Zwangsarbeit in Neukölln

In der Clay-Schule ist Geschichte mehr als ein Schulfach

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Victoria Atanasov
Zwei Schülerinnen sitzen vor dem vom Museum Neukölln erarbeiteten Material über das ehemalige Zwangsarbeitslager in Rudow.

Zwei Schülerinnen sitzen vor dem vom Museum Neukölln erarbeiteten Material über das ehemalige Zwangsarbeitslager in Rudow.

Foto: Victoria Atanasov

Wo die neue Clay-Schule hinkommt, stand einst ein NS-Zwangsarbeitslager. Die Schule geht neue Wege, um an die Geschichte zu erinnern.

Berlin.  „Wir haben uns alle dazu entschlossen, dass wir das machen wollen, weil wir Interesse daran haben, was in der Geschichte auf dem Gelände passiert ist”, sagt die Zehntklässlerin Firangiz aus der Clay-Schule. Denn wo gerade das neue Schulgebäude zwischen der Köpenicker Straße und dem Neudecker Weg gebaut wird, stand einst das größte von Neuköllns etwa 200 ehemaligen Zwangsarbeitslagern.

Mit elf weiteren Schülerinnen und Schülern in der AG sichten sie eine Stunde pro Woche Berge an historischem Material zum ehemaligen Zwangsarbeitslager in Rudow. „Wir haben letzte Woche über Gesundheit und Hygiene bei den Zwangsarbeitern gesprochen. Das müssen wir noch zusammenfassen”, erzählen Leila und ihre Teamkollegin Esma.

In Zweier- oder Deiergruppen sitzen sie alle noch nach dem Unterricht vor den Rechnern und klicken sich durch Präsentationen, in denen Zeitzeugen über das Leben im ehemaligen Zwangsarbeitslager berichten. Unter ihnen vor allem ausländische Personen, die in den Rüstungsfabriken entlang der Rudower Kanalstraße schuften mussten.

Erinnerungskultur in den Schulalltag integrieren

Statt die Geschichte unter einem Neubau zu vergraben, entschied man sich, die Schule als einen musealen Ort zu gestalten, an dem Erinnerungskultur in den Schulalltag integriert wird. Die Clay-Schule und das Museum Neukölln haben sich dafür gemeinsam ein Konzept überlegt:

Eine archäologische Ausgrabung am neuen Standort, eine Materialsammlung historischer Zeugnisse durch das Museum Neukölln, Interviews mit Schülern und eine Schul-AG, die das Material sichtet und für zukünftige Rundgänge aufarbeitet. Die Ideen und das Engagement gehen nicht aus - viele weitere Projekte sind bereits geplant.

Neue Schulgebäude erinnert an die Geschichte

Dazu noch das neue Schulgebäude, in dem die Fundstücke aus der 2016 stattgefundenen Ausgrabung architektonisch integriert werden. So laufen Schüler bald durch eine Schulstraße, die die Ausgrabungsfunde ausstellt.

Die Fensterwand einer übrig gebliebenen Baracke des Zwangslagers bleibt erhalten, allerdings hinter Plexiglas wegen Asbestresten. Im Eingangsbereich der Schule in der Nähe der Mensa wurde ein Teil der Ausgrabungsstelle in Form eines Splittergrabens rekonstruiert.

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„Es fehlt an Orten, wo wir uns erinnern können“

„Ich finde es sehr gut, dass man aufklärt, wie es früher war“, sagt Connor. Erinnern ist wichtig, „damit sich so etwas Schreckliches nicht wiederholt”, fügt sein Kollege Narcisse aus der Schul-AG hinzu. Das sieht auch der Direktor des Museums Neukölln, Martin Henkel, so: „Erinnerungskultur muss neu gedacht werden, denn es fehlt an Orten, wo wir uns proaktiv an unsere Vergangenheit erinnern und mit dieser auseinandersetzen können.“

Damit man am neuen Standort nicht nur durch Exponate in der Schule an die NS-Zwangsarbeit erinnert wird - die man mit dem bekannten Tunnelblick im Alltag eh übersieht - müsse man die Geschichte immer wieder aufbrechen, sagt der Geschichtslehrer und Fachbereichsleiter für Gesellschaftswissenschaften an der Clay-Oberschule Niels Plaumann. „Unsere große Herausforderung ist, eine Brücke und eine Kontinuität herzustellen, zwischen dem, was dort war, und dem, was wir jetzt damit machen.”

Schüler werden zu Experten

Eine Brücke kann beispielsweise die Schul-AG schlagen. Sie übersetzt all das historische Material, aufbereitet vom Museum Neukölln, in ihre eigene Sprache, um später den jüngeren Schülern die Geschichte des ehemaligen Zwangsarbeitslagers näherzubringen.

„Viele Kinder heutzutage haben kein Verständnis mehr dafür, den Wert zu schätzen, was man hat. Und vielleicht verstehen sie es noch einmal mehr, wenn statt Erwachsenen wir als Jugendliche es erklären”, sagt Conner. Sie alle stehen fest hinter ihrer Arbeit, die sie freiwillig und zusätzlich zum Unterricht machen.

