Schon seit dem 3. Juni steht als Vorbote ein XL-Boot aus Papier im Berliner Dom. Pünktlich zum Weltflüchtlingstag fluten nun mehr als 100 gigantische, bunte Papierboote den Lustgarten. Rund 600 Freiwillige falteten und bemalten die Boote in ganz Deutschland. Nur für einen Tag sind sie vor dem Dom aufgestellt und sollen ab 16 Uhr wieder entfernt werden. In den vergangenen Monaten hatten sie schon an zahlreichen Orten bundesweit auf die Schicksale von Geflüchteten aufmerksam gemacht.

Die bunten Boote, die jeweils zwei bis fünf Meter lang sind, sehen auf den ersten Blick fröhlich aus, doch sind sie als tragische Metapher zu verstehen: Niemand kann in diesen lebensgroßen, fragilen Fahrzeugen irgendwohin gelangen, schon gar nicht unversehrt. Die 110 Origami-Boote sind ein Mahnmal, das als Zeichen der Solidarität für geflüchtete Menschen von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) auf den Weg gebracht wurde.

Bischof Stäblein: „Wir können die Verzweiflung nur erahnen“

Die AWO teilte mit, dass in einer Zeit, in der die extreme Rechte Zulauf erhalte und trotz menschenfeindlicher Ideologien in Parlamente gewählt werde, zivilgesellschaftliches Engagement wichtiger denn je sei. Am Abend soll die Aktion im Rahmen eines Gedenkgottesdiensts mit dem Berliner evangelischen Bischof Christian Stäblein beendet werden. Stäblein ist Flüchtlingsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und sagte über die Lage der Geflüchteten: „Wir können nur erahnen, welche Verzweiflung und Not zu ihrem Weg gehört und wie viele Menschen buchstäblich auf der Strecke bleiben, verdursten oder ertrinken“.

Namen Verstorbener werden im Dom verlesen

Blick vom Dach des Berliner Doms auf die Kunstaktion „100 Boote – 100 Millionen Menschen“, die von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ins Leben gerufen wurde.
Blick vom Dach des Berliner Doms auf die Kunstaktion „100 Boote – 100 Millionen Menschen“, die von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ins Leben gerufen wurde.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Der Berliner Dom unterstützt seit 3. Juni die Aktion „Beim Namen nennen“. Dazu sind Besucherinnen und Besucher eingeladen, anlässlich des Internationalen Tages der Geflüchteten die Namen der auf der Flucht nach Europa Umgekommenen, ihre Sterbedaten und die Umstände ihres Todes auf Papierbändern niederzuschreiben. Diese werden sukzessive in den Arkaden des Doms aufgehängt. Am Weltflüchtlingstag werden die Namen schließlich in einer achtstündigen Aktion von 10 bis 18 Uhr im Dom verlesen.

Knapp 35.000 Geflüchtete leben derzeit in Berlin

Ende 2023 waren weltweit 117,3 Millionen Menschen aufgrund von Verfolgung, Konflikten oder Gewalt gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, wie aus dem aktuellen „Global Trends“-Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) hervorgeht. In Berlin wurden 2023 insgesamt 32.752 geflüchtete Menschen aufgenommen. Zum Jahresbeginn 2024 leben 34.361 geflüchtete Menschen in den Unterkünften des LAF (Anfang 2023: 31.100), davon 3612 in Notunterkünften oder Hostels. Darüber hinaus sind derzeit rund 5500 Personen in den beiden Ankunftszentren untergebracht.

Lauter Unikate: Bei der Kunstaktion „100 Boote – 100 Millionen Menschen“ ist jedes Boot individuell gestaltet.
Lauter Unikate: Bei der Kunstaktion „100 Boote – 100 Millionen Menschen“ ist jedes Boot individuell gestaltet.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Entstehung der Riesenboote in „Kreativhäfen“

Anfertigung eines fünf Meter langen Origami-Bootes im AWO-Refugium für Obdachlose in Berlin-Mitte. Die Boote wurden in so genannten Kreativhäfen in ganz Deutschland gestaltet.
Anfertigung eines fünf Meter langen Origami-Bootes im AWO-Refugium für Obdachlose in Berlin-Mitte. Die Boote wurden in so genannten Kreativhäfen in ganz Deutschland gestaltet.© BM | AWO Landesverband Berlin // Barbara Canton

Die Kunstaktion wurde von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Sachsen-Anhalt bereits vor einem Jahr gestartet und unter anderem in Kooperation mit der Berliner AWO ausgeführt. Die Boote wurden in sogenannten Kreativhäfen in ganz Deutschland gestaltet. Das erste Papierboot im Rahmen der Aktion „100 Boote – 100 Millionen Menschen“ erreichte Berlin im Oktober. Es wurde nach einem Konzept der syrischstämmigen Künstlerin Nagham Hammoush vom Landesjugendwerk der AWO Berlin zusammen mit Kindern in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Lichtenberg gestaltet.

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