Bauvorhaben

Schienenverkehr statt Restaurant in den Liesenbrücken?

Investoren wollen für 35 Millionen Euro Veranstaltungsräume in den Liesenbrücken und ein Hotel errichten. Die VBB hat andere Pläne.

Die Liesenbrücken sollen für Fußgänger und Radfahrer geöffnet werden. Foto: Die Auslöser

Die Liesenbrücken sollen für Fußgänger und Radfahrer geöffnet werden. Foto: Die Auslöser

Foto: Dirk Jericho

Berlin. Es sind nur noch Eisenträger. Alt, rostig, unnütz. Nicht einmal mehr Züge rattern durch die Fachwerkkonstruktionen in Gesundbrunnen. Die Liesenbrücken waren bis in die 1950er-Jahre eine wichtige Verbindung zum ehemaligen Stettiner Bahnhof. Heute rollen die S-Bahnen auf einer kleineren neueren Brücke nebenan zwischen dem Nordbahnhof und dem Humboldthain.

Die denkmalgeschützten Liesenbrücken sollen nun wieder zum Leben erweckt und zukunftsfähig gemacht werden. Geplant sind eine Sanierung der Brücken aus dem 19. Jahrhundert und ein Restaurant sowie eine Bar zwischen den Eisenträgern. Für das Vorhaben hat es eigentlich schon grünes Licht von den Behörden gegeben. Doch nun könnten Pläne des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) die Vorstellungen der Investoren zunichte machen.

Geht es nach dem Geschäftsführer der Firma Caprate, Martin Freitag, soll der östliche Teil der Liesenbrücken zu einer Event-Location werden, in zwölf Metern Höhe und über 100 Meter Länge. Auf mehr als 2000 Quadratmetern Fläche über mehrere Etagen hinweg sollen Veranstaltungsräume für bis zu 800 Menschen entstehen. Auf einem angrenzenden Grundstück in der Scheringstraße soll ein Hotel mit 340 Zimmern entstehen, das mit den Veranstaltungsräumen in der großen Liesenbrücke verbunden ist.

Auf der kleineren Brücke soll ein öffentlicher Fuß- und Radweg entstehen, der die beiden Grünflächen den Park am Nordbahnhof, und den Humboldthain verbindet. „Das Baudenkmal aus dem Industriezeitalter wird so einer neuen, zeitgemäßen und zukunftssicheren Nutzung gewidmet“, sagt Freitag.

Das Projekt in den Liesenbrücken sollte 2021 fertig sein

Die Idee, ein Gebäude in das Denkmal Liesenbrücken einzubauen, stammen aus dem Jahr 2006. Architekten des Büros Wilk-Salinas aus Berlin haben damals ein Hotel in der Brücke visualisiert. Die Gäste sollten sich auf 60 Zimmer verteilen können. Weitere Zimmer und Flächen für beispielsweise einen Frühstücksraum oder für Veranstaltungen sollten nebenan gebaut werden. Allerdings rückten die Planer später von dem Vorhaben ab, da das Eisenkonstrukt das Gewicht der vielen Wände womöglich nicht ausgehalten hätte. Also drehten Planer die ursprüngliche Idee einfach um - große Räume statt kleinteilige Zimmer in der Brücke und das Hotel auf dem angrenzenden Grundstück.

Für das gesamte Projekt sollen laut Internetseite der Firma Caprate 35 Millionen Euro investiert werden. Das Gebäude in der großen Brücke mit dem Fuß- und Radweg in der kleineren Liesenbrücke soll etwa acht Millionen Euro kosten. Für das angrenzende Gebäude auf dem Grundstück in der Scheringstraße ist ein Investitionsvolumen von 27 Millionen Euro vorgesehen. Auf der Website steht auch, dass das Hotel noch in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Partys in der größeren Liesenbrücke sollen ab 2021 stattfinden können.

Um diesen straffen Zeitplan nicht völlig zu verfehlen, haben die Investoren im November des vergangenen Jahres einen Bauantrag beim Bezirksamt Mitte gestellt. Martin Freitag zufolge sei man bei den Planungen in der „finalen Phase“. Sämtliche Ämter, darunter auch der Denkmalschutz, hätten bereits ihre Erlaubnis erteilt. Doch das Vorhaben stockt.

Unterlagen für die Liesenbrücken liegen schon in der Schublade

Auch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) weiß von den fortgeschrittenen Plänen rund um die Liesenbrücken. Er sagt, sämtliche Unterlagen seien in der Schublade und müssten eigentlich nur noch unterzeichnet werden. Aber eine Baugenehmigung stünde noch aus. Aber derzeit werde vom Senat geprüft, ob die frühere Zugverbindung nicht wieder für den Schienenverkehr, etwa zum Rangieren der S-Bahnen, genutzt werden soll. Auch Freitag weiß von diesen Überlegungen, sagt aber, es gebe dafür noch keine detaillierten Planungen.

Das bestätigt eine Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung mehr oder weniger. Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost heißt es, es werde im Rahmen des Schienen-Infrastrukturprojekts i2030, die Einrichtung von Abstellanlagen für Züge geprüft. Die Pläne dafür stünden aber noch am Anfang. Die Ziele des Projekts i2030 sind Entlastungen der vollen Züge und bessere Anbindungen für Pendler aus dem Berliner Umland.

Auf Nachfrage zeigt sich der VBB verhalten. Der aktuelle Planungsstand sei noch nicht konkret, um eine Aussage über die Nutzung der Liesenbrücken machen zu können, sagt VBB-Sprecher Joachim Radünz. Allerdings lässt er durchblicken, dass das Netz der Berliner S-Bahn in den kommenden Jahren „deutlich“ erweitert werden soll. Dies würde bedeuten: Mehr Züge müssten öfter gereinigt und gewartet werden. Dafür sucht und prüft der VBB Flächen, wie etwa die am Nordbahnhof. Laut Radünz sei der der Bereich des ehemaligen Stettiner Bahnhofs bereits als Betriebshof gekennzeichnet, sodass eine Nutzung möglich wäre.

„Panke Trail“ soll durch die Liesenbrücken führen

Auch das Bezirksamt in Mitte wird sich wieder mit dem Thema beschäftigen müssen. Der Vorsitzende der FDP-Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung Mitte (BVV), Felix Hemmer, reichte einen entsprechenden Antrag ein, den die Stadträte bis Ende Juni beantworten müssen. Es geht um allgemeine Fragen zum Projekt, aber auch um einen geplanten Radschnellweg in der kleineren Liesenbrücke. Der geplante 30-Kilometer-Radweg „Panke Trail“ soll im Bezirk Mitte durch das Eisenkonstrukt führen.

Sollte der Radweg tatsächlich umgesetzt werden, dürfte sich die Planungen von Caprate noch einmal verzögern. Und sollte die Senatsverkehrsverwaltung tatsächlich eine Nutzung der S-Bahnen im Rahmen des i2030-Projekts favorisieren, dann wird sich auch die Frage stellen, ob der Radweg mit dem Schienenverkehr verträglich sein wird?