Der mutmaßliche Mörder des Berliner Polizisten Uwe Lieschied hat zum Prozessauftakt überraschend sein Geständnis widerrufen. Der 40-jährige Mehmet E. erklärte am Donnerstag vor dem Berliner Landgericht, seine frühere Aussage vor der Polizei sei unter Druck zu Stande gekommen. Er sei zuvor geschlagen, getreten und beschimpft worden. Vor Angst und Übermüdung habe er alles gesagt, was die Vernehmer hören wollten, behauptete der in Hand- und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführte 40-Jährige. Der 30-jährige Mitangeklagte Yusuf K. bestreitet die Vorwürfe komplett.
Die beiden türkischstämmigen Angeklagten sollen am 17. März 2006 gegen 21.20 Uhr zunächst eine 51-jährige Frau an der Neuköllner Flughafenstraße überfallen und dabei rund 50 Euro erbeutet haben. Lieschied und sein Kollege, die an der Hasenheide in Zivil im Einsatz waren, verfolgt die Verdächtigen. An der Fontanestraße soll der 40-Jährige mehrere Kugeln auf Lieschied und den zweiten Beamten gefeuert haben, um fliehen zu können. Lieschied wurde am Kopf getroffen, lag im Koma und starb wenige Tage später. Sein Kollege konnte sich retten. Die Anklage wirft den beiden Männern gemeinschaftlichen Mord zur Verdeckung eines Raubes vor sowie versuchten Mord an einem zweiten Beamten vor.
Die Witwe und einer der beiden Söhne treten im Prozess als Nebenkläger auf. Beide Angeklagte, die wegen früherer Gewaltdelikte der Polizei bereits bekannt sind, werden in einem psychiatrischen Gutachten als voll schuldfähig eingeschätzt. Ihnen drohen lebenslange Freiheitsstrafen.
Schüsse für Böller gehalten
Sichtlich bewegt schildert sein überlebender Kollege die Schießerei vom 17. März. Lieschied sei auf zwei Personen zu gerannt und habe gesagt „Jungs, bleibt stehen, Polizei“. Einer der Männer drehte sich um und es knallte, erinnerte sich der 29-jährige Polizist vor Gericht. Er sei in Deckung gegangen, habe aber zunächst gedacht, es handele sich um Silvesterknaller. Den Ernst der Situation habe er erst erkannt, als keine Reaktion von Lieschied kam. Er habe ihn umgedreht und dann das Blut am Kopf gesehen.
Die schwarz gekleidete Witwe wirkte äußerlich gefasst, als der mutmaßliche Mörder ihres Mannes durch seinen Anwalt erklären ließ, das Geständnis sei von der Polizei durch Misshandlungen erpresst worden. Ihr Anwalt Roland Weber sagte am Rande des Prozesses, diese überraschende Wende müsse seine Mandantin in Ruhe verarbeiten. Die Familie stehe noch sehr stark unter dem Eindruck der Ereignisse. Vom Prozess erhoffe sich die Witwe Aufschlüsse über das Motiv der Tat, sagte Weber. Aus Sicht des Nebenklägers könne der mutmaßliche Schütze dennoch überführt werden. In dem früheren Geständnis habe der Angeklagte exaktes Wissen offenbart, das nur vom Täter stammen könne.
Im Zuschauerraum sitzen auch zahlreiche Polizisten. Seinerzeit hatten mehrere tausend Polizisten mit einem Trauermarsch durch die Hauptstadt ihres erschossenen Kollegen gedacht.




