Er kämpft gegen Rechts

Buchhändler schon dreimal von Rechtsextremen attackiert

Drei Mal wurde Heinz Ostermann wegen seines Engagements gegen Rechtspopulismus attackiert. Ans Aufhören denkt er deshalb nicht.

Heinz Ostermann vor seiner Buchhandlung "Leporello".

Heinz Ostermann vor seiner Buchhandlung "Leporello".

Foto: Reto Klar

Berlin. Die Buchhandlung "Leporello" von Heinz Ostermann liegt in einer ruhigen Seitenstraße in Rudow, im gutbürgerlichen Süden von Neukölln. Im Schaufenster hängt ein Schild: "Vorsicht! Kameraüberwachung". Ostermann hat es vor ein paar Jahren anbringen lassen. Irgendwann zwischen Ende 2016 und Anfang 2018. Damals wurde er innerhalb kürzester Zeit drei Mal zum Ziel von Attacken. Zweimal zündeten Unbekannte seine Autos an. Einmal wurde die Fensterscheibe seiner Buchhandlung zertrümmert. Die Täter werden in der rechtsextremen Szene von Neukölln vermutet. Ihnen ist Ostermann ein Dorn im Auge, weil er sich mit anderen Neuköllner Buchhändlern gegen Rechtspopulismus und Rassismus engagiert. Trotz der sich wiederholenden Attacken und obwohl noch immer keiner der Täter gefasst wurde, sagt Ostermann: "Mein Engagement hat noch zugenommen."

Ostermann ist wie seine Buchhandlung: groß, ruhig und warm. Mit dem Laden in Neukölln hat sich der 62-Jährige einen Traum erfüllt: Früher war er Controller beim Senat. "Aber das hat mich nicht richtig glücklich gemacht", sagt er rückblickend. Also ließ er sich auszahlen und eröffnete 2007 seine Buchhandlung. Neben Romanen liegen hier Sachbücher, Biographien Bildbände oder Kinderbücher. Außerdem finden in seinem Buchladen regelmäßig Veranstaltungen und Lesungen statt. Im Dezember 2016, kurz nachdem die AfD in das Abgeordnetenhaus eingezogen war, kamen hier rund 50 Berliner zu der Diskussionsrunde "Was tun gegen die AfD? Aufstehen gegen Rassismus" zusammen. Wenig später schlugen ihm Unbekannte nachts die Fensterscheibe ein. "Die Steigerung aber kam dann im Januar, als mein Auto angezündet wurde", erzählt Ostermann.

288 rechte Straftaten in Neukölln seit 2016

In dieser Nacht war er nicht der Einzige, der Opfer rechter Gewalt wurde. Auch das Auto von Mirjam Blumenthal wurde angezündet. Sie sitzt für die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Neukölln. Wie aus einer aktuellen Anfrage von den Linken-Abgeordneten Niklas Schrader und Anne Helm hervorgeht, wurden in Neukölln zwischen dem 9. Februar und 8. Oktober 2018 insgesamt 88 politisch motivierte rechte Straftaten registriert. Seit Mai 2016 wurden insgesamt 288 rechte Straftaten im Bezirk gezählt. Auf die Frage, wie viele der Ermittlungsverfahren bislang abgeschlossen oder eingestellt wurden, kann der Senat allerdings nicht antworten, "da eine gesonderte statistische Erfassung von Ermittlungsverfahren, die eine der Frage entsprechende Eingrenzung der Verfahren ermöglichen würde, seitens der Staatsanwaltschaft Berlin nicht erfolgt."

Im Falle von der eingeschlagenen Schaufensterscheibe von Ostermanns Buchhandlung allerdings wurden die Ermittlungen eingestellt. "Eigentlich hätte ich auch damit gerechnet, dass auch wegen meinem Auto nicht weiter ermittelt wird", sagt der Buchhändler. "Aber dann wurde mein zweites Auto angezündet. Da mussten sie dann weiter machen." Der Polizei wirft er zwar nicht vor, untätig zu sein. "Aber ich bin schon enttäuscht, dass bisher noch niemand festgenommen wurde." Solange, bis kein Täter festgenommen wird, rechnet Ostermann täglich mit einem neuen Angriff.

Die Angst ist zum ständigen Begleiter geworden

Seit den Brandanschlägen hat sich sein Leben verändert. Angst ist ein ständiger Begleiter geworden. Dunkle Straßen geht er nachts nicht mehr allein entlang. "Wenn ich auf der Straße jemanden hinter mir höre, dann bleibe ich lieber stehen und lasse den vorbei gehen", erzählt Ostermann. Der Blick über die Schulter ist zur Routine geworden.

Doch nicht nur die Angst ist ein neuer Bestandteil in Ostermanns Leben. "Ich bin seitdem auch politisch wieder aktiver", sagt er. Zum Beispiel mit der Lesereihe "Kopf aus dem Sand". Organisiert wird die Veranstaltungsreihe von verschiedenen Neuköllner Buchhändlern, die sich gegen Rechtspopulismus engagieren. Denn Ostermann und seine Kollegen sind sich sicher: "In der Redewendung steckt der Strauß den Kopf in den Sand und glaubt sich sicher. Die Wirklichkeit zu ignorieren, kann aber fatale Folgen haben."

Heute Abend um 19.30 Uhr findet in der Richardstraße 104 in der "Biographischen Buchhandlung" die Abschlussveranstaltung der Lesereihe statt. Unter dem Motto „Was wir unter Haltung verstehen“ diskutiert Ostermann mit Kollegen und Neuköllnern.

Er initiierte auch eine Postkartenaktion

Darüber hinaus hat Ostermann die Initiative "Rudow empört sich" gestartet. Gemeinsam mit anderen Anschlagsopfern und verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren hat er zum Beispiel eine Postkarte designt, die an Innensenator Andreas Geisel (SPD) geschickt werden soll. Der Inhalt: Rudow und seine Einwohner sind empört über die rechtsextrem motivierten Bedrohungen, Angriffe und Brandanschläge - und darüber, dass die Täter immer noch auf freiem Fuß sind. Bisher wurden rund 5000 Postkarten abgeschickt.

Für sein Engagement ist Ostermann im vergangenen Jahr mit dem Band für Mut und Verständigung vom gleichnamigen Bündnis ausgezeichnet worden. Außerdem ist er Träger des Deutschen Buchhandlungspreises. Doch Ostermann zahlt einen hohen Preis für sein Engagement und Mut: Seine Veranstaltungen finden meist unter Polizeischutz statt. Regelmäßig fährt außerdem ein Streifenwagen an seiner Buchhandlung, aber auch bei ihm zu Hause vorbei. "So etwa einmal in der Stunde", sagt er. Denn was ihn, aber auch die Polizei besonders beunruhigt: Die Täter müssen Ostermann vom Laden bis nach Hause gefolgt sein, um dort sein Auto anzuzünden.

An den Polizeischutz hat sich Ostermann mittlerweile gewöhnt. "Das gibt mir eine gewisse Sicherheit", sagt er. Aber auch: "Es ist erbärmlich, dass so etwas überhaupt nötig ist."

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