John Müller ist ein beispielloser Kraftakt gelungen: Er hat 8000 Kilometer mit dem Rad zurückgelegt und dabei 15 Länder passiert. Unter dem Motto „Für die Chemokids“ sammelte der Berliner Radler auf seiner monumentalen Reise von Berlin zum Taj Mahal fast 50.000 Euro an Spenden, um krebskranken Kindern Hoffnung zu schenken. Im Schnitt radelte er 100 Kilometer am Tag bei 32 Kilometern pro Stunde.

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Doch die größte Reise seines Lebens begann nicht im Mai 2026 am Brandenburger Tor, sondern zwei Jahre zuvor in den sterilen Fluren einer Krebsstation. Müller ist kein gewöhnlicher Extremsportler. Er hat ein Ewing-Sarkom überlebt, das noch seltener ist als Thomas Gottschalks Sarkom-Art. Ist dem Tod quasi davongeradelt. Der Betriebswirt aus dem Allgäu war damals gerade nach Stuttgart gezogen, um im CEO-Office bei Mercedes-Benz zu arbeiten. Heute lebt er in Berlin.

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Immer wieder stand das gesamte Projekt kurz vor dem Scheitern, doch Müllers unerschütterlicher Wille und die Gedanken an die Kinder, denen er helfen will, trieben ihn über mörderische Gebirgspässe, durch politische Sperrgebiete und direkt in die Isolation Zentralasiens. Die härteste Prüfung begann im Pamir-Hochland in Tadschikistan, einer der abgelegensten Regionen der Erde. Umgeben von majestätischen, über 7000 Meter hohen Bergen, musste Müller täglich rund 2000 Höhenmeter bezwingen.

Großer Empfang für John
Großer Empfang am Zielort: John Müller mit seiner Mutter Natalia Henninger, seinem Bruder Jack, und seinem alten Trainer Konrad Schweighart (v. li.). Die mitgebrachten Blumen, Ballons und Räder waren vor dem Taj Mahal verboten.© BM | Privat

Von asphaltierten Straßen konnte keine Rede mehr sein; stattdessen kämpfte er sich über Schotterpisten, die durch verheerende Naturkatastrophen völlig zerstört waren. Ganze Dörfer waren evakuiert worden, Sturzfluten hatten die Wege weggespült. Nur dank eines lokalen Fischers, der ihn und sein Fahrrad von einer überfluteten Straßenseite zur anderen übersetzte, konnte er den alten Pamirweg überhaupt fortsetzen. Die Wasserversorgung war lebensgefährlich: Das Wasser musste mit Schläuchen direkt aus Flüssen oder Seen gepumpt werden. Nur das Geschenk eines anderen Radfahrers – ein zweiter Wasserfilter – rettete Müller vor dem gesundheitlichen Kollaps.

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Afghanistans Grenze erschien zunächst unüberwindlich

Zwei Tage verbrachte er in einer komplett verlassenen Gegend ohne jede Zivilisation. Nach einer eisigen Übernachtung auf den extremen Höhenlagen überquerte er den Pass zur Grenze Afghanistans. Nachdem er diese harte Grenze überwunden hatte, erlebte er dort grenzenlose Gastfreundschaft: Einheimische bereiteten riesige Schüsseln Plov zu, reichten Kompott und die besten Süßigkeiten. Mit den Worten „Allah hat gesagt, du bist unser Gast“ hießen sie den Fremden willkommen.

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Die 8000 Kilometer lange Route© bm infografik | Babette Ackermann Reiche

Diese Stärkung war bitter nötig, denn der zuerst angepeilte Grenzübergang war komplett geschlossen und Müllers Visum nur noch drei Tage gültig. In der Abenddämmerung rettete ihn ein alter Lkw-Fahrer. Die ganze Nacht fuhren sie entlang der afghanischen Grenze, wobei der Lastwagen zweimal repariert werden musste, bis Müller schließlich den einzig offenen Grenzübergang nach Afghanistan erreichte: Shir Khan Bandar. Zehn Tage blieb Müller in Afghanistan.

