Seit dem 9. Mai hat Berlin eine neue Food-Attraktion: Auf dem Potsdamer Platz eröffnete mit einer großen Party im ehemaligen IMAX-Kino die „Kerb Food Hall“ mit internationalen Spezialitäten. Es ist ein Zeichen der Modernisierung, ein Vierteljahrhundert, nachdem die Nachkriegsbrachen auf dem Gelände mit teils spektakulären Bauten, wie dem Sony Center geschlossen worden waren. In unmittelbarer Nachbarschaft haben sich die Potsdamer Platz Arkaden zu „The Playce“ gemausert, im einstigen Sony Center will jetzt das „Kerb“, was übersetzt „Bordstein“ heißt, Besucher anlocken.

Das Konzept, viele Street Food-Anbieter an einem Ort zu vereinen, wurde vom Seven Dials Market in London übernommen. Dort fing die Erfolgsstory von Kerb an. Der Street Food Markt läuft dort seit 2009 so gut, dass das Team von „Kerb“ jetzt international expandiert. „Wir denken groß“, sagte Andrew Stones, CEO bei KERB Ventures der Berliner Morgenpost kurz vor der Eröffnung bei einem Baustellenbesuch. Berlin ist die erste Station außerhalb Londons, die den Namen „Kerb“ trägt, als nächstes peilt das Team San Francisco an. Was in Londons Theaterviertel Covent Garden funktioniert, könnte schließlich auch am Potsdamer Platz oder in Kalifornien funktionieren.

Die Außenwerbung erinnert an die eines Varietés oder Broadway Theaters: Der Name KERB FOOD HALL strahlt in Form von Glühbirnen über dem Eingang. Drinnen macht der modern-saubere und minimalistische Schankraum mit festen Tischen und Hockern, umarmt von zwei Treppen links und rechts zur Empore im Obergeschoss optisch einen einladenden, guten Eindruck. Links befindet sich eine große, nierenförmige Bar, rechts startet das Food-Angebot. Das weitgehend pinke Licht-Design ist inspiriert von den deutschen Fußball-Trikots der EM.

Auf zwei Etagen und 2200 Quadratmetern gibt es Street Food, von 12 Uhr morgens bis 22 Uhr (letzte Bestellung). Food Chef Simon hat sich durch alle Anbieter persönlich durchprobiert, und dabei „ein wenig an Gewicht zugelegt“, wie er verrät.
Käse kommt im „Kerb“ vom Fließband
Highlight und Hingucker ist sicher das „Pick & Cheese“ im Obergeschoss, wo der Käse wie in Sushi-Restaurants auf Fließbändern an den Gästen vorbeifährt. Vor elf Jahren hatte Mathew Carver in London das Gefühl, Käse sei dort „sehr unterrepräsentiert. Seither widme ich mich diesem Thema“, sagt er. Und das offensichtlich mit Erfolg, denn mittlerweile betreibt er zwei Restaurants mit Schwerpunkt Käse und ein „Pick & Cheese“ im Bezirk Covent Garden.
Während in London ausschließlich Käse aus Großbritannien aufs Fließband kommt, drehen am Potsdamer Platz weiße, graue und blaue Teller mit deutschem Käse ihre Runden. Nach maximal vier Stunden ist übrigens laut Lebensmittelverordnung Schluss. Aber die allermeisten der rund 25 verschieden Käsehäppchen, alle von kleinen Affineuren hergestellt, werden mit Genuss verzehrt.

Wer neben Limburger oder Mini-Handkäs mehr als ein halbes Dutzend Alpen- und Bergkäse probieren will, den herzhaft-harten Felsbrocken aus Baden-Württemberg, serviert mit krachigem Samenkrokant, cremigen Friesisch Blue serviert mit Pflaumen-Chutney, oder den mousseählichen Berliner Brikett mit Ascherinde vom Brandenburger Capriolenhof, serviert mit Brandenburger Sandgebäck und Rosmarinhonig, der ist bei „Pick & Cheese“ richtig. Die Käsehappen kosten 4,65, 5,15 5,65 und 5,95 Euro je Tellerchen. Auch eine Handvoll Wurstsorten vom bekannten Metzger Simon Ellery von „The sausage man never sleeps“ kreisen auf dem Band, und sogar Spreewaldgürkchen drehen die Runde.

