Seit einem halben Jahr ist Hartmut Dorgerloh der Generalintendant des Humboldt Forums im teilrekonstruierten Berliner Schloss und damit der Chef in der teuersten Kulturbaustelle Deutschlands nach der Wiedervereinigung. Er soll dafür sorgen, dass das Humboldt Forum mit seinen Nutzern, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, dem Stadtmuseum Berlin und der Humboldt-Universität mehr wird als ein zu groß und zu teuer geratenes Museum mit angeschlossener Veranstaltungsfläche. Je näher der Eröffnungstermin Ende 2019 rückt, desto aufgeregter reagieren die Feuilletons. Doch während sich früher vor allem DDR-Nostalgiker an der Schlossfassade abarbeiteten, rückt nun der Umgang mit dem kolonialen Erbe in den Fokus.
Berliner Morgenpost: Herr Dorgerloh, welchen Tag sollten wir uns im Kalender rot anstreichen, wenn wir bei der Eröffnung des Humboldt Forums 2019 dabei sein wollen?
Hartmut Dorgerloh: Den genauen Termin werden wir leider erst Mitte des kommenden Jahres nennen können.
Warum?
Weil wir erst dann sicher prognostizieren können. Zuerst muss die Inbetriebnahme erfolgen. Dafür sind über 400 sogenannte Wirk-Prinzip-Prüfungen für die technische Sicherheit abzuarbeiten. Und da es sich beim Humboldt Forum um ein technisch anspruchsvolles Gebäude mit 40.000 Quadratmeter Nutzfläche, davon 30.000 Quadratmeter mit Publikumsverkehr und mit einer Bruttogeschossfläche von insgesamt 100.000 Quadratmetern handelt ...
...ist das Ganze ein bisschen so wie der Pannenflughafen BER in Schönefeld.
… lernt man anhand einschlägiger Beispiele in Berlin zumindest, Eröffnungstermine vorsichtig zu kommunizieren. Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keinerlei Anlass für düstere Prognosen. Wir rechnen im Herbst 2019 mit grünem Licht seitens der Bauaufsicht. In Einzelfällen können wir mit entsprechenden Maßnahmen das Gebäude auch schon mal früher für das Publikum öffnen, wie etwa zur Feier von Alexander von Humboldts 250. Geburtstag im September. Dass dies gelingt, liegt aber nicht nur in unserer Hand. Zum Beispiel müssen dann auch die notwendigen Aufstellflächen für die Feuerwehr da sein. Genauso wie die Rettungswege berührt das auch die Außenanlagen, für deren Fertigstellung das Land Berlin zuständig ist. Diese werden Ende 2019 noch nicht ganz fertig sein können, auch wegen des U-Bahn-Baus vor unserem Haus. Aber dafür wird es Lösungen geben.
Das hört sich nicht sehr optimistisch an.
Wir sind optimistisch, aber Realismus tut eben auch gut. Außerdem werden wir, wie ja bereits kommuniziert, das Gebäude etappenweise eröffnen, also nicht alle Ausstellungsbereiche auf einmal. Das wäre bei der Gesamtgröße des Humboldt Forums und bei der thematischen Vielseitigkeit auch nicht sinnvoll. Die Choreografie einer gestaffelten Eröffnung der einzelnen Bereiche kann besser gewährleisten, dass diese auch die nötige und verdiente öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.
Dann verraten Sie wenigstens, welche Ausstellung als Erste fertig und ab wann zu sehen sein wird?
Als Erstes werden wir ab Ende 2019 den Ausstellungsbereich zur Geschichte des Ortes eröffnen. Wir werden zeigen, wie sich der Ort vom späten Mittelalter bis zum Abriss des Schlosses 1950 und dann weiter über Bau und Rückbau des Palastes der Republik bis zum Bau des Humboldt Forums im Berliner Schloss veränderte. Das machen wir auf insgesamt rund 1500 Quadratmetern, im Erdgeschoss medial und mit den originalen Skulpturen und im Archäologischen Keller mit den Spuren der letzten 700 Jahre, die dort noch zu sehen sind. Zur Eröffnung werden wir auch eine große Sonderausstellung zeigen, an der wir gerade intensiv arbeiten.
