hostel-Betreiber und Bezirk wollen sich zeitnah an einen Tisch setzen

Die meisten Apartments hatte die VIA vor vier Jahren von einem anderen Anbieter übernommen. „Viele Wohnungen sind länger vermietet, zum Beispiel an US-Studenten“, sagt Möller-Flohr. Und versichert: „Die Apartments sind alle ordnungsgemäß bei den Behörden angemeldet, wir bezahlen Steuern.“ Zwar begrüße er Kirchners Initiative grundsätzlich, „aber man muss sich schon fragen, was aus diesen Apartments wird, wenn sie auf den freien Wohnungsmarkt zurückfallen. Zu befürchten ist doch, dass sie dann als Eigentumswohnungen weiterverkauft und teuer weitervermietet werden.“ Kirchner wiederum kontert: Das sei ja nun eher „die Argumentation eines Miethais. Dann können wir auch den ganzen Wohnungsmarkt sich selbst überlassen.“

Dennoch, versichern beide: Man werde sich zeitnah an einen Tisch setzen. Für die Männer vom House Keeping im Hostel bleibt also vorerst alles beim Alten.