Auf der Straße

Kiez trauert um verstorbenen obdachlosen Musiker

Marco Reckinger starb am 8. Januar unbemerkt auf der Straße. Sein Tod zeigt, wie schwer es sein kann zu helfen.

Mit Blumen gedenken Anwohner des verstorbenen Obdachlosen Markus.

Mit Blumen gedenken Anwohner des verstorbenen Obdachlosen Markus.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Am 8. Januar ist in der Herrfurthstraße der obdachlose Musiker Markus gestorben. Unter diesem Namen kannten ihn die Menschen aus der Gegend. Der Kiez trauert, hat seit einer Gedenkfeier am Sonntag Kerzen aufgestellt, um an einen jungen Mann zu erinnern, der, obwohl ihn viele mochten, allein auf der Straße gestorben ist.

Zum Sozialpsychiatrischen Dienst hatte Markus, der eigentlich Marco Reckinger heißt, immer wieder Kontakt, denn psychisch ging es ihm nicht gut. Mehrfach wurde von Nachbarn der Notdienst gerufen. "Der letzte Eintrag in der Akte ist vom 18. November 2020", lässt Hannes Rehfeld vom Gesundheitsamt wissen. "An diesem Tag teilte der Sozialpsychiatrische Dienst dem Amtsgericht mit, dass der Aufenthaltsort des Herrn R. unbekannt ist."


Zwar wurden bei Markus Erkrankungen aus dem sogenannten schizophrenen Formenkreis festgestellt, doch er war keine Gefahr für sich oder seine Umwelt. Genau das war die Schwierigkeit: Zwingen, sich helfen zu lassen, konnte man ihn nicht.


Die Anwohnerin Julia V. teilt in einem Blog ihre Erinnerungen an den früh Verstorbenen: "In den vergangenen drei Jahren waren Markus' Rufe Teil des Alltags meiner Familie", schreibt sie. Diese legten sich ebenso unter Zoom-Konferenzen wie Gutenachtgeschichten für ihre Kinder. Man habe sich gegrüßt, die Kinder mochten ihn. Eine ältere Nachbarin nannte ihn "unser Penner da unten", eine Koexistenz, an die sich die Menschen aus dem Kiez gewöhnt hatten.


Als Markus in den letzten Wochen krank wurde, überlegte Julia V., wie man helfen könnte. Eine Behausung mit Crowdfunding finanzieren? Doch: "Nur Geld oder ein Ort zum leben hätten nicht ausgereicht." Der junge Mann wurde zwar durch die Obdachlosenhilfe und den Sozialpsychiatrischen Dienst betreut, aber nur kurzfristig. Pläne, ihm eine Wohnung zu besorgen, scheiterten, weil Markus nicht zu Treffen erschien. Unterstützung organisieren ohne jede Struktur- nahezu unmöglich. "Berlin verurteilt dich nicht, aber es fängt dich auch nicht auf, wenn du strauchelst", schreibt Julia V, der die Ereignisse nahegehen. Markus' Tod ist ein Mahnmal.

Alkohol und psychische Probleme sind keine befriedigenden Antworten

Wer abends durch die Herrfurthstraße läuft, kommt nicht umhin, die Menschentraube kurz vor der Hermannstraße wahrzunehmen. Immer wieder stockt der Fluss der Passierenden, bleibt jemand vor dem mit Kerzen und Bildern des Toten geschmückten Hauseingang stehen. Alle hätten den Mann, der seit drei Monaten dort schlief, gekannt, bezeugen die Leute im Späti nebenan. Markus war Stammkunde, manchmal hat er die Sicherheitskameras angeschrien, wenn er seinen Weißwein kaufte. Angst hatte niemand vor ihm, denn er war immer freundlich.

Er habe ihn noch als Musiker erlebt, der seine Texte vorrappte, erinnert sich ein Nachbar. Der Abstieg sei dann schnell gegangen. „Wie kommt man so plötzlich dahin?“, fragt ein anderer Anwohner in die kleine Diskussionsrunde, die sich auf die Frage nach Markus‘ Leben hin schnell ergeben hat. Alkohol, psychische Probleme – das sind keine befriedigenden Antworten, wenn ein junger Mensch allein in der Kälte gestorben ist.

Hilfe muss man immer wieder anbieten

Vor dem Gedenkort beginnt eine Frau Ende zwanzig zu weinen. Sie kenne Fälle wie Markus selbst aus der Pflege. Die Zuständigkeit für sie werde von Institution zu Institution verschoben, weil es keine Handhabe gibt. Das Problem der Person würde oft nicht gelöst, man lindere nur seine Symptome. „Gerade Menschen mit einer zarten Seele kommen manchmal einfach nicht mit dieser Welt klar“, sagt sie.

Auch wenn jemand Hilfe ablehnt, muss man sie anbieten, immer und immer wieder, findet Julia V. Sie erzählt von einer Szene, bei der ihr bewusst wurde, dass Unterstützung anzunehmen auch eine Frage der Kommunikation ist. Am 30. Dezember habe jemand die Obdachlosenhilfe verständigt, weil Markus wieder schrie. Die Männer, die dann kamen, seien ruppig mit ihm umgegangen, hätten abfällige Bemerkungen über die Unordnung an Markus‘ Schlafplatz gemacht. „Dabei war er so ordentlich wie man sein kann, wenn man auf der Straße lebt." Vor den Helfern habe Markus Angst gehabt.

Julia V. hat auf ihren Blogartikel viele Reaktionen bekommen. Was die Menschen umtreibt, ist: Was kann eine Gemeinschaft, was kann ein Kiez tun, um so jemanden vor seinen eigenen Entscheidungen zu schützen? Hätte man Markus‘ Tod verhindern können? Als Individuum, meint Julia, muss man die Hilfe manchmal aufgeben. Einen Menschen von der Straße gerade jetzt nicht zu sich in die Wohnung zu bitten – nachvollziehbar. Die Gesellschaft aber müsse sich solchen Schicksalen stellen und für die Zukunft bessere Lösungen suchen.