Seine Biografie stellt alle Stereotype und Klischees, die es gibt, auf den Kopf. Trotz Migrationshintergrundes und prekärer Verhältnisse in der Kindheit schaffte es Emre Çelik, zu einem einflussreichen Personaler zu werden. Wichtige KI-Forscher bei Google Deep Mind hören auf seine Meinung bei personalstrategischen Themen, mit Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) saß er im März beim Expertenpanel der Fachtagung „Klischeefrei“, das Magazin „Business Punk“ wählte ihn zum Gesicht der Zukunft, LinkedIn verlieh ihm das Prädikat „Top Voice“.

Emre Im Auswärtigen Amt
Emre Çelik im zweifarbigen Sakko mit Außenministerin Annalena Baerbock und Bundesgesellschaftsministerin Lisa Paus im Auswärtigen Amt im März 2024.© FUNKE Foto Services | PHIL DERA

Wir treffen uns im Berliner Google-Hauptquartier in der Tucholskystraße im Herzen Berlins. Emre Çelik hat dort sein Büro, arbeitet in Vollzeit als so genannter People & Culture Partner bei der Google-KI-Tochter Deepmind. Zuvor arbeitete er bei Google als Experte auf dem Gebiet der Arbeitsplatz-Compliance und untersuchte Fälle von Mobbing, Diskriminierung und Vergeltung im Unternehmen. Sein Hauptjob ist bei Google, doch Emre hat noch einen Zweit- und Drittjob als Business-Influencer und Antidiskriminierungs-Aktivist.

Wenn Emre seinen Kopf freibekommen will, dann schaut er entweder aus seinem Bürofenster auf die Spree oder macht einen kurzen Spaziergang von der Tucholskystraße an der Spree entlang Richtung Café Monbijou, dann hoch zum Monbijoupark und wieder zurück. Dort gehen wir auch entlang.

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Spaziergang mit Emre Celik: Von der Tucholskystraße ist es nur ein Katzensprung an die Spree und in den malerischen Monbijoupark.© BM Infografik | Babette Ackermann-Reiche

Eine App soll Vorurteilen bei Kindern vorbeugen

Gerade entwickelt der 33-Jährige mit seiner Freundin, der Anthropologin Anja Höbel die App „Occtopus“, die noch in der Testphase ist. Sie soll Vorurteile bei Kindern zwischen vier und zwölf Jahren abbauen. Warum es wichtig ist, bei Kindern anzusetzen? „Kinder bilden bereits in sehr jungem Alter negative Vorurteile“, erklärt Emre Çelik. „Diese beeinträchtigen ihre Interaktion mit anderen und können zu Diskriminierung, Mobbing und Isolation führen Mit der App möchten wir dieser Entwicklung entgegenwirken und helfen Kindern & Eltern im Umgang mit Diversität und Ungleichheiten bevor sich negative Voruteile in ihren Denkmustern festigen und letztendlich weitergegeben werden. Wir suchen auch immer Eltern, die uns dabei unterstützen.“

Beim Interviewtermin trägt Emre sommerliche Espadrilles, hochgekrempelte Jeans und eine schwarz-weiße Weste. Am Handgelenk fällt ein Bändchen mit einem sogenannten türkischen Auge auf. „Ein Freund, den ich gerade beim Christopher Street Day (CSD) getroffen habe, hat es mir geschenkt“, erzählt er. „Es soll mich beschützen“. Während Emres Arbeitgeber Google, Vorreiter bei Diversity-Personalfragen, zum CSD 100 Gäste zum Frühstück ins Headquarter einlud, berichteten Aktivisten auf dem CSD, dass die queerfeindliche Hasskriminalität stark zugenommen habe, aber nicht jeder Fall zur Anzeige gebracht würde.

