Für Resül Durmuş sind die Tage im Wohnheim des Unionhilfswerks in Neukölln gezählt. Im September zieht er aus, in eine kleinere betreute WG. Sein Traum ist es, dann einen Minijob zu finden. Fünf Jahre hat der 54-Jährige in der Kirchgasse im Richardkiez gelebt, weil er vorher „bisschen doof im Kopf“ war, wie er sagt. Fünf Jahre ist schon vergleichsweise lang, denn beim Übergangswohnen geht es eben darum: Den Übergang in ein eigenständigeres Leben zu finden.

Damit gehört die Einrichtung, in der 29 Menschen in fünf Wohngemeinschaften meist für zwei bis drei Jahre leben, zur Eingliederungshilfe. Die gehört zu den Bereichen, in denen Stefan Evers (CDU) im Rahmen seiner Sparpläne jeden Stein umdrehen will: „Kein Projekt wird unbeachtet bleiben“, sagte der Finanzsenator. Seiner Aussage, Berlin gebe dort 30 Prozent mehr Geld für die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung aus, als „anderswo“, kritisierte die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Gabriele Schlimper im Morgenpost-Interview scharf. Verglichen mit den Stadtstaaten Bremen und Hamburg lägen die Kosten für die Eingliederungshilfe pro Einwohner sogar niedriger.

Eingliederungshilfe: Raus aus der Klinik, rein in den Kiez

Das Übergangswohnheim in Neukölln wurde 1987 gegründet und verfolgte ein damals bahnbrechendes Konzept. Menschen mit psychiatrischen Diagnosen sollten nicht mehr am Stadtrand isoliert untergebracht werden, sondern mittendrin im Kiez, in der Gemeinschaft integriert. Nach wie vor überzeugt davon ist die Einrichtungsleiterin Carolin Rosner, die schon seit 28 Jahren im Übergangswohnheim arbeitet. Damals hieß es noch „ach, da kommen die Verrückten“, erinnert sie sich. Heute gibt es gemeinsame Projekte mit der Nachbarschaft. Die Akzeptanz gegenüber Menschen mit psychischen Problemen habe sich wesentlich verbessert.

Übergangswohnheim Neukölln, Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen GmbH: Übergangswohnheim Neukölln
Im Gemeinschaftsraum seiner WG sitzt Resül Durmuş mit Mitbewohnern bei Kaffee und Kuchen. Gekocht wird selbst im Übergangswohnheim.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Sechs Wohnheime derselben Art gibt es in Berlin. Von den Sparplänen des Senats sieht sie ihr Haus derweil nicht bedroht. „Wir haben gerade erst die Entgeltvereinbarung für das Jahr abgeschlossen“. Und die Nachfrage nach Plätzen steigt auch, insbesondere von einer Seite. Immer mehr Klienten kommen aus dem Maßregelvollzug ins Übergangswohnheim. Im Maßregelvollzug sind straffällig gewordene psychisch Erkrankte und Suchtkranke untergebracht. „Die Versorgungslücke dort ist riesig“, sagt Rosner. Inzwischen erhalte sie sogar Anrufe direkt aus den Justizvollzugsanstalten, die nach Plätzen für Insassen suchen.

Wochenstruktur und Arbeit ohne Druck

Ob die Bewohnerinnen und Bewohner im Übergangswohnheim offen ihre Diagnosen und ihre Strafgeschichte mit ihren Mitbewohnern teilen, ist ihnen selbst überlassen. In meistens gemischten WGs gewöhnen sie sich im Wohnheim vor allem an eine strukturierte Wochenplanung. Kochen, Putzen, Therapien, Gruppenstunden und Arbeitseinheiten stehen im Terminkalender.

