Der Nazi-Bunker unter der ehemaligen Neuen Reichskanzlei in Berlins Regierungsviertel soll überbaut werden. Ein Investor plant dort ein Gebäude mit 66 Luxuswohnungen. Doch die Pläne gerieten zum Politikum, da es sich um einen historisch höchst bedeutsamen Ort handelt: Denn die Reichskanzlei in der Voßstraße war nicht nur das Machtzentrum der Nazis, sondern auch der Ort, an dem die letzte Schlacht um Berlin geschlagen wurde und das NS-Regime am 2. Mai 1945 sein Ende fand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben den symbolträchtigen Ort Politiker und internationale Journalisten besucht, darunter auch Winston Churchill und der damals erst 28-jährige John F. Kennedy. Der spätere US-Präsident war als Sonderkorrespondent für die Hearst-Zeitungen nach Berlin gekommen. Seine Aufgabe war es, über die Potsdamer Konferenz und die Lage nach dem Krieg zu berichten. In seinen privaten Notizen hielt er erschütternde Eindrücke fest: Er beschrieb die deutsche Hauptstadt als „eine völlig zerstörte, ausgebrannte Trümmerwüste“.

Investor stimmte Dokumentation des Bunkers zu
Der Verein Berliner Unterwelten lud am Dienstag die internationale Presse zu einem Informationstermin ein, um zu erläutern, warum der Bunker erhalten werden sollte. Auch die New York Times und die Times folgten der Einladung. Alle Welt schaut gespannt auf den Ausgang des Streits: Wird in Berlin die letzte Spur des Dritten Reichs beseitigt? Oder wird am historischen Ort des Untergangs ein Museum über das Ende des Dritten Reichs eingerichtet? Berlins Bausenator Christian Gaebler will den Erhalt eines historischen NS-Bunkers in der Voßstraße in Mitte zugunsten von Wohnungsbau verhindern, fürchtet, dass ein Museum zum Wallfahrtsort für Rechte werden könnte.

Das internationale Interesse an der NS-Vergangenheit ist riesig – nicht nur bei Touristen, sondern auch bei Berlinern. Doch laut Dietmar Arnold, Vorstandsvorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, hat es in Berlin dennoch nie einen Wallfahrtsort oder eine Kultstätte gegeben. „Wir wissen nur, dass Ewiggestrige einmal nachts Kerzen angezündet haben wegen Hitlers Geburtstag. Aber da kann man Polizei aufstellen, um so etwas zu verhindern.“

Laut den Informationen von Dietmar Arnold hat der Investor zugestimmt, historische Details über den Bunker in einer Dokumentation zusammenzufassen. „Aber das ist wirklich zu wenig“, findet Dietmar Arnold.
Warum das in seinen Augen so ist, begründete Arnold in einem ausführlichen Vortrag. Den Bunker, der Platz für ein Museum auf 1243 Quadratmetern bietet, könne der Verein aus eigener Kraft instandsetzen. „Wir haben damit bereits Erfahrung“, so Arnold mit Verweis auf die instandgesetzte Ruine am Flakturm Humboldthain.

Unter Berlin: Adlon-Bunker, Führerbunker und Reichskanzlei-Bunker
Von den einst 15 historischen Bunkeranlagen im einstigen Berliner Machtzentrum der Nationalsozialisten haben bis heute lediglich vier die Zeit überdauert. Während der Großteil der unterirdischen Schutzbauten nach dem Krieg gesprengt, abgetragen oder überbaut wurde, blieben diese letzten steinernen Zeugen der NS-Diktatur in unterschiedlichem Zustand erhalten. Einzig der Adlon-Bunker ist im Rahmen von Führungen des Vereins Berliner Unterwelten für die Öffentlichkeit zugänglich. Die verbleibenden drei Anlagen ruhen verborgen unter der Berliner Erde.

