Nach Millionenspritze

Das Naturkundemuseum will digital durchstarten

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Joachim Fahrun

Das Berliner Museum will mit Hilfe der 660 Millionen Euro zu den großen Häusern der Welt aufschließen.

Berlin. Anna Rosemann schaut von ihrem Arbeitsplatz im Keller des Naturkundemuseums auf eine steinige Böschung. Vor dem trüben Fenster schlucken graue Leitungsrohe das letzte Licht. Hinter der jungen Frau im weißen Kittel hängen an altertümlichen Holzgestellen mehr als 3500 Geweihe von Ziegen, Hirschen und Antilopen. Der Weg in ihrem Keller, der noch immer so aussieht wie nach dem Zweiten Weltkrieg, führt durch rostige Eisentüren, vorbei an verstaubten Kartons, voll mit Knochen.

Sammlungspflegerin Rosemann und eine Kollegin sind dabei, die Schädel zu säubern und sie in ihrem Laptop zu katalogisieren und zu beschreiben. „Schädel verraten viel über die Lebensbedingungen der Tiere, ob es warm war oder feucht, und was sie gefressen haben“, sagt Rosemann. Sie freut sich, dass auch diese Sammlung bald für Besucher geöffnet sein soll und Wissenschaftler für Forschungsvorhaben zu Artenvielfalt oder Klimawandel leichter auf ihre Geweihe zugreifen können.

Denn das altehrwürdige Museum für Naturkunde, das 1889 an der Invalidenstraße einzog, wird sich in den nächsten zehn Jahren aus dem 19. Jahrhundert in die Neuzeit katapultieren. 660 Millionen Euro haben der Bund und das Land Berlin zu gleichen Teilen zugesagt, um Geweihe, ausgestopfte Vögel, Felle, Saurierknochen, Mineralien und andere Schätze vor dem Verfall zu retten und in viel größerem Umfang als bisher den Besuchern zu präsentieren und Forschern aus aller Welt zugänglich zu machen. Das bisher 30.000 Quadratmeter große Gebäude, dessen zwei Abschnitte von 1889 und 1917 stammen, soll durch Neubauten auf 44.000 Qua­dratmeter wachsen.

Ein unterirdisches Depot soll die Sammlungen schützen

Im östlich anschließenden Hof wird ein unterirdisches Depot tageslichtfrei und perfekt klimatisiert große Teile der Sammlungen aufnehmen. „Von unseren 17 Sammlungen ist nur eine gut untergebracht“, sagt Stephan Junker, Geschäftsführer des Naturkundemuseums. Die sogenannte Nass-Sammlung, also 278.000 Gläser, in denen der Alkohol Tierpräparate konserviert, steht im bereits sanierten Ostflügel. Die mehr als 800.000 Besucher pro Jahr, die die berühmten Saurierhallen passiert haben, können außen an den untersten Reihen der drei Geschosse aufragenden Regale vorbeilaufen. Hinter der Glasscheibe können sie auch Forscher sehen, die im Innenraum den Geheimnissen der über Jahrhunderte zusammengetragenen Wesen nachspüren.

Hier ist es schon Realität, das Forschungsmuseum, das Generaldirektor Johannes Vogel und Geschäftsführer Junker den Wissenschaftspolitikern in Bund und Land versprochen haben. Künftig sollen 300 Wissenschaftler hier arbeiten können. Bisher reicht der Platz nur für die Hälfte. Immer wieder müssen sich ausländische Koryphäen bei ihren Forschungsaufenthalten mit zehn Leuten zwei Räume teilen. Dennoch sind die Sammlungen so interessant, dass 650 Gastwissenschaftler jedes Jahr deswegen nach Berlin kommen. Wie auch viele Mitarbeiter sitzen sie dann unter bröckelndem Putz und vor zugigen Fenstern. Manche WCs verströmen den Charme der 30er-Jahre.

