Baudenkmal

Friedrichswerdersche Kirche steht vor der Wiedereröffnung

Nach achtjähriger Instandsetzungsarbeit wird die Kirche am 27. Oktober wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Der Erzengel Michael am Eingangsportal der Friedrichswerderschen Kirche.

Der Erzengel Michael am Eingangsportal der Friedrichswerderschen Kirche.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Ein guter Architekt muss auch die Kunst des Kompromisses beherrschen. Wäre es nach den ersten Vorschlägen Karl Friedrich Schinkels gegangen, hätte die Friedrichswerdersche Kirche heute die Gestalt einer römischen Tempelanlage. Ganz im Sinne der klassizistischen Zeitströmung, für die sich Schinkel so begeisterte – sein Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das Alte Museum am Lustgarten oder die Neue Wache Unter den Linden legen noch heute Zeugnis davon ab. Doch in diesem Fall hatte der Bauherr anderes im Sinn.

Das Mittelalter war die Sache der Romantiker

Kronprinz Friedrich Wilhelm, ein enthusiastischer Kunstliebhaber und später Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., schwebte ein Gebäude im „Mittelalterstil“ vor – eine Idee, die Schinkel zunächst befremdet haben mag. Das Mittelalter war die Sache der Romantiker, es roch nach Revision der Aufklärung.

Erst 1820 hatte Schinkel mit den Bildhauern Christian Daniel Rauch und Christian Friedrich Tieck in Weimar den großen Johann Wolfgang von Goethe besucht. „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“, sollte dieser neun Jahre später vom Thron des Dichterfürsten poltern – Schinkel hätte da sicher nicht widersprochen.

Ein baufälliges Reithaus

Aber die Kirche musste ja trotzdem gebaut werden. Der „Mittelalterstil“, beschied der Kronprinz, passe besser „in diese etwas engere Gegend der Stadt, die durch die Unregelmäßigkeiten ihrer
Straßen sich dem Altertümlichen nähert“. Gemeint war ein in der Tat etwas verwinkeltes Areal, das die Berliner Friedrichswerder nannten.

Gelegen auf einer Insel, einem Werder am linken Spreearm, war es um 1658 mit der ersten barocken Stadterweiterung Berlins entstanden und 1662 zur Stadtgemeinde erhoben worden. König Friedrich I. hatte es 1709 der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin zugeschlagen. Wo heute die Friedrichswerdersche Kirche steht, befand sich ursprünglich ein altes Reithaus, das seit 1699 von der deutschen und von der französischen Gemeinde als Kirche genutzt wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es allerdings derart baufällig geworden, dass man es abreißen musste.

Schinkel stand also vor der Herausforderung, eine Kirche für zwei Gemeinden zu errichten – und fand, was die äußere Gestalt anging, auch bald einen cleveren Kompromiss. „Das Verlangen des Königs nach einer Kirche im Mittelalterstil wusste er mit den eigenen Idealen schließlich im Entwurf einer ,antikisierenden Gotik’ zu vereinen“, schreiben Martina Abri und Christian Raabe in einem 2001 publizierten Aufsatz zur Friedrichswerderschen Kirche. „Die auf den ersten Blick neugotisch wirkende Architektur weist etliche antikisierende Bauformen und Strukturen auf. Die Backsteinfassaden besitzen nicht den Charakter der aufstrebenden Strukturen der Gotik. Das Vortreten der Strebepfeiler und das kräftige Traufgesims entsprechen dem in der Antike entstandenen Verständnis von Stütze und Last. Bei der Friedrichswerderschen Kirche fehlt das hohe und insbesondere für die deutschen gotischen Kirchen so typische Satteldach. Ihr Dach ist sehr flach ausgebildet und hinter einer Attika verborgen.“ Die Autoren finden noch viele weitere Belege dafür, dass Schinkel mit den Vorgaben des Bauherrn sehr kreativ umzugehen wusste – und so zu einer sehr eigenwilligen, modernen Formensprache fand.

Mehr zum Thema: „Die Kirche ist ein Kleinod und versprüht Historie“

Die hohe Kunst der Illusionsmalerei

Der überwältigende Raumeindruck im Innern verdankt sich auch einer herausragenden Illusionskunst. Wer nicht genau hinsieht, der bemerkt gar nicht, dass an den Wänden keine Sandsteine verbaut, sondern Backsteine eingefärbt wurden. Und es bedarf eines Adlerauges, um die Rippen des Gewölbenetzes und die zwischen ihnen liegenden Ziegelsteine als das zu identifizieren, was sie sind: hochklassige Malerei, die bis in die feinsten Nuancen die Lichtverhältnisse unter der Decke berücksichtigt.

Honecker befahl die Restaurierung

„Schinkels gothisches Schmerzenskind“ wurde der Bau in der zeitgenössischen Literatur genannt – gleichwohl stand er am Anfang einer ganzen Reihe neogotischer Bauten in Berlin und Brandenburg, auch in Sachsen. Die Friedrichswerdersche Kirche wurde erst im Lauf der Jahrzehnte zu einem auch bei den Berlinern beliebten Wahrzeichen der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude am 29. April 1945 schwere Schäden, vor allem an der Turmfassade. Seit den 1950er-Jahren stand es als gesicherte Ruine ungenutzt herum – bis es in den 1980er-Jahren auf Anweisung Erich Honeckers denkmalgerecht instandgesetzt und restauriert wurde.

Pünktlich zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 wurde der Bau wieder eröffnet – nicht mehr als Kirche freilich, sondern als Dependance der Nationalgalerie. Nach der Wiedervereinigung folgte zwischen 1997 und 2001 eine weitere Instandsetzung – und 2012 musste der Bau erneut geschlossen werden, weil die angrenzende Errichtung der Kronprinzengärten und der Aushub einer zweistöckigen Tiefgarage das Fundament der Kirche verschob. Es drohte Einsturzgefahr.

Ein einzigartiger Bau

Fast acht Jahre hat es gedauert, die seinerzeit entstandenen Schäden zu beheben und sämtliche Restaurierungsarbeiten abzuschließen. „Die Friedrichswerdersche Kirche ist eine einzigartig erhaltene Schöpfung Schinkels, eine Schöpfung des gelungenen, fruchtbringenden Kompromisses. Einen vergleichbaren Bau, im Innern wie außen originär und singulär, wird man schwerlich finden“, schreibt der Kunsthistoriker Bernhard Maaz. In zwei Wochen wird sich jeder selbst davon überzeugen können.