Erinnerungsstätte direkt vor Ort zu haben, ist eine große Chance

Langfristig sind Workshops und Führungen geplant, die zum Teil durch Museumsmitarbeiter und zum Teil durch zu Experten ausgebildete Schüler angeboten werden. „Es wird einen Platz geben, wo wir das Ausgearbeitete, was wir jetzt machen, präsentieren“, erklärt Firangiz aus der AG. Im Lehrplan wird es einen Fokus auf Zwangsarbeit geben und ein Wahlpflichtfach wird erarbeitet.

„Ich fände es toll, dass wir auch selbstbewusst genug sind, diese besondere Form der Erinnerungskultur, die wir bei uns haben, kritisch auszustellen.” So konkret eine Erinnerungsstätte unter sich zu haben, bedeutet dafür eine große Chance, so Plaumann.

Verantwortung ist auch Druck und eine Frage von Ressourcen

Eine große Chance, aber auch eine große Verantwortung, die nicht nur von der Schule allein getragen werden kann. Zeit ist dabei nur ein Problem. Ohne eine längerfristige Ausstattung mit Stellenanteilen im Schulbudget werden langfristige Schulprojekte zu einer Herausforderung. „Weitere Investitionen von Senat und Bezirk sind nötig, um die Arbeit mit genügend Ressourcen verlässlich auszustatten“, sagt Schuldirektor Thorsten Gruschke-Schäfer.

Ort des Erinnerns ja, aber in erster Linie Schule

Wie sich die neue Schule nach außen als musealer Ort öffnen kann, ist eine weitere Frage. Denn der neue Schulbau ist in erster Linie eine Schule, an der gelernt und gelehrt wird, dämpft Plaumann. Man könne da nicht einfach Besucher ohne weiteres einlassen, auch „weil wir die Schüler schützen müssen” - vor geschichtsrevisionistischen Leuten beispielsweise, die man nicht auf dem Schulgelände haben will.

Dennoch sei man sich der gesellschaftlichen Verantwortung mit einem Gedenkort unter sich bewusst und freue sich über das große Interesse, dass auch von außen an sie herangetragen werde. In Zusammenarbeit mit dem Museum und Bürgern werde man daran arbeiten, öffentliche Angebote zu schaffen, so Plaumann.

Schulneubau begann vor über 30 Jahren

Momentan rückt der Umzug mit 1200 Schülerinnen und Schülern sowie 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern während des laufenden Schuljahres näher - ein Herkulesaufgabe, wie der Schuldirektor sagt, und eine eigene Geschichte, die der Erinnerungskultur bedarf.

Denn wo einige in der AG Experten werden, wissen andere Schüler nicht einmal, dass die Clay-Schule einen Neubau bekommt. Kein Wunder, denn dieser wurde schon vor über 30 Jahren, anfangs der 90er Jahre, beschlossen.

Damals wurde in dem alten Schulgebäude Asbest festgestellt und die Schüler mussten schnell ausziehen. Zum Übergang kamen sie erst ganz verteilt in Berliner Schulen unter, bis das Übergangsgebäude fertig wurde. Fünf bis acht Jahre sollten sie dort eigentlich nur bleiben, jetzt sind es mittlerweile 33 Jahre.

Wer wird zuerst fertig: Die Clay-Schule oder der Flughafen BER?

Dabei hatte Gruschke-Schäfer extra Fotos und Videos angebracht, um die Schüler und Lehrkräfte über den Neubau und die historische Bedeutung des Neubaus zu informieren. Aber im Schulalltag ist es eben schwer, anderes als die verpasste Abgabe der Hausaufgabe mit der Lehrerin zu diskutieren.

„Wer wird zuerst fertig: Die Clay-Schule oder der Flughafen BER?“, wetteten sie scherzhaft in der Schule. Wer auf die Schule setzte, hat verloren, denn noch ist der Neubau nicht fertig. Wie oft der Bau verschoben wurde, weiß niemand mehr: „Hier gab es Dinge, die hielt man nicht für möglich!”, sagt Gruschke-Schäfer. Vieles liegt davon längst schon vor seiner Zeit als Schulleiter.

Neubau soll im Sommer 2023 fertig werden

Immerhin ist ein Ende in Sicht. Der Neubau soll im Sommer 2023 fertiggestellt werden. Er entsteht auf einem Riesengelände mit einem flachen, quadratisch angelegten Neubau von 100 mal 100 Metern mit eigener Doppelsporthalle, Beachvolleyball-Feldern und Kletterwand.

Momentan wird bereits an der Inneneinrichtung gearbeitet. Auch die Kooperation zwischen Schule und Museum ist seit Schuljahresbeginn weiter in Fahrt gekommen, sie hatte durch verschiedene Positionswechsel und Coronabedingt länger brach gelegen.

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