Worum geht es bei dieser Schau?
Es wird sich um eines der zentralen Themen des Hauses drehen. Getreu dem Ansatz der Humboldts, dass alles mit allem zusammenhängt, wollen wir globale Zusammenhänge aufzeigen, ökologische, ökonomische, kulturelle und soziale. Dazu werden wir alle Akteure des Hauses zusammenbringen und auch das Naturkundemuseum ist als Partner mit dabei. Genaueres will ich aber noch nicht verraten.
Na gut. Und was genau passiert am 14. September 2019, dem 250. Geburtstag Alexander von Humboldts?
Das soll der Höhepunkt im laufenden Alexander von Humboldt-Jahr werden, im Humboldt Forum, für die Öffentlichkeit. Unter anderem wollen wir die internationalen Verbindungen aufzeigen, die dank Humboldt entstanden sind. Dazu tauschen wir uns gerade mit den vielen Humboldt-Gesellschaften, -Vereinen und -Initiativen aus, die es auf der ganzen Welt und besonders ausgeprägt in Mittel- und Südamerika gibt. Unter anderem wollen wir wissen, wie diese den Geburtstag feiern. Da ist vieles in Vorbereitung. Wie genau unsere Geburtstagstorte dann aussieht, soll ebenfalls eine Überraschung werden.
Stichwort Überraschung: Sie stellen nur 20.000 von 300.000 Objekten aus?
Ja, übrigens 8000 Objekte mehr als in den Museen in Dahlem. Dass wir aber nicht alle Objekte zeigen werden, ist nicht ungewöhnlich, das zeigt auch der Vergleich mit anderen Museen. Die wichtigsten Exponate werden natürlich alle zu sehen sein. Von den vielen Tausend Holzschnitten aus Japan beispielsweise, oder den umfangreichen Porzellansammlungen aus China werden wir aber jeweils nur eine Auswahl – pars pro toto – zeigen. Wobei wir Objekte auch immer wieder wechseln werden.
Wie viele historisch belastete Objekte haben Sie im Bestand?
Das lässt sich nicht so allgemein beantworten, weil jedes Objekt seine ganz eigene Geschichte hat. Das wird im Rahmen der Provenienzforschung aufgearbeitet, verstärkt in letzter Zeit auch wegen des Humboldt Forums. Dieses ist ja nicht nur Teil, sondern auch ein wichtiger Ort der aktuellen öffentlichen Debatte darüber, wie wir mit Sammlungsbeständen aus kolonialen Kontexten umgehen. Allein für das Ethnologische Museum wurden vier neue Stellen geschaffen und als eines der Forschungsergebnisse gab es auch bereits erste Restitutionen: Im Mai konnten neun Grabbeigaben an indigene Gruppen aus der Chugach Region im Südwesten Alaskas zurückgegeben werden. Dies, nachdem die Herkunftsforschung ergeben hatte, dass die Gegenstände aus einer Grabplünderung stammten.
Wird es noch weitere Rückgaben geben?
Ja, das wird es. Dazu liegen teilweise auch schon Zusagen seitens der Museen vor. Andere Objektes sollen zirkulieren, anderes werden wir nicht zeigen. Das sind alles Ergebnisse einer engen Zusammenarbeit mit Vertretenden der Communities, insbesondere im Bereich der Provenienzrecherche. Nicht nur unsere Kuratoren sind ja in stetem Dialog mit ihren Kollegen in den Herkunftsgesellschaften, nicht nur in Afrika, sondern weltweit. In diesem Dialog stehen Rückgaben oft weniger im Zentrum, als es die aktuelle Diskussion in Europa vermittelt.
Wie wird der Besucher in die Problematik kolonialer Raubobjekte eingebunden?
