Neukölln ohne Ruhe

Lärm-Hotspot Schillerkiez: Zu laut, um zu schlafen

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Victoria Atanasov
Touristen lieben den Schillerkiez. Anwohner beschweren sich hingegen über Lärm und Partys.

Touristen lieben den Schillerkiez. Anwohner beschweren sich hingegen über Lärm und Partys.

Foto: Franziska Koark / picture alliance / dpa

Bewohner beklagen sich über Lärmbelästigung im Schillerkiez. Konzerte, Touristen und neue Lokale sorgen für schlaflose Nächte.

Berlin.  Insgesamt 67.712 Lärmbeschwerden sind bisher beim Berliner Ordnungsamt gemeldet worden (Stand Dezember 2022). Damit landet Lärm unter den Top Fünf von Berlins Leiden. Ein großes Thema im Schillerkiez Neukölln: Hier ist der Geduldsfaden bei den Anwohnerinnen und Anwohnern kurz vorm Reißen.

Denn die Gegend ist beliebt geworden und entwickelte sich mit seinen einladenden Plätzen und dem Tempelhofer Feld zum Lärm-Hotspot: Konzerte in der Hasenheide, Baustellen im Kiez und Touris mit Bier und Bluetooth-Box auf der Straße oder in den vielen neuen Bars und Restaurants lassen Anwohner nicht mehr ruhig schlafen: „Wir haben hier extreme Belastungen”, sagt ein Anwohner.

Schalluntersuchung im Schillerkiez: Es ist zu laut

Um sich einen Überblick über die derzeitige Lärmbelästigung im Schillerkiez zu verschaffen, wurde im Rahmen des Förderprogramms „Lebendiges Quartier Schillerpromenade” eine Schalluntersuchung in Auftrag gegeben. Dabei wurde der Schallpegel jeweils für eine Stunde von 22 bis 23 Uhr an ausgewählten Stellen gemessen.

Kurz gefasst: Es ist zu laut im Schillerkiez. Das Gutachten, erstellt durch das Akustikbüro K5 GmbH, bestätigt damit die Erfahrungen der Anwohner. Die bei Nacht maximal in einem Wohngebiet wie das Schillerkiez zulässige Lautstärke von 40 Dezibel wurde bei allen gemessenen Pegeln um etwa 15 bis 22 Dezibel überschritten.

Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich hilflos

Viele Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich hilflos und bemängeln fehlendes Interesse und Entgegenkommen vonseiten der Politik. „Ich habe einen Anspruch darauf, ruhig schlafen zu können. Einige sind schon weggezogen, aber ich will hier gern wohnen bleiben”, sagt eine Anwohnerin aus der Okerstraße. Wo sollte sie auch hinziehen, Wohnungen fände man sowieso keine in Neukölln und auf die Verwaltung, die einen eigentlich schützen sollte, könne man sich auch nicht mehr verlassen.

Dabei gehört es den Aufgaben der Polizei und des Ordnungsamtes „Ruhe wiederherzustellen oder immerwiederkehrenden Lärm zu sanktionieren“, so Boris Karasch vom Ordnungsamt Neukölln. Trotzdem sei laut Anwohner oft nichts passiert, wenn man sich bei den zuständigen Behörden gemeldet hatte.

„Das Dilemma ist, dass es verschiedene Bedürfnisse gibt.”

„Das Dilemma ist, dass es verschiedene Bedürfnisse gibt. Man muss gucken, wie man das alles vereinen kann”, sagt Klara Schmidt vom Stadtentwicklungsamt und weist damit auf ein grundlegendes Problem hin. Einerseits gibt es den berechtigten Bedarf an Ruhe für die Anwohner, andererseits den Wunsch, mehr öffentliche Aufenthaltsorte zu schaffen, die dann auch mit Lärm einhergehen.

Das Nachtleben gehört nun einmal auch zu Berlin, deshalb muss man Kompromisse finden, mit denen alle leben können, oder? Für Touristinnen und Touristen, die vom pulsierenden Nachtleben Berlins angezogen werden, mag das gut klingen - die Menschen, die hier leben, arbeiten und sich zu Hause fühlen, frustriert es dagegen. „Lärm macht krank“, gibt ein Anwohner zu Bedenken, der sich vom Bezirksamt konkretere Vorschläge gegen Lärm wünscht.

