Naturkundemuseum

Wie Tristan Otto in seine Einzelteile zerlegt wird

Im Naturkundemuseum hat der Abbau des Dinosauriers begonnen. Der Tyrannosaurus rex wird nach Kopenhagen gebracht.

Tristan Otto verlässt das Naturkundemuseum
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Berlin. Der Tyrannosaurus rex Tristan Otto blickt zum vorerst letzten Mal durch das Naturkundemuseum in Berlin. In wenigen Minuten verschwindet der Kopf in einer hellen Holzkiste unter ihm. Nächste Station: Kopenhagen.

Von dem Glanz, den das Fossil von Tristan Otto in der Hauptstadt versprüht hat, ist am Dienstagmorgen nicht viel übrig. Die mächtige Plattform, auf der der Urzeitriese gestanden hat, ist verschwunden. Zum Vorschein kommt eine sperrige Metallhalterung. In der Ecke liegen 400 Liter Beutel Styropor und mehrere Rollen Luftpolsterfolie. Und überhaupt wirkt der Raum eher wie eine Baustelle als ein Museum. Vorsichtig zerrt Museums-Schlosser Tomas Kleinert an einem Ende der Metallkette, die das Gewicht des Kopfes trägt.

Zwar ist der Kopf, nur ein Ebenbild des Original und besteht aus Kunstharz, dennoch ist das Material nicht ganz bruchsicher. Langsam spielt Kleinert das Gegenstück der Kette – durch den Raum hallt ein Rascheln. Tristan Ottos Schädel löst sich von der Wirbelsäule. Er hängt an dem Kabelzug. Von vorne wirkt das Schauspiel urkomisch. Wie der Kopf des Tyrannosaurus tanzt, gleicht er einem Wackeldackel oder eher einem Wackelsaurier. Dem normalen Besucher bleibt der Zugang zu dem Abschiedstanz verwehrt.

Tristan Otto zieht nach fünf Jahren um

Vor dem Absperrband versuchen neugierige Kinder einen letzten Blick auf Tristan Otto zu erhaschen. Meist ohne Erfolg. Die, wenn man so will, Abschiedsfeier für den 66 Millionen Jahre alten Giganten gab es bereits vor eineinhalb Wochen – und das nach fast fünf Jahren Ausstellung. Rund 25.000 Besucher drängten an den letzten drei Tagen durch die Eingangstür. Davor warteten sie teils mehr als eine Stunde, um den Tyrannosaurus noch einmal zu sehen. Doch nicht nur an dem Wochenende, sondern auch in den vergangenen Jahren sorgte das Fossil für einen großen Andrang im Naturkundemuseum. Rund drei Millionen Menschen wollten das vier Meter hohe schwarze Skelett sehen. Die Besucherzahlen des Museums stiegen um rund 50 Prozent an.

Mitarbeiter des Naturkundemuseums sind wehmütig

Ob das künftig so bleiben wird, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Mit jedem Zentimeter, den Tristan Ottos Kopf weiter in Richtung der Holzkiste sinkt, schwingt bei den Mitarbeitern des Museums eine Prise Wehmut mit. Uwe Moldrzyk ist Ausstellungsleiter des Naturkundemuseums und einer derjenigen, die Tristan Otto während des Abbaus nochmals zu fassen bekommen. „Für unsere Besucher ist es besonders schade, dass er geht. Aber er kommt wieder zurück“, sagt er. Ein Wiedersehen mit Tristan Otto soll es nach dem Ende der Ausstellung „König der Dinosaurier“ im Naturkundemuseum in Kopenhagen geben. Sie soll im März 2021 enden. Danach kehrt der Tyrannosaurus wieder nach Berlin zurück. Er soll Botschafter des neuen Wissenschaftscampus, der für 660 Millionen Euro entstehen soll, werden.

T-Rex Tristan Otto wird im Naturkundemuseum abgebaut
T-Rex Tristan Otto wird im Naturkundemuseum abgebaut

Tristan Ottos Schädel wiegt allein 80 Kilogramm

An diesem Dienstagmorgen ist nach ungefähr 15 Minuten alles vorbei. Die Mitarbeiter des Naturkundemuseums verstauen den 80-Kilo-Schädel mit Schaumstoffteilen in der Holzkiste, eine von ungefähr 30, die sie noch füllen müssen. In den kommenden zwei Wochen soll der Raum im Museum leer stehen. Bis dahin wird an dem Skelett herumgeschraubt, Teile werden eingewickelt. Als nächstes werden die Füße des riesigen Dinosauriers abgebaut. Anschließend die Schwanzwirbel. „Die sind teilweise nur zusammengesteckt“, erklärt Museumsmitarbeiter Thomas Schossleitner. Danach werden Tristan Otto die Arme und Schultern abgenommen, anschließend die Rippen und die restlichen Wirbel. Die Oberschenkel sowie das Becken werden zuletzt in Kisten verpackt.

Tyrannosaurus rex mit 170 Originalknochen

Insgesamt besteht das Skelett aus rund 300 Einzelteile, davon 170 Originalknochen. Manche sind verklebt. Gerade mit denen müssen die Mitarbeiter beim Abbau besonders vorsichtig umgehen, denn sie sind leicht zerbrechlich. Das liegt nach Angaben der Ausstellungskuratorin Linda Gallé auch an der Beschaffenheit der einzelnen Knochenteile. Die Umgebung, in der das Fossil gefunden wurde, bestehe aus einem Tongestein. In den mehreren Millionen Jahren, in denen das Skelett unter der Erde lag, habe sich das Knochenmaterial mit den Mineralien ausgetauscht. Deshalb sei das Skelett von Tristan Otto übrigens auch schwarz und nicht weiß, wie man vielleicht vermuten könnte.

Tristan Otto wird im Naturkundemuseum abgebaut
Tristan Otto wird im Naturkundemuseum abgebaut

Sobald das Skelett von Tristan Otto abgebaut und verpackt ist, wird es mit dem Lastwagen nach Kopenhagen gebracht. Dort wird Tristan Otto etwa ein Jahr lang zusammen mit anderen Raubsauriern zu sehen sein. Die Ausstellung „König der Dinosaurier“ soll am 2. April eröffnet werden. Damit der Tyrannosaurus rex dann rechtzeitig auf den Beinen steht, begleiten ihn fünf Mitarbeiter des Naturkundemuseums Berlin. Sie haben quasi das „Know-how“ des Auf- und Abbaus. Denn eine Bauanleitung ähnlich wie bei Lego gibt es für Tristan Otto nicht. „Aufgebaut wird der Dinosaurier grob in der umgekehrten Reihenfolge des Abbaus“, sagt Thomas Schossleitner gegenüber der Berliner Morgenpost.

Tristan Ottos Skelett kostet rund acht Millionen Euro

Gefunden wurde das Skelett des Dinosauriers im Jahr 2010 in Montana, in den USA. Es zählt zu den am besten erhaltenen Exemplaren der Welt. Die Besitzer des Skeletts heißen Jens Jensen und Niels Nielsen. Sie haben sich das Fossil rund acht Millionen Euro kosten lassen und sind übrigens auch die Namensgeber des Tyrannosaurus. Tristan und Otto heißen die die Söhne der Besitzer.

Die beiden Besitzer haben Tristan Otto dem Naturkundemuseum und der Forschung kostenlos zur Verfügung gestellt. Während dieser Zeit fanden Wissenschaftler in Berlin heraus, dass der Tyrannosaurus im zwei- bis drei -Jahresrhythmus seine Zähne gewechselt haben muss.