Berlin-Mitte

Spruchband am Humboldt Forum soll ergänzt werden

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Felix Müller

Humboldt Forum

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Im Humboldt Forum in Berlin-Mitte wurde über die umstrittene Rekonstruktion diskutiert – und eine Lösung vorgeschlagen.

Berlin. Die beiden Herren auf dem Podium, sagte Moderatorin Friederike Sittler zu Beginn des Abends und wandte sich nach links, würden sich noch etwas gedulden müssen. Dabei hatten der Grafiker und Designer Sven Lochmann und der Jurist Konrad Miller einen konkreten Vorschlag im Gepäck, um mit der umstrittenen Inschrift am Kuppeltambour auf eine zeitgemäße Weise umzugehen.

Diese besteht bekanntlich, in genauer Rekonstruktion des von König Friedrich Wilhelm IV. 1848 in Auftrag gegebenen Originals, in der Montage zweier Bibelverse aus der Apostelgeschichte und dem Philipperbrief: „Es ist kein anderer Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Sätze, die aus heutiger Perspektive als Unterwerfungsformel erscheinen, die im Widerspruch zum Anspruch des Humboldt Forums stehen, eine Dialogplattform für die Weltkulturen zu sein. Die Kulturjournalistin, Kunstkritikerin und Bloggerin Johanna Di Blasi teilte ihre Beobachtung mit, dass sich das ebenfalls umstrittene Kreuz auf der Kuppel auf den Online-Darstellungen der Stiftung Humboldt Forum meist fast verschämt in Wolkenformationen verstecke. Dabei sei es gerade durch seine Verbindung mit dem Weltmuseum „sprechend wie nie“, verweise es doch auf den historischen, oft gewalttätigen Zusammenhang von Kolonialismus und christlicher Missionstätigkeit.

Und was die Bibelzitate angehe, so seien sie in ihrer Entstehungszeit als das Gegenteil der heutigen Lesart zu verstehen: Nämlich als Protest gegen weltliche Herrschaft, als Anerkenntnis göttlicher Macht. In diesem Sinne seien die Zitate ursprünglich „nicht nur nicht reaktionär, sondern subversiv“ zu verstehen, so Di Blasi. Problematisch werde es allerdings dann, wenn das Zitat auf säkularen Repräsentationsgebäuden erscheine – dann ändere sich auch sein Sinn.

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Das Schweigen von den Leiden der Opfer

Die postkoloniale Stadtforscherin Noa Ha zeigte sich zunächst überrascht von der Einladung ins Humboldt Forum und sagte, sie habe lange darüber nachgedacht, ob sie überhaupt hätte zusagen sollen. Sie machte darauf aufmerksam, wie der europäische Kolonialismus als Gewaltgeschichte in der Zeit nach 1989 an den Rand gedrängt, ja als positives „Referenzsystem revitalisiert“ worden sei – als globales Entdeckungs- und Erforschungsnarrativ, das von den Opfern, von den Leiden der „Entdeckten“ zumeist geschwiegen habe. In diesem Sinne erscheine der Spruch an der Kuppel als Ausdruck kolonialer Ignoranz, er sei „maßlos und geschichtsvergessen“.

Auch bei den Wortmeldungen aus dem Publikum, unter anderem vom Leiter des Bereichs der Geschichte des Ortes, Alfred Hagemann, oder von der Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper zeichnete sich ein übereinstimmendes Unbehagen an der Banderole ab – so dass am Ende die Frage unbeantwortet im Raum hängen blieb, wer ihre Rekonstruktion denn durchdacht und befürwortet haben könnte. Wilhelm von Boddien, der umtriebige Spendensammler für die Rekonstruktion der historischen Außenhaut, machte immerhin klar, dass keine der Spenden an Gestaltungszusagen gebunden war.

Der Banderole soll eine LED-Membran mit maximaler Transparenz vorgeblendet werden

Das war der Moment, als Sven Lochmann und Konrad Miller ins Spiel kamen. Auch sie zeigten sich irritiert von dem Anspruch der „white supremacy“, der im Spruchband zum Ausdruck komme. Und sie stellten die Idee vor, die sie deshalb entwickelt haben: Der Banderole soll eine LED-Membran mit maximaler Transparenz vorgeblendet werden, auf der bei ausreichender Dunkelheit alternative Texte aufleuchten könnten, Auszüge aus der Charta der Menschenrechte zum Beispiel.

Der Vorschlag erinnert an ein Projekt der Südtiroler Künstler Arnold Holzknecht und Michele Bernardi, die 2017 das Haus der faschistischen Partei am Bozener Gerichtsplatz mit einem verkürzt-pointierten Hannah-Arendt-Zitat versahen: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“, steht dort in der Mitte des sogenannten „Mussolini-Frieses“ auf Deutsch, Italienisch und Ladinisch zu lesen.

Vorschlag stößt auf viel spontane Zustimmung

In der Diskussionsrunde stieß der Vorschlag auf viel spontane Zustimmung, zog aber auch Kritik auf sich: Wilhelm von Boddien sah darin „einen kulturellen Bruch, wie wir ihn in unserer Geschichte noch nie hatten – die Herrschaft der Säkularisierung über unsere 2000 Jahre alten Wurzeln im Christentum“. Andere Einwände bezogen sich auf die konkrete Ausgestaltung: Müsse der Schriftumlauf die ganze Nacht andauern, was ja doch den Gesamteindruck des beleuchteten Gebäudes vollständig dominieren würde? Und sollten nicht die im Humboldt Forum berücksichtigten Kulturen an der Auswahl der Texte beteiligt werden?

Zusätzlich zu der Leuchtschrift, die bis Ende des Jahres umgesetzt werden soll, ist auch eine Bronzetafel in Planung, in der sich die Akteure des Humboldt Forums vom Gestus des Textes distanzieren. Die Debatte um die provokante Gestalt des Humboldt Forums wird also weitergehen – auch dank solcher Diskussionsrunden wie am Donnerstagabend.