Raubkunst ist Teil des größeren Themas koloniale Kontexte, auf das wir an vielen Stellen eingehen werden, wie etwa in den Flächen der Humboldt-Universität zu Berlin, in der Berlin-Ausstellung des Stadtmuseums und natürlich auch in den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Dazu wird es übrigens auch eine thematische Schwerpunkt-Führung durch das ganze Haus geben. Raubkunst konkret wird Thema einer unserer ersten Wechselausstellungen sein, die wir gemeinsam mit unseren Kollegen aus Tansania erarbeiten und in der Besucherinnen und Besucher einige Objekte zum letzten Mal in Berlin werden sehen können. Sie behandelt den „Maji-Maji-Krieg“, die Niederschlagung eines Aufstands der dortigen Bevölkerung durch die kolonialen Truppen 1905 – eines der grausamsten Kapitel der gesamten Kolonialgeschichte. Die Ausstellung wollen wir danach auch in Daressalam zeigen. Danach könnten Exponate auch zurückgegeben werden und gleich in Tansania bleiben. Dazu hat sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als deren Eigentümerin bereits klar positioniert.
Um wie viele Objekte geht es?
Rund 30 Objekte stehen eindeutig im Zusammenhang mit dem Maji-Maji-Krieg. Das ist eines der Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojekts „Tansania–Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“. Das Projekt, das bereits 2016 im Hinblick auf die künftige Präsentation initiiert wurde, brachte aber auch viele weitere Erkenntnisse. Ein Beispiel ist der sogenannte Zauberbeutel. Darin waren der Kiefer einer Schildkröte, eine Glasperlenkette und weitere Gegenstände. In der Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern aus Tansania wurde klar, dass es sich dabei um medizinische Objekte handelte, die offenbar einem oder einer tansanischen Heilkundigen gehört hatten. Da ist einiges passiert, was oft aber nur in Fachkreisen wahrgenommen wurde. Das Humboldt Forum erfüllt seine Funktion allein dadurch, dass es das Thema in eine größere Öffentlichkeit trägt.
Und Sie glauben, dass Ausstellungen zur Kolonialzeit die Menschen ins Forum zieht?
Auch, denn da werden wir interessante neue Ansätze zeigen. Auf weiteren Flächen werden wir aber andere Themen aufgreifen, vor allem auch immer wieder neue. Und wir werden ja noch einiges mehr bieten. Natürlich die Sammlungspräsentationen der Museen und der Humboldt-Universität, die ja weit über das Thema Kolonialismus hinausgehen, wie übrigens auch die Berlin Ausstellung. Und dann wird es ein breites Programm mit Kino, Theater, Tanz, Diskussionen und Vorträgen geben. Und natürlich die Cafés, Restaurants und die Dachterrasse. Übrigens alles kostenfrei zugänglich, außer die großen Sonderausstellungen und spezielle Veranstaltungen.
Wie sieht denn Ihr Budget aus?
Wir werden 2019 einen Haushalt in Höhe von 169 Millionen Euro haben, allerdings sind darin auch die Baukosten enthalten, die übrigens im Plan liegen. Was der laufende Betrieb im Jahr kosten wird, wissen wir aber vermutlich erst 2024 genau.
Wieso erst in fünf Jahren?
Weil dann die Phase der Gewährleistung für das Gebäude abgelaufen ist und sich die Zahl der jährlichen Besucher – gemäß Prognosen um die drei Millionen – eingepegelt haben wird. Von dieser Zahl hängt dann auch der Personaleinsatz ab.
Wie viel Personal beschäftigen Sie denn?
2019 sind es 213,5 Stellen – nicht eingerechnet das Personal für die Reinigung, die Aufsicht und andere Dienstleistungsbereiche, die wir mit der Eröffnung auch noch benötigen, um einen guten Service anzubieten.
Kränkt es Sie, dass Sie in den Feuilletons als „farbloser Verwalter“ bezeichnet werden?
Das habe ich so ja noch gar nicht gelesen. Ich verstehe mich als Manager, als jemanden, der gut vernetzt denken und arbeiten kann, der die vielen Spezialisten und Beteiligten zusammenführt und dafür sorgt, dass das Humboldt Forum insgesamt gut funktioniert und sich die Besucher wohlfühlen werden. Dazu gehört ganz wesentlich das Gesamtprogramm und dafür bin ich als Generalintendant hauptsächlich verantwortlich.