„Die Pride-Bewegung sagt ‚Liebe dich selbst und sei authentisch‘ - Wie kann das falsch sein?“

Ich frage Emre, ob er denkt, dass ein Regenbogen-Spektakel wie der Christopher Street Day, an dem einen Tag lang 250.000 Menschen durch Berlin ziehen, wirklich etwas bewirken kann. „Ja auf jeden Fall!“, ist er überzeugt. „Allein die Tatsache, dass jemand am Straßenrand steht und die Vielfalt sieht, verändert etwas.“ Aber je größer die Pride-Bewegung werde, desto größer würden auch die Gegenstimmen. Feindliche Äußerungen seien total gesellschaftsfähig und niedrigschwellig geworden. Berlin bezeichnet er hinsichtlich Toleranz und Vielfalt als „Bubble“ innerhalb Deutschlands.

Dabei sei die Aussage der Pride-Bewegung lediglich: Sei authentisch, sei du selbst, liebe dich selbst, liebe, wen immer du willst. Wie kann das falsch sein? „Wir möchten Gleichberechtigung, wollen, dass die Rechte von LGBTQ-Menschen explizit ins Grundgesetz aufgenommen werden. Und große Veranstaltungen wie der CSD fördern eben den Dialog.“

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Gleichberechtigung bedeute für ihn, dass er „erstmal frei sein darf. Dass ich mich in der Art, wie ich lebe und liebe, auch in meiner Ambivalenz, optisch zeigen darf, ohne Angst haben zu müssen, dass ich jetzt gleich einen Schlag ins Gesicht bekomme. Diskriminierung sei „eine Form der Unterdrückung, und die wird stark genutzt, um uns in eine Schublade zu pressen.“

Unausgesprochene Wahrheiten enthüllen kann toxisches Verhalten überwinden

Emre Çelik setzt sich deshalb so stark ein, weil Diskriminierungen im Arbeitswelt weit verbreitet sind: Laut der seit Jahren stark überlasteten Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist „etwa jede elfte erwerbstätige Person in den letzten drei Jahren von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen“. Frauen seien mit 13 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit fünf Prozent. Sexuelle Belästigungen fänden häufig im Kontext ungleicher Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen statt.

In seinem Buch „Unausgesprochene Wahrheiten: Von toxischem Verhalten zu einem fairen Arbeitsumfeld“, das am 22. Oktober erscheint, lässt Çelik vieler dieser Geschichten von betroffenen Menschen aus verschiedensten Branchen zu Wort kommen und gibt zahlreiche Tipps, wie man derartige Situationen souverän handhabt. Toxische Verhaltensweisen am
Arbeitsplatz sind nicht nur weit verbreitet, sondern oft sogar von Führungskräften vorgelebt und durch mangelnde Strukturen begünstigt. Er erzählt von Krankenpflegern, die durch emotionale Manipulation bis zur Erschöpfung getrieben wurden, von sexuellen Grenzverletzungen, die so subtil sind, dass sie oft ohne Konsequenzen bleiben oder Vorgesetzten, die Vergeltung als Führungsinstrument nutzen – kein Thema bleibt unberührt. Celik betont immer wieder, wie wichtig es ist, die Stimme zu erheben, da wir unseren Körper länger brauchen als unsere Jobs

Mitleid mit Versendern von Hass-Botschaften: „Schade, dass du nichts anderes zu tun hast!“

Emre Çelik bekommt, wie so viele andere Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, neben vielen Anfragen als Speaker und Berater auch Hass-Botschaften. Mittlerweile ließe er diese aber nich mehr an sich heran, sondern empfinde Mitleid. Weil
er die Mechanismen des Trollings verstanden habe, und den Selbsthass der mit ihm verbunden sei, denke er dann: „Schade, dass du die Welt nicht so sehen kannst, wie ich sie sehe, mit all der Schönheit und all dem Facettenreichtum. Und schade, dass du am Sonntagabend auf Instagram gehst, und das Einzige, was du zu tun hast, die Verbreitung von Hasskommentaren ist. Anstatt mit deinen Freunden schön essen zu gehen oder einfach eine gute Zeit draußen zu haben.“ Es gab eine Zeit, da war Emre in einer ähnlichen Position, sagt er. „Wenn du als Mensch mit Migrationsbiografie in armen Verhältnissen aufwächst, ist es schwierig, die vielen Diskriminierungsformen nicht zu internalisieren.“

