Drogen in Berlin

Drogenkonsum auf Spielplätzen und in Parks wird zur Gefahr

Wo sonst Familien mit ihren Kindern spielen, treffen sich am Abend Fixer. Am Morgen zeugen leere Spritzen von den Exzessen der Nacht.

Bei einem Einsatz im Anita-Berber-Park in Neukölln kontrollieren Polizisten einen mutmaßlichen Drogendealer

Bei einem Einsatz im Anita-Berber-Park in Neukölln kontrollieren Polizisten einen mutmaßlichen Drogendealer

Foto: Alexander Dinger

Berlin. Im dichten Grün bahnen sich zwei Polizisten ihren Weg durch den Anita-Berber-Park in Neukölln. Links und rechts neben dem Weg liegen zahlreiche Spritzen. „Der Park ist ein beliebter Drogenumschlagplatz“, sagt einer der beiden Beamten. Mit seiner Lage zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld liegt er günstig. Dealer und Konsumenten machen hier ihre Geschäfte und das nur wenige Meter von einem Spielplatz entfernt.

Dort, wo Familien mit ihren Kindern spielen, treffen sich am Abend Fixer. Am Morgen zeugen leere Spritzen und Alufolie, die etwa zum Rauchen von Heroin genommen wird, von den Drogenexzessen in der Nacht. „Bevor meine Kinder hier spielen können, muss ich immer alles absuchen“, sagt ein Anwohner. Die Spritzen, die er finde, entsorge er dann im Mülleimer.

Auf einem Spielplatz an der Stallschreiberstraße in Kreuzberg hatte eine Familie weniger Glück. Am Montag ist dort ein Fünfjähriger in eine Spritze mit HIV-infiziertem Blut getreten. Kein Einzelfall: Auch in Neukölln verletzte sich vor wenigen Wochen ein Ordnungsmitarbeiter an einer Kanüle. Davor kniete sich ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes aus Versehen in eine benutzte Spritze. Beide Fälle gingen glimpflich aus.

Bei dem aktuellen Fall in Kreuzberg bohrte sich die Nadel der Spritze durch den Turnschuh des Jungen millimetertief in dessen linken großen Zeh. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet. Aus der Einstichstelle sei Blut ausgetreten. Die Mutter des Jungen sei mit ihrem Kind sofort ins Krankenhaus Friedrichshain gefahren, von dort in die Kinderrettungsstelle des Virchow-Klinikums der Charité in Wedding verwiesen worden. Dort hätten die Mediziner festgestellt, dass sich in der Spritze HIV-positives Blut befunden habe, schreibt das Blatt.

Ob der Fünfjährige beim Kontakt mit der Spritze ebenfalls mit HI-Viren infiziert wurde, lasse sich spätestens in sechs Wochen feststellen. Eine Ansteckung sei im beschriebenen Fall allerdings unwahrscheinlich, es sei denn, es hätte sich um eine Spritze mit ganz frischem Blut gehandelt. Auf dem Spielplatz an der Stallschreiberstraße verkehren häufiger Drogenkonsumenten.

Bezirksbürgermeister fordert gesamtstädtisches Konzept

Berlinweite Zahlen zum Thema Drogenkonsum in Parks gibt es nicht. Laut Schätzungen des Bezirksamtes in Neukölln werden in 70 Prozent der öffentlichen Grünanlagen in Nord-Neukölln Drogen konsumiert. „Wir als Bezirk räumen permanent den Müll weg“, sagt Bezirksbürgermeister Martin Hikel der Berliner Morgenpost. Bei diesem Kampf werde der Bezirk vom Senat aber alleingelassen. „Wir brauchen endlich ein gesamtstädtisches Lagebild“, so Hikel weiter. Nur so könne man valide Zahlen erheben und feststellen, wo in der Stadt die Probleme besonders groß seien und wo man etwa mit präventiven Angeboten ansetzen könne. Im Moment verdränge man das Problem nur von einem Park in den nächsten. „Wir arbeiten nur an den Symptomen“, sagt Hikel.

In Neukölln entsteht an der Karl-Marx-Straße gerade ein Drogenkonsumraum. Abhängige sollen unter hygienischen Umständen so ihre Drogen nehmen können. Vor Ort findet eine Betreuung statt, die im besten Fall die Drogenabhängigen in einer Entzugstherapie vermitteln kann. In der Nachbarschaft ist das Projekt allerdings umstritten. Anwohner befürchten, dass Drogenabhängige dadurch erst angelockt werden.

Drogenkonsum in Berlin auf einem Zehnjahreshoch

Solange es noch keine stadtweiten Kon­trollen gibt, führen die Bezirke diese selber durch. In Neukölln machen das unter anderem die Mitarbeiter des Grünflächenamtes bei Spielplatzkontrollen, bei denen eigentlich die Sicherheit der Spielgeräte überprüft werden soll. „So läuft das nicht nur in Neukölln, sondern in allen innerstädtischen Park- und Grünanlagen. Eigentlich müsste das eine Fachfirma machen“, sagte ein Sprecher des Bezirksamtes. Neukölln hat an zehn Spielplätzen bereits spezielle Spritzenbehälter angebracht, in der Junkies ihr Drogenbesteck entsorgen können.

Das, was Eltern auf Spielplätzen und Besucher von Grünanlagen bemerken, findet sich auch in der Statistik wieder. In der Langzeitstatistik befindet sich Berlin auf einem Zehnjahreshoch. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 16.077 Rauschgiftdelikte erfasst. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 waren es insgesamt 11.631. Auffällig ist vor allem der Anstieg beim Kokain-Konsum und -Schmuggel.

Die gestiegenen Zahlen liegen aber auch am höheren Kontrolldruck der Polizei. „Wir erwischen aber nur die Spitze des Eisberges und wenn wir mal jemanden haben, müssen wir ihn wieder laufen lassen“, beschreibt ein Beamter das Dilemma bei der täglichen Ermittlungsarbeit.

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