Im Erdgeschoss bietet „Kasuteira“ außergewöhnliche Beispiele der japanischen Dessertkultur. Dazu zählen fluffige bis feste bittersüße Küchlein sowie Kreationen auf Basis von Matcha, Yuzu oder Azuki. Gründerin Daria Denysenko startete mit ihrem Konzept 2018 in Kiew, 2022 floh sie vor dem russischen Angriffskrieg nach Berlin. Zwischen 4 und 6 Euro kosten die süßen Kunstwerke.

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Nebenan befindet sich bei „Round & Edgy“eine Anlaufstelle für Cookie-Fans in Berlin, die Kreationen wie Peanut Butter Crave oder Matcha Greenie schätzen, um 5 Euro. Hier werden auch Kaffeespezialitäten ausgeschenkt. „Nepal Momo“, gestartet als Food-Truck an der Warschauer Straße, hält gefüllte Teigtaschen vor, die von der nepalesischen Küche inspiriert sind. Auf der Karte stehen eine Auswahl an Dumplings – mit Fleisch oder Gemüse gefüllt – sowie traditionelle Beilagen wie würziges Chutney und wärmende Dal-Suppe (10 Euro) sowie Momos mit Gemüse (9 Euro), Hühnchen (10 Euro) und Lamm gefüllt (12 Euro).

Bei „BAB Marrocan“ begeistert Küchenchef Abdallah Sebban die Gäste mit den Klassikern der marokkanischen Küche: orientalisch duftender Couscous, feine Tajine-Gerichte, vitaminstrotzende vegetarisch-vegane Bowls und süße Gazellenhörnchen – alles hausgemacht und authentisch gewürzt. Der sympathische Koch zählt seit Jahren zu den festen Street-Food-Größen. Couscous, Tajines und marokkanische Bowls um 13 Euro.
Die Berliner Küche bürstet „Pannek und seine Budike“ auf Street-Food, bietet von der Metzger-Currywurst (3 Euro) bis zum Eisbein 2.0 (im Sandwich 9 Euro) Berliner Klassiker.
Für die meisten ist „Kerb“ das erste feste Geschäft

Für zwei Drittel der Betreiber ist es das erste feste Geschäft nach einigen Jahren im Bereich Catering, Street-Food-Trucks, Marktständen oder Pop-Up-Aktivitäten. Etwa Ben Gao von „Jian Bing Town“ im Obergeschoss. Mit seinem Team serviert er seit 2019 herzhafte chinesische Crêpes . Das Besondere daran: Basis des Teigs sind Mungbohnen. Wie eine Crêpe oder herzhafte Galette wird der Teig auf eine heiße, runde Platte gegossen. Anschließend wird er mit Rühreiern, eingelegtem Senfgrün, Kartoffel, Chips und Salat belegt und zu einer schmackhaften und sättigenden Tasche gefaltet. Die Basisversion kostet 8 Euro, vegan mit scharfen Pilzen, Gemüsesticks 9,50 Euro, mit Hühnchen 12 Euro. Bislang konnte man „Jian Bing Town“ nur auf Marktständen am Maybachufer, Crellemarkt, dem Markt auf dem Neuköllner Kranoldplatz oder donnerstags in der Markthalle Neun antreffen. „Es ist ein Risiko, wie bei jedem neuen Start“, sagt Ben Gao, „aber das Konzept hier hat uns überzeugt“.