Schon in der Vergangenheit haben die Museumschefs jedes Jahr etwa fünf Millionen Euro pro Jahr verbaut. Zwei größere Sanierungsprojekte im Ostflügel endeten im Zeit- und Kostenrahmen. Auch deshalb traut der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) Vogel und Junker zu, das Großprojekt zu stemmen. Junker hatte sich vor seinem Wechsel an die Invalidenstraße als Manager der Neubauten der großen Forschungsinstitute in Adlershof bewährt.

Nun sind allein für die Baumaßnahmen 430 Millionen Euro vorgesehen. In einem Hof wird zum Beispiel ein „Walpavillon“ gebaut, wo Gäste von außen sehen können, wie sich Forscher mit den Meeressäugern und ihren Knochen befassen. „Das wird eben viel mehr als eine Altbausanierung“, sagt Museums-Geschäftsführer Junker. So wird vor der Hauptfassade an der Invalidenstraße ein Besucherzentrum entstehen. Wie es genau aussehen soll, wird ein Architektenwettbewerb zeigen.

Für die Besucher ist der vordere Teil des Museums schon attraktiv hergerichtet. Von dem Saal mit dem berühmten Skelett des Tyrannosaurus Tristan öffnet sich eine Tür zu einem Nebenraum. Dort durchleuchtet Kristin Mahlow unter den Augen der Besucher in einem CT-Apparat Wirbelknochen von Sauriern oder Reptilienköpfe. Was sie tut, ist Wissenschaft und nicht nur Show. Die Technikerin arbeitet an ihrer Doktorarbeit zu Giftzähnen von Schlangen. Und sie hat Erstaunliches festgestellt: „Die Fragen des Publikums sind oft ganz ähnlich wie unsere Forschungsfragen“, sagt Mahlow.

Mit der Nachbarschaft zur lebenswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität soll nun ein echter Forschungscampus entstehen, der aber auch „normalen“ Bürgern Wissen zu Themen wie Artensterben, Biodiversität und Klimawandel vermitteln soll. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 80.000 Menschen zu Diskussionen oder Vorträgen ins Museum.

30 Millionen Objekte werden in der Bauphase digitalisiert

Ein wichtiger Teil des zugesagten Geldes, 90 Millionen Euro, sind vorgesehen, um die 30 Millionen Objekte in den Sammlungen zu digitalisieren. Während der Bauzeit müssen die Stücke ohnehin ausgelagert werden, in der Zwischenzeit kann man sie dann fotografieren und die Informationen über sie in eine digitale Datenbank einpflegen.

Im Vogelsaal zeigt Kuratorin Sylke Frahnert, warum es höchste Zeit wird. Wertvolle Stücke wie ein Gelbschopflund, den Adelbert von Chamisso 1818 von seiner Weltumseglung mitbrachte, stehen – Licht und Temperaturen ausgesetzt – in uralten Glasschränken. Farben von Schnäbeln und Gefieder verblassen. Aus manchem Vogelhals quillt Stroh. Viele Stücke seien nicht mehr ausstellungsfähig, könnten aber wissenschaftlich durchaus noch von Nutzen sein. Mit der Digitalisierung, so die Kuratorin, würden die Exemplare nicht überflüssig. Aber Wissenschaftler bekämen viel leichter einen Eindruck, ob es sich lohne, für weitere Forschung nach Berlin zu kommen.

Ein weiterer großer Block der Gesamtkosten von 660 Millionen Euro ist für die umfangreiche Logistik während der mindestens zehnjährigen Bauphase und als Reserve vorgesehen. Geschäftsführer Junker versichert, anders vorgegangen zu sein als bei vielen anderen öffentlichen Bauvorhaben. Dort würden die Kosten bewusst zu niedrig angesetzt, um die Politiker zu überzeugen. „Wir nennen lieber eine astronomische Zahl“, sagt Junker, „aber das ist dann alles, was wir brauchen für diese Schatztruhe der biologischen Vielfalt.“

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