20 Jahre ist es jetzt bereits her, dass Hatun Aynur Sürücü in Berlin auf offener Straße erschossen wurde – von ihrem eigenen Bruder. In einer abendlichen Gedenkstunde wurde nun an die Frau erinnert, die im Alter von 23 Jahren ihr Leben lassen musste, weil sie sich gegen die patriarchalen Strukturen ihrer Familie auflehnte und ein selbstbestimmtes Leben führte.

Für Bundesfrauenministerin Lisa Paus steht fest: „Das war eine Hinrichtung“, sagte die Grünen-Politikerin in ihrer Rede auf der Gedenkveranstaltung. Auch 20 Jahre nach dem Femizid ist Gewalt gegen Frauen immer noch traurige Realität: Allein im Jahr 2023 wurden in Deutschland 360 Frauen aufgrund ihres Geschlechts umgebracht wurden, so Paus. „Leider steigen die Gewaltzahlen Jahr für Jahr.“

Gedenken zum 20. Todestag von Hatun Sürücü
Auf einer Veranstaltung wurde der am 7. Februar 2005 von ihrem Bruder ermordeten Hatun Aynur Sürücü gedacht. Auch Bundesfrauenministerin Lisa Paus (Foto) hielt eine Rede.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Für Tempelhofs Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) ist Sürücüs Tod bis heute eine Mahnung, „dass Hass und Bedrohung weiterhin ein Problem in unserer Gesellschaft sind.“ Die von den Bezirksämtern Tempelhof-Schöneberg und Neukölln gemeinsam organisierte Gedenkveranstaltung fand im Check-In des Tempelhofer Flughafens statt. Neben den Reden und einem musikalischen Begleitprogramm, trat die Tanzgruppe Centre Talma auf, die sich in einer ihrer Darbietungen tänzerisch mit dem Mord an Sürücü auseinandersetzte.

Gewalthilfegesetz schafft Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt

Da Gewalt gegen Frauen auch heute noch Thema ist, ist sie umso glücklicher, dass der Deutsche Bundestag nun das Gewalthilfegesetz beschlossen hat, so Paus. Dieses ermögliche allen Frauen im Land einen Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt. Außerdem sollen Frauenhäuser und Schutzberatungsstellen flächendeckend ausgebaut werden. Ein Berlin-spezifisches Novum: Am Berliner Ostbahnhof hat die Bundespolizei erst kürzlich die deutschlandweit erste rund um die Uhr besetzte Anlaufstelle für von Gewalt bedrohten Frauen eröffnet.

Das Gewalthilfegesetz begrüßt auch Dilken Çelebi vom Deutschen Juristinnenbund e.V., denn: „Das Strafrecht hat nur eine begrenzte Wirkung. Es kann und darf nicht für sich alleine stehen.“ Doch für die Juristin steht fest: „Wir müssen uns als Gesellschaft bei der Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt entschieden gegen rassistische Vereinnahmungen stellen. Denn diese Art von Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftskreise, ungeachtet der Herkunft, Schicht, Religion oder sonstiger Merkmale. Nur wenn wir geschlechtsspezifische Gewalt als gesamtgesellschaftliches Phänomen anerkennen, können wir sie effektiv bekämpfen.“

Hilfetelefon derzeit nicht erreichbar

Paus verweist in ihrer Rede zudem auf das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, an das sich Frauen wenden können, die Gewalt erleben oder erlebt haben. Die Nummer des Hilfetelefons lautet 116 016. Dieses ist „24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche besetzt“, so Paus.

warnstreik
Das Hilfetelefon ist derzeit aufgrund eines Warnstreiks nicht erreichbar.© köllen | köllen

Beim Blick auf die Website des Hilfetelefons fällt jedoch auf: Derzeit ist das Hilfetelefon gar nicht erreichbar – Grund ist ein Warnstreik im öffentlichen Dienst. Frauen in einer Notsituation werden gebeten, sich unter der 110 an die Polizei zu wenden.

Am heutigen Freitag (7. Februar) findet um 12 Uhr am Gedenkstein für Hatun Sürücü (Oberlandgarten 1/ Ecke Oberlandstraße, 12099 Berlin) eine stille Gedenkveranstaltung statt. Mit einer Schweigeminute soll ihr und allen Opfern von Femiziden gedacht und gemahnt werden.