Emre Celik mit seiner Mutter
Emre Çelik mit seiner Mutter Meral Çelik. Sie zog Emre und seine Schwester alleine groß und arbeitete unter anderem als Putzfrau.© BM | Privat

Als Sohn türkischer Einwanderer wuchs Emre Çelik zunächst in einem Dorf in Bayern auf. Seine Mutter trennte sich vom Vater, der an Leberzirrhose starb, als Emre 13 Jahre alt war. Meral Çelik stand am Fließband, nahm zusätzlich zwei Putzjobs an, um Emre und seiner Schwester das Nötigste zu ermöglichen. Jahrelang bekam Emre mit, wie seine hart arbeitende Mutter diskriminiert und erniedrigt wurde. Weder bei der türkischen noch bei der deutschen Peer Group fühlte er sich richtig zugehörig. In der Schule wurde er als „der Türke“ gemobbt, den Türken war er zu deutsch. Dass Emre sich schließlich als homosexuell outete, machte seine Situation nicht einfacher: „Auch in die Fiktion meiner Mutter, die sich einen braven türkischen Sohn wünschte, der heiratet, passte ich nicht hinein“.

Emre Celik als Schüler
Emre Çelik in der ersten Klasse seiner Grundschule in Bayern. Mobbing gehörte für ihn zum Alltag. Zu keiner Peer Group gehörte er wirklich dazu.© BM | Privat

Der Tod seines Vaters ist für Emre Çelik einer der Wendepunkte in seinem Leben. Er fühlte, daß er kämpfen muß, wenn er aus dem Teufelskreis von Armut und Problemen ausbrechen will. In einem Jugendclub lässt er sich erklären, wie Lernen geht. Nach seinem Hauptschulabschluss macht er die Mittlere Reife. Zwei Ausbildungen bricht er ab. Als die Chefin im ersten Ausbildungsbetrieb wieder eeinen cholerischen Ausbruch hat, schaltet er das Telefon auf Lautsprecher, während er bei einem Kunden ist: „Du bist nichts, du kannst nichts, alles muß man euch Ausländern fünfmal sagen“, tönt die Chefin. Der Kunde beendet daraufhin die Zusammenarbeit mit seiner Ausbildungsfirma – und Emre braucht eine neue Stelle.

Er findet eine als Ausbildung als Personaldienstleistungskaufmann in München. Endlich glaubt jemand an ihn. Er übernimmt alle möglichen Aufgaben in der Personalabteilung, vom Sortieren der Personalakten, der vorbereitenden Lohnbuchhaltung bis hin zur Durchführung von Vorstellungsgesprächen. „Ich war mir für nichts zu schade“, erinnert er sich. „Dass ich jetzt da bin, wo ich bin, ist viel harte Arbeit gewesen, auch die Überwindung meiner Trauer und die Selbstheilung, das sehen die Leute häufig nicht.“ Er habe unendlich viele Bücher verschlungen.

Als er schließlich nach einigen Jahren Berufserfahrung in der Unternehmensberatung landet, kommt der Wendepunkt für ihn. Unternehmensberatungen beginnen sich um ihn zu reißen, später auch beliebte Arbeitgeber. Bei seinen nächsten Arbeitgebern, Adobe und Google, muss er sich nicht regulär bewerben, er wird von den Firmen abgeworben. Nebenbei bildet er sich weiter zum Personalfachwirt, studiert Wirtschaftsrecht mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht im Bachelor und macht auch noch seinen Master of Science in Personalwirtschaft. 

