Friedrichswerdersche Kirche

„Die Kirche ist ein Kleinod und versprüht Historie“

Was macht die Friedrichswerdersche Kirche zu einem besonderen Denkmal? Ein Gespräch mit Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie.

Ralph Gleis auf der Empore in der Friedrichswerderschen Kirche.

Ralph Gleis auf der Empore in der Friedrichswerderschen Kirche.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Mit der Friedrichswerderschen Kirche wird sich ab dem 27. Oktober auch die Ausstellungsfläche der Alten Nationalgalerie vergrößern: Sie nutzt die Kirche zur Präsentation von Skulpturen aus dem 19. Jahrhundert. Mit ihrem Leiter Ralph Gleis sprach Felix Müller über den Prozess der Instandsetzung und die Bedeutung des Gebäudes.

Herr Gleis, die Friedrichswerdersche Kirche ist keine Kirche mehr, sondern ein Museum, eine Dependance der Nationalgalerie. Was macht für Sie ihren Reiz aus?

Ralph GleisSie ist als originales Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert und als Zeugnis der Baukunst Karl-Friedrich Schinkels ein Kleinod sondergleichen. Sie versprüht Historie in der neuen Mitte von Berlin, wo man mit dem Auswärtigen Amt, der Bertelsmann-Repräsentanz und weiteren Gebäuden vor allem Neubauten vorfindet. Schinkel erdachte sie als Ziegelbau im Sinne der Neogotik, fügte aber ganz eigene, charakteristische Elemente hinzu. Und es ist der einzige von Schinkel erhaltene Kircheninnenraum überhaupt. Wir sind unheimlich froh, dass wir dieses Gebäude jetzt wieder als Museum nutzen können. Diese Kirche ist organisch mit der Museumsinsel verbunden: Das Alte Museum ist ein Entwurf Schinkels, die Alte Nationalgalerie wurde im Geiste Schinkels von dessen Schülern Friedrich August Stüler und Johann Heinrich Strack entworfen und ausgeführt.

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Hier hat sich Schinkel an die Formensprache des Mittelalters gewagt.

Darin lag immer die Modernität Schinkels, verschiedene Stile aufzugreifen und zu rekombinieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging es nicht nur darum, sich von Traditionen abzuwenden, sondern etwas Neues aus den nun in der Rückschau verfügbaren Stilen zu erschaffen. In der Alten Nationalgalerie gibt es viele fantastische Gemälde von Schinkel, der ja auch Maler war, nicht nur Architekt. Da steht dann die gotische Kathedrale am Strom oder er gibt Einblicke in die Welt der Antike, der Renaissance und so weiter. Auch in diesen Werken geht es ihm darum, dass mit bestimmten Aufgaben und Funktionen bestimmte Baustile verbunden wurden.

Die Kirche wurde stark beschädigt, als für die Neubauten in der Falkoniergasse eine zweistöckige Tiefgarage ausgehoben wurde.

Ja, das Fundament ist unterhöhlt worden und gewissermaßen ins Schwimmen gekommen. Berliner Boden ist eben unwegsames Terrain. Es hat fast acht Jahre gedauert, alles wieder instandzusetzen. Der Riss ging einmal längs durch das gesamte Kirchenschiff, vom Portal bis zu den Altarstufen. Durch das Absacken des Bodens ist auch das Gewölbe unter Spannung geraten. Es bestand Einsturzgefahr, zur Schließung gab es keine Alternative.

Der Bau ist im Innern sehr auf Tageslicht angewiesen. Wie stark wird sie durch die Nachbargebäude verschattet?

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch in der Friedrichswerderschen Kirche, als ich vor drei Jahren die Leitung der Alten Nationalgalerie übernahm. Damals wurde wegen der Verschattung sogar in Erwägung gezogen, die Kirche in Zukunft nicht mehr als Museumsfläche zu nutzen. Ich habe mich dann sehr dafür eingesetzt, diese einzigartige Präsentationsfläche der Nationalgalerie nicht aufzugeben. Die Lichtverhältnisse sind im Vergleich zu früher eingeschränkt, aber längst nicht so stark wie zunächst befürchtet.

Acht Jahre sind eine stattliche Zeitspanne. Warum hat es so lange gedauert?

Das können Sie im Innern der Kirche gut nachvollziehen. Schinkel ging es darum, auch die innere Gestalt gotischer Kathedralen zum Leben zu erwecken. Während wir außen die für den Norden typische Backsteinarchitektur sehen, hat er diese im Inneren weitgehend mit Illusionsmalerei als Bruchsteinwände überdeckt. Die kunstvollen Bemalungen finden sich auch im Gewölbe, das in Teilen nach dem letzten Schaden erneuert werden musste. Es war unter Spannung geraten, einzelne Brocken hatten sich schon gelöst und waren nach unten gefallen. Jeder Quadratzentimeter musste von Hand neu bemalt werden. Wir hatten das große Glück, dass mit Gottfried Grafe jener Restaurator gewonnen werden konnte, der bereits 1987 bei der Wiederherstellung der Friedrichswerderschen Kirche federführend war. Jeder einzelne Ziegel und jeder Grat zwischen den Kreuzrippen im Gewölbe ist gemalt – mit unendlich feinen Farbabstufungen, um die Illusion zu schaffen, es handele sich um echte architektonische Elemente. Eines der Zwickelfelder ist noch original aus der Zeit Schinkels erhalten und diente ihm als Vorlage. Dies war auch ein Grundgedanke der Restaurierung: die verschiedenen Phasen, die das Gebäude durchlaufen hat, sollen durchaus sichtbar bleiben.

Wie wichtig ist die Kirche für die Berlinerinnen und Berliner?

Als wir Anfang des Jahres, noch vor Beginn der Corona-Pandemie, die Kirche nach der Instandsetzung probeweise geöffnet haben, kamen innerhalb von zwei Tagen 13.500 Besucher. Für unser Team war es eine große Motivation, zu sehen, wie gut ein solcher Ort angenommen wird. Deshalb ist es uns auch so wichtig, dass die Kirche weiterhin bei freiem Eintritt besucht werden kann.