Schillerkiez ist Wohnort, keine Partymeile

Ein Kompromiss klingt für sie schal, denn das Schillerkiez ist Wohnort, keine Partymeile. Viele der Wohnungen liegen zur Straße hin ausgerichtet, sodass ein Rückzug nicht möglich ist. Aber auch eine Wohnung im Hinterhaus hält den Trubel nicht davon ab, den Anwohnern ihren Schlaf zu rauben.

Außerdem gibt es klare Regeln für Wohnorte: Nach der Berliner Lärmschutzverordnung gilt von 22 bis 06 Uhr Nachtruhe, in der jeder störende Lärm verboten ist. Bei einer Ordnungswidrigkeit kann eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro fällig werden, auch Lärm verursachende Gegenstände können eingezogen werden.

Mit einer Kampagne sensibilisieren

Es gibt auch bereits Ansätze, die man derweil ausprobiert und gut ankommen. So gibt es das seit 2014 in Friedrichshain-Kreuzberg begonnene Projekt Fairkiez, das mit Informationsmaterial wie Postkarten unter anderem auch zum Thema Lärm sensibilisiert. Die Nachfrage ist groß, so Faye Preusse von der Wirtschaftsförderung.

Auch ein Fairkiez-Knigge wurde entwickelt und liegt an verschiedenen Stellen in betroffenen Stadtteilen aus: Für die neuen Auflage wurde auch das Schillerkiez aufgenommen. Weil es so gut läuft, soll das Projekt auch auf die Bezirke Lichtenberg, Köpenick und Pankow ausgeweitet werden.

Ausgefallene Ideen: Ein Beschwerdetelefon auf dem Herrfurthplatz

Schön und gut, aber das reicht bei weitem nicht, so eine Anwohnerin: „Das Problem sind Touristen, die sich in den Spätis mit Alkohol versorgen und sich auf den Freiflächen niederlassen. Diese erreicht man nicht durch die Fair-Kiez-Kampagne.”

Auch die ausgefallene Idee, ein Telefon auf dem Platz zu installieren, bei dem Bewohner anrufen können, wenn die Leute mal über die Strenge schlagen, scheint eher abwegig und wird von den Bewohnern abgelehnt. Was solle das bringen, wenn auf dem Herrfurthplatz dann niemand rangeht? Wie wäre es stattdessen mit einem Verbot für Bluetooth-Boxen ab 22 Uhr in der Öffentlichkeit?

Schillerkiez ist 10 Jahre Fördergebiet

Umweltstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) will sich bemühen, in weiteren Gesprächen gemeinsam Lösungen zu finden: „Ich will das nicht hinnehmen. Deshalb will ich weiter nach Lösungen suchen. Ich wünsche mir, dass das der Beginn eines Reflektionsprozesses ist, denn von uns hat noch niemand den Stein der Weisen gefunden”, sagt er. Deshalb lädt er die Leute zum Dialog ein und hofft auf positive Auswirkungen, die man dann auch auf andere Kieze übertragen kann.

Für die Bezirkspolitik mag dies ein Anfang sein, für die Bewohner ist Lärm bereits jahrelang ein Thema. Immerhin kann man dieses nun gezielt mit finanzieller Unterstützung angehen, denn seit Oktober 2019 ist das Schillerkiez ein Fördergebiet im Rahmen des Förderprogramms “Lebendige Zentren und Quartiere”, finanziert durch Bund und Länder. Die Laufzeit beträgt etwa 10 Jahre. Auch das Schallgutachten ist eine der Maßnahmen des Programms.

Weitere Maßnahmen im Fördergebiet Schillerkiez:

die Umgestaltung der Oderstraße als Fahrradstraße ab 2023

ein neues Verkehrskonzept ab 2023

Umgestaltung der Grünanlage der Schillerpromenade ab 2024

Umgestaltung des Herrfurthplatz voraussichtlich ab 2024

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