Dazu gehören der Goebbels-Bunker an der Nordostecke des heutigen Holocaust-Mahnmals sowie der unweit gelegene Führerbunker – beide sind für Besucher gesperrt und stehen heute als geschützte Bodendenkmäler unter strengem Schutz. Vom ehemals gewaltigen Großen Bunker der Neuen Reichskanzlei sind nach den massiven Zerstörungen der Nachkriegszeit nach Schätzung des Vereins Berliner Unterwelten noch 45 Prozent der ursprünglichen Substanz im Untergrund erhalten.
Führerbunker mit „Monsterdecke“: DDR hatte Mühe bei Sprengung
Der Bunker unter der Neuen Reichskanzlei war für „größere Reichsminister, für Mutter, Kind und Angestellte“ da, wie Dietmar Janick vom Verein Berliner Unterwelten klarstellt. Trotzdem werde der Bunker oft verwechselt mit dem einstigen Führerbunker, in dessen Nähe Hitlers Leichnam gefunden worden war. Sowjetische Soldaten der Roten Armee fanden die stark verkohlten Überreste von Adolf Hitler am 5. Mai 1945 in einem von Granaten gerissenen Bombentrichter. Dieser war nur wenige Meter vom Notausgang des sogenannten Führerbunkers entfernt, im ehemaligen Garten der alten Reichskanzlei. Das Areal liegt unweit der Straße „In den Ministergärten“, nahe der Ecke zur Gertrud-Kolmar-Straße in der Nähe des Holocaust-Denkmals. Nach ihrem gemeinsamen Suizid am 30. April 1945 waren die Leichen von Adolf Hitler und Eva Braun vereinbarungsgemäß von SS-Bediensteten in den Garten getragen, mit Benzin übergossen und verbrannt worden.

„Der Führerbunker sollte von der DDR enttrümmert und gesprengt werden“, berichtet Dietmar Arnold bei seinem Vortrag. „Die Stahlbetondecke war aber mit 4,50 Meter die dickste Decke von Berlin und wahrscheinlich auch die sicherste Bunkerdecke.“ Nachdem diese „Monsterdecke“ von der DDR beseitigt worden war, habe man die Seitenwände und die Bodenplatte so belassen und alles mit Kies, Schutt und Sand zugeschüttet. „Das Budget der Planwirtschaft war nach der Sprengung dieser Monsterdecke erschöpft“, so Arnold.
Unterwelten sieht in Überbauung „kein Problem“
Weil der Bunker der Neuen Reichskanzlei im Bereich des ehemaligen Todesstreifens der Berliner Mauer lag, ist von ihm noch relativ viel Bausubstanz erhalten. Was wäre in den Augen der Berliner Unterwelten das Best-Case-Szenario im Umgang mit dem Reichskanzlei-Bunker? „Das Beste wäre doch, wenn das Areal mit Wohnungen überbaut würde, aber die 1243 Quadratmeter im Keller von jemandem wie uns mit einem Lern- und Gedenkort bespielt würden“, sagt Reiner Janick. „Denn wir sind komplett unpolitisch.“ Und das Worst-Case-Szenario? „Wenn sich vermögende Menschen aus dem rechten Spektrum die Luxuswohnungen aneignen würden und den Ort auf ihre Weise instrumentalisieren.“

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In unserer Berichterstattung über das Bauprojekt an der Voßstraße 12–15 („Bunker der Neuen Reichskanzlei“) im Rahmen einer Pressekonferenz der Berliner Unterwelten haben wir fälschlicherweise gemeldet, dass die Hamburger Jahr Gruppe an dem Vorhaben beteiligt sei. Diese Information ist unzutreffend. Weder die Familie Jahr noch die Jahr-Gruppe oder ihre Tochtergesellschaften sind in das Projekt involviert. Wir bitten für diesen Fehler, der auf fehlerhaften Angaben aus einer vermeintlich vertraulichen Quelle beruht, um Entschuldigung.





