Wer ist hier der Saurier? Das war am Sonnabend bei zwei sehr gegensätzlichen Atomkraft-Demonstrationen am Brandenburger Tor eine wesentliche Frage. Gegner und Befürworter von nuklearer Energie nutzten beide die Riesenechsen der Urzeit als Projektionsfläche für ihr jeweiliges Feindbild.

Montag bis Samstag

Morgenpost der Chefredaktion

Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Während Greenpeace einen „erdolchten“ Tyrannosaurus rex als Sinnbild für den Tod der deutschen Atomenergie auf den Pariser Platz legte, tanzte hinter dem Brandenburger Tor die gleiche Kreatur im Sinne von Nuklearstrom-Befürworter. Feindbild hier: Betreiber von Kohlekraftwerken. Aus Sicht von Gruppen wie dem Verein „Nuklearia“ oder „Foratom“ sind fossile Energieträger das Übel, was durch die Abschaltung deutscher Atomkraftwerke am 15. April nun eine Renaissance erlebt.

Interaktive Anwendung: So verschwanden die Atomkraftwerke in Deutschland

Atomkraft-Demonstrationen in Berlin: Greenpeace und „Foratom“ im Clinch

Joakim Berg war mit sechs Gleichgesinnten aus Dänemark angereist, um den Deutschen zu erklären, welchen Fehler sie begehen. „Jetzt Atomkraftwerke abzuschalten, das ist verrückt. Man verliert einen sauberen, verlässlichen und bezahlbaren Energieträger und verpasst eine Chance, den Klimawandel zu bremsen“, meint Berg. Nicht-erneuerbare fossile Energien, vor allem Kohlestrom, von denen man sofort wegkommen müsse, gewännen nun an Wert. In Dänemark, wo „Foratom“ Tausende Unterstützer hat, sei Nuklearstrom Teil einer „grünen Transformation“ – weg von klimaschädlicher Kohle.

Kernkraft? Ja bitte! Gruppierungen wie "Foratom" ließen am Brandenburger Tor Dinosaurier tanzen. Als veraltete Technologie gilt in diesem Lager nicht Kernkraft, sondern die Verstromung von Kohle.
Kernkraft? Ja bitte! Gruppierungen wie "Foratom" ließen am Brandenburger Tor Dinosaurier tanzen. Als veraltete Technologie gilt in diesem Lager nicht Kernkraft, sondern die Verstromung von Kohle.© Berliner Morgenpost | Thomas Schubert

Behauptungen, die bei der Greenpeace-Kundgebung nebenan auf dem Pariser Platz als blanker Unsinn dargestellt werden. Denn hier hat man die andere Seite der Medaille im Blick: unkalkulierbare Risiken durch mögliche Reaktorunglücke und die Entsorgung von Atommüll in Endlagern. Für Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomkraft und selbst Kernphysiker, ist klar: „Atomkraft ist eine Dinosauriertechnologie. Veraltet und viel zu gefährlich.“

Atomkraft: „Dinosauriertechnologie“ oder Hoffnung der „grünen Transformation“?

.
.© Maurizio Gambarini / Funke Foto Services | Unbekannt

In diesem Sinne ermunterte Smital Demonstranten, mit erhobenen Schwertern vor dem niedergestreckten Tyrannosaurus für Fotos zu posieren – vor einem vom Bildhauer Jacques Tilly gestalteten Kadaver, abgelegt zwischen Giftmüllfässern. Dass Atomkraft-Fans nebenan die Nuklearpolitik von Frankreich preisen?

Atomkraft-Aus in Deutschland - lesen Sie auch:

• Ära der Atomkraft in Deutschland endet

• Atomkraft-Ausstieg: Das Ende der Kernenergie in Grafiken

• Atomkraft-Ende: Jetzt zweifeln selbst Klimaschützer

Für Smital eine schiefe Weltsicht. „Atomkraftwerk-Parks in Frankreich sind überaltert und defektanfällig. Der Ausfall von Atomstrom findet auch dort statt – nur ist es unberechenbar und nicht geplant.“