Bauvorhaben

Mieter der Koloniestraße 10 müssen wieder zittern

Der Hinterhof in der Koloniestraße 10 in Gesundbrunnen soll abgerissen werden. Ein Investor plant dort Mikroapartments.

So sieht die Koloniestraße 10 im Sommer aus. Zwischen den grünen Pflanzen trifft sich die Hausgemeinschaft. Doch ein Investor sieht ein Hostel am Ende des Hofes.

So sieht die Koloniestraße 10 im Sommer aus. Zwischen den grünen Pflanzen trifft sich die Hausgemeinschaft. Doch ein Investor sieht ein Hostel am Ende des Hofes.

Foto: Julian Würzer

Martin Frackowiak sagt es gleich vorweg: „Ich lasse mich lieber aus meiner Wohnung tragen, als freiwillig auszuziehen.“ Sein Zuhause, das ist ein unscheinbares gelbes Gebäude an der Koloniestraße 10 in Gesundbrunnen, wenige Meter von den DRK Klinken in Mitte entfernt. Dahinter erstreckt sich ein alter Fuhrparkhof aus dem 19. Jahrhundert. Frackowiak möchte nicht, dass das Vorderhaus in moderne Mikroapartments umgewandelt wird. Und noch weniger als Miniwohnungen will Frackowiak, dass ein Hostel direkt auf dem Hinterhof gebaut wird.

Berlin, Mitte. Die Verdrängung von Mietern und Gemeinschaften - wie sie an vielen Ecken der Hauptstadt zu beobachten ist - müsse doch auch ein Ende kennen. Seit 15 Jahren lebt der 43-jährige Frackowiak in der Koloniestraße 10. Natürlich sei das wie seine Heimat, sagt er. Und jeden Tag wächst seine Zuneigung dafür. Doch am Donnerstag könnte sein Herz gebrochen werden. Ein Investor will bauen. Und dafür will er mindestens einen Teil des Hofes abreißen.

Wer verstehen will, weshalb sich Frackowiak am liebsten an den Ort ketten würde, um das zu verhindern, muss den Remisenhof in der warmen Jahreszeit besuchen. Dann ist er ein kleiner grüner Punkt mitten in der Großstadt. Hinter dem gelben Haus erstreckt sich der langgezogene Hof.

Die Koloniestraße 10 ist wie eine kleine Gemeinschaft

Auf der einen Seite funkeln die roten Backsteine der Werkstätten und Künstlerateliers in der Mittagssonne. Efeu klettert die Hauswände hinauf. Davor wachsen Pflanzen in Kübeln neben Bäumen und Sträuchern kreuz und queer über den Hof.

Gegenüber werfen Remisen mit ihren Holztoren ein wenig Schatten auf den Asphalt. In den Baumkronen und Dächern nisten die Vögel, bei Nacht flattern Fledermäuse. Anwohner aus dem gesamten Kiez treffen sich hier und helfen sich gegenseitig. Die Koloniestraße 10 sei wie eine kleine Gemeinschaft, so Frackowiak.

Doch nur eine Hausnummer weiter in der Koloniestraße 11 bis 12, deutet sich die mögliche Zukunft des Remisenhofes an. Unter dem Namen „Campus Viva II“ wurden dort kleine Apartments für Studenten gebaut. Die Kaltmiete einer möblierten 20-Quadratmeter-Wohnung beträgt rund 470 Euro. Die Marke „Campus Viva“ gehört zu der Grundkontor Projekt GmbH aus München. Geschäftsführer Romeo Uhlmann plant bereits seit einigen Jahren eine Erweiterung der Studentenapartments sowie ein Hostel auf dem Grundstück der Koloniestraße 10.

Vogelschutz garantiert Mietern keinen Schutz mehr

„Bislang hat uns der Vogelschutz gerettet“, sagt Frackowiak. Der garantiere, dass die Tiere in Ruhe brüten können, gelte nur noch bis Ende September. Dann braucht der Investor keine Genehmigung mehr und riskiert auch kein Bußgeld, wenn er die Remisen im Hinterhof der Koloniestraße 10 abreißen lässt. Frackowiak bereitet das seit Tagen schlaflose Nächte.

Eigentlich kann er seit Jahren nicht mehr ruhig schlafen. 2016 erwarb das Erlanger Unternehmen „CI Invest AG“ das Grundstück mit Hof und dem gelben Vorderhaus. Die Remisen nutzten viele Jahre lang rund 40 Bewohner und Gewerbetreibende. Handwerker hatten Werkstätten, Künstler ihre Ateliers. Bis auf drei sind mittlerweile jedoch alle Garagen der Gewerbetreibenden entmietet. Im Vorderhaus leben insgesamt 27 Mieter.

Investor wollte den Remisenhof schon einmal abreißen

Vor eineinhalb Jahren rückten Bauarbeiter des Investors zum ersten Mal an. Sie hatten bereits die Garagentore abmontiert, ehe das Bauamt eingeschritten war. Denn der Bauaufsicht unterlief damals ein Fehler: Die Koloniestraße stand seit Kurzem unter Milieuschutz. Ein Abriss benötigte also eine besondere Genehmigung. Unverrichteter Dinge mussten die Bauarbeiter wieder abziehen. In diesem Sommer fürchteten die Mieter einen erneuten Vorstoß von Eigentümer und Investoren. Allerdings waren es eben damals die Vögel, die sie retteten. Und nun?

Könnten es Vögel, Pflanzen und Fledermäuse sein. In den vergangenen Monaten seien die Mieter nicht untätig gewesen, so Frackowiak. Man habe ein aufwendiges Gutachten des Lebensraums in dem Remisenhof erstellen lassen. In dem Dokument, das unserer Redaktion vorliegt, sind die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten aufgelistet und wo sie leben.

So ist beispielsweise über den Hausrotschwanz zu lesen, dass er seinen Brutplatz in einer Nische zwischen Ziegeln links über der Garage 22 hat. Tatsächlich bestätigt das Gutachten, dass ganzjährig geschützte Vogel- und Fledermausarten leben und brüten sowie geschützte Pflanzenarten existieren.

BVV will Koloniestraße 10 unter Denkmalschutz stellen

Ein Unterstützer der Mieter in der Koloniestraße 10 ist seit dem ersten Abrissversuch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Er sagt, das Gutachten werde nun von der Senatsverwaltung für Umwelt geprüft. Sollte es Durchgehen, könnte der Remisenhof womöglich geschützt werden.

Derweil gibt es auch im Bezirk Bestrebungen, den Remisenhof besonders zu schützen. Die Fraktionen der Linken, Grünen und SPD reichten einen entsprechenden Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein. Das Ziel der Fraktionen: den Remisenhof in der Koloniestraße 10 unter Denkmalschutz zu stellen. Ein Abriss oder Teilabriss wäre somit nahezu unmöglich. Die BVV stimmte für den Antrag.

Frackowiak zahlt derzeit vier Euro kalt für den Quadratmeter. Er könnte sich auch mit einer moderaten Mieterhöhung anfreunden. „Ich will hier nicht umsonst wohnen“, sagt Frackowiak, „es geht darum einen Kompromiss zu finden.“ Die Remisen sollen deshalb aufgestockt werden. Die Mieter haben zusammen mit einem Architektenbüro aus Friedrichshain ein Konzept ausgearbeitet, dass den Hof beleben soll. Insgesamt 40 neue Wohnungen und 30 Arbeitsräume für Künstler und Handwerker sollen entstehen.