Übergangswohnheim Neukölln, Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen GmbH: Übergangswohnheim Neukölln
Ob sie offen über ihre Diagnosen oder Vorstrafen sprecen, bleibt den Bewohnern selbst überlassen. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Zum Arbeiten gehen die Bewohner des Wohnheims um die Ecke in die Fahrradwerkstatt des Unionhilfswerks in der Innstraße 24. Dort richten sie vor allem „alte Kiezmöhren“ wieder her, so ein Mitarbeiter. Die Aufwandsentschädigung liegt bei 1,25 Euro die Stunde. Zeit spielt keine Rolle bei der Erledigung der Aufträge. Wer müde ist, kann ohne sich rechtfertigen zu müssen auf einem Sofa ausruhen. Davon profitieren auch die Kunden. Weil die Arbeitszeit in der Werkstatt so günstig ist, lohnt es sich finanziell, auch alte Fahrräder aufwendig reparieren zu lassen.

Zuverdienst ohne Druck

Nebenan liegt der Laden, in dem die Produkte aus der großen Textil- und Holzwerkstatt des Unionhilfswerks verkauft werden. Hippe Bauchtaschen in bunten Stoffen, Kirschkernkissen oder Schneidebretter stellen dort Menschen her, die sich etwas zu ihren Sozialleistungen dazuverdienen. Die sogenannte Anwesenheitspauschale liegt bei 1,70 Euro die Stunde. „Das ist natürlich nicht, um davon zu leben“, sagt Monika Mönke, „für mich aber ein schöner Nebeneffekt“.

Zuverdienstwerkstatt Unionhilfswerk Neukölln
Monika Mönke arbeitet seit 24 Jahren in der Zuverdienstwerkstatt. Nähen hat sie hier von der Pike auf gelernt und besonders mochte sie die Holzarbeiten: „Blaumann an und los. Det hat mir immer Laune jemacht.“© Jana Treffler | Jana Treffler

Mönke arbeitet seit 24 Jahren in der Zuverdienstwerkstatt. 21 Jahre war sie davor auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig, als „Spieltante“ in einem Kinderkrankenhaus. Dann wurde sie „ganz schön krank“, kündigte und ging zweimal stationär in eine Klinik. Aus der Frührente wechselt die 65-Jährige bald in die Altersrente. Auch wenn ihr die 1200 Euro, die sie dann bekommt, zum Leben reichen würden, denkt sie nicht daran, die Arbeit in der Werkstatt aufzugeben: „Ich muss etwas tun“, sagt die Schönebergerin.

Auch wenn niemand seinen Lebensunterhalt mit dem Verdienst aus der Werkstatt bestreiten kann, bietet sie ein anderes Gut: Menschen können ohne den Druck des ersten Arbeitsmarkts tätig sein, sich etwa mit der Auswahl der Stoffe kreativ „austoben“, wie Mönke sagt. „Als ich hier ankam, habe ich kaum gesprochen“, erinnert sie sich. Heute vertritt sie als Beschäftigtensprecherin die Anliegen der Mitarbeiter, schlichtet bei Unstimmigkeiten und gibt Werkstattführungen.

Übergangswohnheim Neukölln, Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen GmbH: Übergangswohnheim Neukölln
Bamdad Oskoui begutachtet seine Sonnenblumen. Auf die roten Riesensonnenblumen, die noch aufgehen müssen, freut er sich besonders.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Zurück im Übergangswohnheim hat sich im Innenhof die Gartengruppe zusammengefunden. Aktuelle und ehemalige Bewohner ziehen Kürbisse, Zucchini und Sonnenblumen. Dass es bunte Sonnenblumen gibt, hat Bamdad Oskoui überrascht. Er wollte sie unbedingt anbauen. Nach 20 Jahren als Maler und Lackierer entwickelte der heute 43-Jährige eine Psychose. Seit einem Jahr wohnt er in der Kirchgasse in Neukölln. „Das Gärtnern kenne ich aus dem Schrebergarten, den ich mit der Mutter meiner Tochter vor unserer Trennung hatte.“ Die Ruhe und dass immer Ansprechpartner da sind, helfen ihm jetzt am meisten, sagt er. Die tolerierende Haltung im Übergangswohnheim bildet das Fundament des Konzepts. „Hier kann man auch mit seinen kleinen Verrücktheiten leben“, sagt Rosner.

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