Seit mehr als zwei Wochen hat Marion Nawroth nicht mehr gegessen. Die Bautznerin hat zusammen mit anderen Aktivisten ein „Friedenscamp“ an der Nordseite des Berliner Doms aufgebaut. Dort wohnt sie seit dem 16. November und will ein Zeichen gegen das Kriegstreiben in der Welt setzen. Während andere den 1. Advent auf einem der vielen Berliner Weihnachtsmärkte oder gemütlich auf dem warmen Sofa verbracht haben, hat die 68-Jährige in der Kälte ausgeharrt. Inzwischen erreichten sie viele Solidaritätsgrüße. Was die Demonstrantin antreibt und wie sie Minusgraden und Hunger trotzt, hat sie der Berliner Morgenpost erzählt.

„Über 100 Kriege wüten auf der Welt“

„Über 100 Kriege wüten auf der Welt“, beginnt die Aktivistin ihre Ausführungen. Die unzählbaren Toten im russisch-ukrainischen Krieg schmerzten sie besonders, ebenso die Kämpfe zwischen Israel und Palästina. Seit jeher sei sie Pazifistin und setze sich für den Frieden ein. „Wir sind eine zivilisierte Kultur. Wir können miteinander reden“, sagt Nawroth. Den Aufruf zur Kriegstüchtigkeit halte sie für grundlegend falsch. Sie sehe eine realistische Gefahr eines Atomkrieges, ausgehend von Russland, gegen Deutschland, sagt die Demonstrantin.

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Daher fordere sie von der deutschen Regierung, sich für Verhandlungslösungen im Ukraine-Krieg einzusetzen. Die Aktivistin denke auch an ihre eigene Familie, zu denen vier Söhne und vier Enkelkinder gehören. „Ich möchte, dass meine Familie und alle Familien auf der Welt in Frieden leben und wir eine schöne Zukunft für unsere Kinder haben“, so Marion Nawroth. Nawroth hofft, wie sie am Sonntag berichtete, auf die Vereidigung des gerade wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump. Er habe den Waffenstillstand in der Ukraine zu einer seiner Prioritäten erklärt.

Polizei fordert Abbau des Friedenscamps: „Wir werden natürlich bleiben“

Sich für ihren Protest selbst körperlich in Gefahr zu bringen, dafür habe es jedoch einen Schlüsselmoment gebraucht. „Einer meiner Söhne sagte zu mir, ,Mutter, was bringt denn das, wenn du auf die Straße gehst?‘“. Diesen Satz habe er zu ihr gesagt, nachdem sie auf der Friedensdemonstration in Berlin am 3. Oktober gewesen ist. Darüber habe sie nachdenken müssen. Es habe ihr sogar den Schlaf geraubt. Dann habe sie an Mahatma Ghandi denken müssen. Der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung ist wegen seiner gewaltfreien Protestformen ein Vorbild für Nawroth.

Marion Nawroth protestiert mit einem Hungerstreik für den Frieden in der Ukraine und Gaza
Das Friedenscamp an der Nordseite des Berliner Doms in Mitte wird von mehreren Demonstrantinnen und Demonstranten bewohnt. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Ghandi ging ebenfalls in den Hungerstreik, um ihn als politische Waffe einzusetzen. „Hungerstreik bekommt doch eine gewisse Aufmerksamkeit. Trotzdem will ich keinen Druck erzeugen“, sagt die Seniorin. Darum habe sie auch ein Ende ihres Protests verkündet: Bis zum 2. Advent wolle sie noch bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren. Sofern sie durchhalte. „Die ersten drei Tage waren schlimm“, erzählt Nawroth über das Hungern. Hinzukam die Nässe. Seitdem begleiten sie Magenschmerzen und Kreislaufprobleme. „Die mentale Einstellung ist wichtig. Ich habe mich vorher dazu entschlossen, und dann ziehe ich das durch.“

Im Camp lebt Nawroth aber nicht allein. Mehrere Protestierende haben sich ihr mit Zelten angeschlossen. Darunter seien auch „wandernde Friedensaktivisten“, wie die 68-Jährige sie nennt. Laut der Bautznerin hätten sich auch obdachlose Menschen zu den Campierenden gesellt. Doch das Camp sei der Polizei inzwischen ein Dorn im Auge. Obwohl sie eine behördliche Erlaubnis bis Ende Dezember habe, solle sie das Zeltlager nun abbauen. Am Dienstag sei ein Kontrollbesuch des Ordnungsamts angekündigt. „Wir werden natürlich bleiben“, sagt Marion Nawroth.

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