Sozialer Brennpunkt

Verrufene Rütli-Schule wird Modellprojekt

Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln war vor knapp zwei Jahren bundesweit als negatives Symbol für die zunehmende Gewalt an Schulen bekanntgeworden. Jetzt sollen auf einem "Campus Rütli" mehrere Schulen des sozialen Brennpunktgebiets sowie Kitas und Jugendclubs eng zusammenarbeiten.

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Vor knapp zwei Jahren stand die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln bundesweit als Symbol für hemmungslose Gewalt und Chaos in Klassenzimmern und auf dem Schulhof. Jetzt ist der Wandel perfekt: Ein "Beispiel für Integration“ nannte Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) am Mittwoch den Start des "Campus Rütli“, einen Verbund von Schulen des sozialen Brennpunktgebiets, in dem 850 Schüler betreut werden. Schirmherrin Christina Rau, die Witwe des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, freute sich „über den völlig neuen Schwung“.

Der Senat war zur Feier des Tages gleich doppelt mit Schulsenator Jürgen Zöllner und Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (beide SPD) an dem nun befriedeten Ort eines damals dramatischen Geschehens präsent, an dem früher die Polizei den Zugang und die Ordnung wahren musste. Die Politik feierte das Ergebnis einer langen schweren Arbeit, die Tag für Tag vor allem von den Schülern, Lehrern und Eltern geleistet worden ist.


Im Herbst und Winter 2005 und noch lange im Frühjahr 2006 trauten sich die meisten Lehrer nur mit Handy in den Unterricht, um im ständig drohenden Notfall sofort die Polizei oder andere Lehrer um Hilfe rufen zu können. Die Schüler machten, was sie wollten, Disziplinlosigkeit hatte sich breitgemacht. Viele Lehrer meldeten sich gleich dauerkrank. In einem spektakulären "Brandbrief“ gestanden die Pädagogen ein, dass sie nicht mehr weiter wussten. Die Rütli- Schule geriet auf die Titelseiten und Kommentarspalten und war großes Thema in einer Bundestagsdebatte.

Das Zauberwort lautet "Miteinander“

Ganz anders das Bild im beginnenden Frühjahr 2008: Die Rütli-Wear ist zu einem beachteten Mode-Label der engagierten Jugendlichen geworden, an der Schule gibt es zahlreiche neue Sport- und Kultur- oder Musik-Gemeinschaften. Schüler der Rütli-Schule retteten bei einem Überfall ein Gewaltopfer vor Schlimmerem und wurden für ihren Mut geehrt. Zahlreiche Schüler gaben inzwischen sehr positiv klingende Interviews in den Medien, deren Vertreter sich vor zwei Jahren noch vor Steinwürfen ducken mussten. Jetzt wehten freundlich im Wind bunte Fahnen.

Der Wandel ist tiefgehend. Im Chaos handelte fast jeder gegen jeden, jetzt lautet das Zauberwort "Miteinander“. Politisch ist das neue Konzept im Kern die im neuen Schuljahr 2008/09 auf dem "Campus Rütli“ startende Gemeinschaftsschule. Dem Verbund, ein Teil des von den Linken im Senat durchgesetzten Modellprojekts Gemeinschaftsschule, gehören neben der Rütli-Schule die Heinrich-Heine-Schule und die Franz-Schubert-Schule an. Die Grundschulen kooperieren wiederum eng mit dem Albert-Schweitzer-Gymnasium.

Mehr als 80 Prozent der Schüler sind nicht-deutscher Herkunft

In das Projekt "Ein Quadratkilometer Bildung“ eingebettet sind mehrere Kindertagesstätten, soziale Werkstätten, Jugendclubs, die Volkshochschule sowie Kinder- und Jugenddienste der zuständigen Behörden. "Wir wollen konkret an der Rütli-Straße zeigen, dass uns jedes einzelne Kind wichtig ist“, sagte Schirmherrin Rau. Junge-Reyer fügte hinzu: "Wie die Menschen in Berlin leben, entscheidet sich in Gebieten wie Nord-Neukölln oder Reinickendorf-Süd.“

Schulsenator Zöllner sprach am Mittwoch von einem "sozialen Raum mit Bildungsanspruch“. Die kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit werde als Chance verstanden. Mehr als 80 Prozent der Schüler der künftigen Gemeinschaftsschule sind nicht-deutscher Herkunft. Laut Buschkowsky greift das Modell "Campus Rütli in das Rad der sich scheinbar naturgesetzlich ständig selbst erneuernden Unterschicht ein“. So könne die Wahrnehmung von Neukölln als einem reinen Problemgebiet verändert werden "in einen modernen heterogenen Modellbezirk“. Rau sagte: "Ich bin begeistert. Campus Rütli stößt auf sehr großes Interesse in der ganzen Gesellschaft und bindet alle gesellschaftlichen Kräfte ein.“

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