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John Müller in Indien mit Einheimischen und seinem Bruder Jack (re.). © BM | Privat

Das Land präsentierte sich als eine extrem konservative Welt. „Die Taliban kontrollieren das öffentliche Leben. Frauen werden dort regelrecht ausradiert, Musik ist streng verboten“, berichtet Müller der Morgenpost. „Es wird jeden Tag schlimmer für Frauen.“ Zudem herrsche eine unvorstellbare Hungersnot. Aus Respekt und Sicherheitsgründen passte sich Müller sofort an: Er trug trotz 40 Grad Hitze nur lange Hosen und langärmlige Hemden und ließ sich einen dichten Bart stehen. Die Verständigung funktionierte über Englisch sowie Brocken von Farsi, Paschtu und Usbekisch.

Bewaffnete Taliban filzten den Europäer

Müller war von der Kriminalitätsfreiheit verblüfft: „In Afghanistan kann man sein Fahrrad 15 Minuten ohne Schloss stehen lassen, es passiert nichts“, berichtete Müller. Dennoch war die Nervenbelastung immens. Zweimal hintereinander wurde nachts die Tür seiner Unterkunft in einem einfachen Teehaus mit dem Fuß eingetreten.

Bewaffnete Taliban durchsuchten alles, filzten sein Smartphone und kontrollierten den Reisepass – eine reine Machtdemonstration aus Neugier, da viele noch nie einen Europäer gesehen hatten. Da die Taliban keine Smartphones besaßen und es kaum mobiles Internet gab, war digitales Bloggen unmöglich. Gegessen wurde traditionell mit den Händen aus einem gemeinsamen Topf. Wenn Müller trank, bildete sich sofort eine neugierige Menschentraube von 20 Menschen.

Radeln gegen Krebs John M in Indien
John Müller im August 2026 vor dem Taj Mahal.© BM | Privat

Nach der Durchquerung Afghanistans ging es weiter nach Pakistan. Das Land zeigte sich zwar ebenfalls sehr konservativ, aber deutlich weniger extrem, und das Internet funktionierte wieder hervorragend. Die größte geopolitische Hürde wartete jedoch an der Grenze zwischen Pakistan und Indien: Der Übergang war durch fünf Meter hohe Absperrungen komplett abgeriegelt.

Am bekannten Wagah-Grenzübergang erlebte er die aggressive, von Kriegspropaganda geprägte militärische Zeremonie. Trotz eines Spezialvisums durfte er die Grenze nicht auf dem Landweg passieren. Müller musste flexibel reagieren: Er flog von Lahore in die Vereinigten Arabischen Emirate und von dort weiter nach Delhi. Die letzten 230 Kilometer spürte er die volle Wucht des indischen Monsuns, als der Regen wie aus Eimern auf ihn herabstürzte.

Zum Schluss noch eine Krankheit: „Delhi Belly“

Kurz vor dem Ziel warf ihn eine schwere Magen-Darm-Erkrankung („Delhi Belly“) zurück. Doch aufzugeben war keine Option. Nach monatlichen Entbehrungen erreichte John Müller schließlich das legendäre Taj Mahal. Obwohl es „wirklich wunderschön“ war, erlebte er am Zielort absurde bürokratische Hürden: Er durfte weder sein Fahrrad noch seinen Helm mit auf das Gelände nehmen. Selbst Blumen und Luftballons waren strikt verboten.

Dennoch war der Triumph perfekt. Müllers Fazit: „Wenn man etwas wirklich will, ist alles möglich.“ Dank seines Einsatzes fließen nun fast 50.000 Euro direkt an die Chemokids, um schwerstkranken Kindern zu helfen. Der 26-Jährige will jetzt ein Buch über seinen abenteuerlichen Spendentrip schreiben, dessen Erlös komplett in den Krebs-Notfallfonds fließen soll. Weiterhin gilt, dass auch die kleinste Spende auf das Spendenkonto hilft, Leben zu retten.