„Erfolg ist das Erreichen selbst gesteckter Ziele“

Dem amerikanischen Traum „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, steht der 33-Jährige kritisch gegenüber. „Erfolg ist das Erreichen selbst gesteckter Ziele“, so seine Überzeugung. „Es ist falsch, meinen beruflichen Erfolg und meinen ökonomischen Wert als allgemeingültigen Erfolgsparameter zu betrachten. Du willst vielleicht einen Halbmarathon laufen und schaffst es. Dann bist du genauso erfolgreich wie ich. Aber es kommt auf jeden Fall kein Retter, der dich aus deinem Moloch herausholt. Das musst du komplett selber machen.“

Emre weiß auch, daß es nicht jeder schaffen kann. „Viele scheitern, weil sie einfach kontinuierlich in dieser toxischen Spirale aus Selbsthass und Traumata gefangen sind. Er verweist auf das Buch „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher. Die Lüge von der Chancengleichheit“. Die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder zeigt darin auf, dass ein sozialer Aufstieg durch Bildung in Deutschland die Ausnahme ist. Çelik sagt: „Wenn du in einem Umfeld bist, in dem jemand dein Licht eindämmen möchte, dann wirst du es nicht schaffen und viele Leute verharren eben in so einem Umfeld. Das sollte man nicht.“

Tipp 1: Perfektionismus als Falle verstehen

Einen Mentor oder eine Mentorin hatte Emre Celik nie. Die Kraft, sich nach oben zu kämpfen und vernichtenden Erniedrigungen zu trotzen, mußte er allein aus sich selbst schöpfen. „Das ist meine Art der Realität und deine Art von Realität ist auch valide. Lass uns zusammenkommen und gucken, wie wir zusammen eine gute Zeit haben können.“

Emre Çelik findet es wichtig, in jeder Situation mit den vorhandenen Mitteln das Bestmögliche zu geben. Aus der Komfortzone herauszugehen und sich selbst mit Liebe zu betrachten, sei sehr wichtig. Seine Englischkenntnisse seien beispielsweise nicht perfekt, trotzdem unterhalte er sich in New York über komplexe Themen. „Auch in der Uni war ich nie der bBeste, weil ich berufsbegleitend studiert habe, Geld verdienen musste. Ich habe gesagt: Ich muß nicht immer 100 Prozent leisten. Ich habe Mitgefühl mit mir gehabt.“ 

Tipp 2: „Sei dein eigener größter Fan“

Die Narrative von außen, dass er es nie schaffen würde und dass er nichts wert sei, hat Emre Çelik abgestreift. Heute ist er sein eigener größter Fan, neben seiner Mutter, die immer noch sehr um sein Wohl besorgt ist, auch wenn sie nicht genau versteht, was er macht. Ob Berlin seine Heimat ist, will ich wissen. Er denkt kurz nach und sagt dann: „Heimat ist für mich kein Ort. Das ist für mich eher wie dieses Gefühl der inneren Sicherheit und Dazugehörigkeit. Freundschaften geben mir zum Beispiel das Gefühl von Heimat, nicht die Stadt.“

Credo: „Jeder Mensch ist wertvoll - unabhängig von seinem ökonomischen Beitrag“

Die Sätze, die Emre Çelik mir am Ende mit auf den Weg gibt, sind in unserer Welt des Kapitalismus und der Selbstoptimierung sehr selten zu hören. Jeder solle verstehen: „Ich habe Wert! Ich habe das Recht zu existieren. Ich darf hier sein und ich darf hier genauso teilhaben wie jeder andere. Jeder Mensch ist wertvoll, unabhängig von seinem ökonomischen Beitrag.“

Spaziergang mit Emre Celik
Berliner Spaziergang: Diskriminierungsexperte Emre Celik mit Redakteurin Iris May am Spreeufer im Juli 2024.© BM | Maurizio Gambarini