Ähnlich ist es bei Lauren Lee, die als „Fräulein Kimchi“ seit fast 15 Jahren mit ihrer Catering-Firma auf dem Berliner Markt tätig ist und ebenfalls in der Markthalle Neun oder im Food-Truck koreanisches Fingerfood, Bowls, klassisches Bulgogi und außergewöhnliche Beignets anbietet. „Mich haben schon verschiedene Food-Markt-Betreiber kontaktiert. Hier habe ich zum ersten Mal zugesagt“, erklärt die in den USA aufgewachsene Koreanerin. Im „Kerb“ bietet sie im ersten Stock für 12,50 Euro marinierten rosa Tofu mit Reis, hausgemachtem Kimchi und eingelegten Gemüsen an, zum selben Preis auch mit süß-scharfem Schweinefleisch oder frittiertem Hühnchen.
Gleich nebenan frittiert Ciaran Fitzgerald von „Butter Bronsons“ Stücke von Brandenburger Hähnchenbrustfleisch in einem dünnen Teig. Das Fleisch legt er über Nacht in Buttermilch ein, damit es wunderbar zart und saftig aus dem heißen Fett kommt. Um den optimalen Garpunkt zu bestimmen, bevor es mit geschmolzenem, würzigen Cheddar und mittelscharfer Buffalo-Soße zwischen ein fluffiges Bun-Brötchen kommt, überpüft Fitzgerald mit einem Thermostat die Temperatur in jedem Stück. Bislang stand der aus Dublin stammende Ire sechs Jahre mit einem Food-Truck am Mauerpark. Nun will er es am Potsdamer Platz mit einem stationären Imbiss versuchen.
Bollywood-Food aus dem Tandoor und Tacos aus Mexiko
Einen Stand weiter ärgert sich Zed Marker von „Moksa“, dass seine bestellten Tandoor-Öfen noch beim Zoll festhängen. Gerne hätte der gebürtige Kanadier, der seit einigen Jahren in Berlin kulinarisch aktiv ist, Tandoori-Chicken und das beliebte Naan-Brot aus den Lehmöfen angeboten. Zum Glück läuft der Verkauf seiner Rotzza-Teigtaschen halbwegs gut. „Rotzza sind eigentlich ein Kunstprodukt. Im Bollywood-Gastro-Film „Chef“ geht es darum, mit einer neuen Idee auf den Food-Markt zu kommen. Die Idee im Film lautet „Rotzza“. Und hat in Indien so eingeschlagen, dass Rotzza dort heute das heiße Ding im Street-Food-Bereich sind“, erläutert Marker. Dafür wird ein Weizensauerteigfladen auf der Stahlplatte gebraten und dann mit einer indisch mit Marsala und Kreuzkümmel gewürzten Mischung aus Lammhack, Hähnchen, Kartoffel und Erbsen gefüllt und mundgerecht gefaltet. 10,50 Euro kostet die Variante ohne Fleisch, 11,50 Euro die mit Hühnchen, 12,50 Euro die mit Lamm.

Ganz außen rechts auf der Empore verwöhnen Paricia Reyes und Maruc Rodríguez aus Mexiko Freunde des Taco mit vorzüglichen gefüllten Maisfladen. Acht verschieden gefüllte Tacos stehen zur Wahl, vier ohne Fleisch, mit Zucchini, Champignons, Käse und veganer Wurst. Warteschlangen bildeten sich bei den Tacos mit Fleisch, insbesondere bei der „Birria“.
Dieser Taco wird mit einer über acht Stunden gegarten Mischung aus Rinderbrust und -rippchen mit roten Zwiebeln und Guacamole gefüllt. Beim „Choriqueso“ erhält die Maismehltortilla einen Klacks hausgemachter Chorizo-Wurst und Käse als Innenleben. Spezialität von „El Amigo“ ist der „Taco al Pastor“, marinierter Schweinenacken vom Spieß mit einer Spezial-Soße aus Chili und Tortilla-Asche mit einer fruchtigen Ananas-Soße. Die Tacos mit Fleisch kosten einzeln 4,50 Euro und in der sättigenden Dreier-Portion 11,50 Euro, Veggie 4 und 11 Euro. Neben einem Standort in der Veteranenstraße ist der feste Stand im „Kerb“ der zweite Berliner Standort von Patricia und Maruc.

Auf beiden Ebenen betreibt „Kerb“ eine Bar, die Fassbiere stammen von BRLO. Erfreulich sind auf beiden Etagen mehrere Spender mit zitronen- und kräuteraromatisiertem Gratiswasser.
Ob und wie sich das Konzept im Center mit verschiedenen Restaurants, einem „Prêt-a-Manger“ gegenüber und demnächst „Burgermeister“ durchsetzen kann, dazu noch in unmittelbarer Nähe des „Manifesto Markets“ mit dem gleichen Konzept und einer ähnlich großen internationalen Auswahl, wird sich zeigen. Mehr als einmal werden Berlinerinnen und Berliner vermutlich eher weniger vorbeikommen. Aber die Zahl an Touristen steigt ja wieder.
KERB Berlin, Potsdamer Straße 2, Tiergarten, So.-Do.12-23, Fr.+Sbd. 12-24 Uhr, www.kerbberlin.de




