Die Stimmung der Demonstranten Unter den Linden am Samstagnachmittag ist emotional und nervös-angespannt: Hunderte Menschen haben sich vor der Humboldt-Universität versammelt, um an den 7. Oktober 2023 als „das größte Massaker an Juden nach 1945“ zu erinnern. Fotos werden nur ungern geduldet. Laut Polizeisprecherin haben sich 1000 Menschen zur Versammlung angemeldet. Die Polizei ist mit rund 500 Einsatzkräften in ganz Berlin unterwegs.

HU-Student: „Campus ist unsicherer Ort für jüdische Studierende“

Die Pro-Israel-Demonstranten setzen sich aus unterschiedlichsten Gruppierungen zusammen, darunter Punks gegen Antisemitismus, Omas gegen Rechts oder das Antifa-Net Pankow. Allen gemeinsam ist laut Sprecher der Kampf gegen die „antisemitische Internationale“. Ein Sprecher der jüdischen und nicht-jüdischen Studentenvereinigung Tacheles spricht vom Campus der Humboldt-Universität als einem unsicheren Ort für viele jüdische Studierende“. Er erinnert an die Besetzung des sozialwissenschaftlichen Instituts im Mai. Dabei wurden die Wände mit Hamas-Dreiecken besprüht. Der Sprecher kritisiert zudem, dass viele Mitarbeiter der Universität blind für Antisemitismus seien und sich zu sehr auf den Polizeieinsatz konzentrierten. Die Universität müsse als Raum für den freien Diskurs erhalten bleiben.

Parole: „Was wir verlangen ist nicht viel – Solidarität mit Israel”

Fast alle sind zum Zeichen der Trauer schwarz gekleidet, die allermeisten sind vermummt und tragen Sonnenbrillen. Man rechnet mit Angriffen und Gewalt, versucht sich mit den großen Bannern nach außen abzuschirmen. Über die Lautsprecher fordert der Veranstalter die Teilnehmer auf, bei Angriffen laut den eigenen Namen und das Geburtsdatum zu rufen. Ein live vorgetragener A-Capella-Rap über die Verzweiflung eines jüdischen Mitmenschen und der Song „Stolpersteine“ von Trettmann erzeugen Gänsehaut.

Rosenthaler Platz Pro Israel demo
Am Rosenthaler Platz kommt die Pro-Israel-Demo zum Stehen und gedenkt dem Angriff auf Lahav Shapira.© BM | Iris May

Der Tross setzt sich nach einer halben Stunde in Bewegung. Die Rap-Beats der umstrittenen Indie- und Antifa-Hymne „Oktober in Europa” der Antilopen Gang wummern durch die Geschwister-Scholl-Strasse, sie mischen sich mit den lauten Parolen der Demonstrierenden: „Was wir verlangen ist nicht viel – Solidarität mit Israel.” Mehrere riesige Lautsprecher sind auf einen roten Transporter geschnallt, katapultieren Musik und Parolen mit enormer Wucht auf die Straße hinaus. „Free Gaza from Hamas“, rufen die Teilnehmer immer wieder. Abwechselnd mit: „Free Libanon from Hisbollah“.

Stopp am Rosenthaler Platz: „Hier wurde Lahav Shapira fast totgeschlagen“

Am Rosenthaler Platz kommen die Demonstrierenden zum Stehen und lassen mehrere Beteiligte zu Wort kommen. Zum einen wird an den Angriff auf den FU-Studenten Lahav Shapira gedacht, der an dieser Stelle „fast totgeschlagen wurde“. In weiteren Reden wird der „zweite Angriff der Hisbollah auf Israel“ thematisiert, aber auch der Tod von Terror-Chef Nasrallah, der als Stärkung der iranischen Freiheitsbewegung beschrieben wird. Die islamische Republik führe einen Siebenfrontenkrieg. Die ganze Nahost-Region sei „von Mullahs in Brand gesteckt worden.“

Platzverweise und Strafermittlungsverfahren in Mitte

Israeldemonstration
Pro Israel-Demonstranten entfernen an der Monbijoubrücke am Bodemuseum ein Banner, auf dem „Fuck Israel“ steht.© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

An der Ziegelstraße, Ecke Tucholskystraße, kommt es zu einem verbalen Zusammenstoß mit einer kleinen Gruppe laut schreiender Pro-Palästina-Demonstranten, die ebenfalls schwarz gekleidet sind. Die Polizei kesselt die kleine Gruppe sofort ein und setzt die Teilnehmer der Gruppe vorübergehend fest, um deren Identitäten festzustellen.  

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Laut Polizeisprecher handelt es sich um 26 Personen, die nach Feststellung ihrer Identität wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch, auf Widerstand sowie auf tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte findet ein Strafermittlungsverfahren statt, das noch andauert.

israel demo
Sonnenbrillen, Mundschutz, Hüte: Die Demonstranten der Pro Israel Demo, hier vor der Humboldt-Universität, wollten möglichst nicht erkannt werden.© Berliner Morgenpost | Iris May

Berlin: Gegenseite demonstriert in Kreuzberg

Vom Platz der Luftbrücke vor dem Polizeipräsidium startet am späten Nachmittag eine Pro-Palästina-Demo. Wegen Problemen mit dem Lautsprecher geht der propalästinensische Zug „ein Jahr Genozid in Gaza“ erst mit über eine Stunde Verspätung los. Die Polizei schätzt die Zahl der Teilnehmenden zunächst auf 500, später schwillt die Teilnehmerzahl auf etwa 1000 an.

Der Anti-Israel-Influencer Sehat Sisik hält eine Rede, in der er angebliche Polizeigewalt bei Pro-Palästina-Demonstrationen beklagt und der deutschen Medienlandschaft Heuchelei vorwirft. In den sozialen Netzwerken ist er als „Aggressionsproblem“ bekannt.

Pro Palästina Demo Kreuzberg
Pro Palästina-Demonstrationszug auf dem Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg© BM | Dennis Meischen

Ein Redner vor dem Zug „Ein Jahr Genozid in Gaza“ wirft den deutschen Behörden zudem einen „Kampf gegen die Muslime in diesem Land“ vor, das Vorgehen gegen die propalästinensischen Proteste sei „antimuslimischer Rassismus“. Man wollen hingegen nur friedlich gegen Israels Gewalt in Nahost demonstrieren und sei nicht antisemitisch. Ein Redner von „Juden gegen den Genozid“ bezeichnet Israels Regierung als „faschistisch“ und mahnt unter großem Applaus ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Arabern an.