Projekt

Vor Kronprinzenpalais: Mauer soll wieder aufgebaut werden

Das Kunst- und Filmprojekt DAU will den totalitären Geist der Stalin-Zeit wachrufen und dazu das Kronprinzenpalais abriegeln.

Ein Kunstprojekt will die Berliner Mauer Unter den Linden aufbauen

Ein Kunstprojekt will die Berliner Mauer Unter den Linden aufbauen

Foto: Maurizio Gambarini, Montage BM

Berlin. Das Projekt wird als absolute Geheimsache behandelt. Während sonst Kulturschaffende nicht genug für ihre Ideen werben können, umweht ein Hauch des Mysteriösen eines der spektakulärsten Vorhaben der Stadt. Gesprächspartner drängen vehement auf Vertraulichkeit, als würden sie korrupte Politiker outen. Dabei geht es um Kunst, eines der verrücktesten Filmprojekte unserer Zeit und einen überaus prominenten Ort in der Mitte Berlins Unter den Linden.

Befürworter heben die Idee in den Rang von Christos verhülltem Reichstag von 1995. Andere sprechen von „Historien-Kitsch“. Die genauen Pläne sind noch unter Verschluss, aber Recherchen dieser Zeitung haben einige Elemente des Konzeptes zutage gefördert.

Stalin-Zeit nachempfundenes Ambiente soll entstehen

Die Initiatoren des DAU-Projekts wollen vor dem Kronprinzenpalais und rund um die angrenzenden Gebäude schon in diesem Herbst die Berliner Mauer wieder aufbauen, die offenbar am 9. November symbolisch niedergerissen werden soll. Drinnen soll ein der Stalin-Zeit nachempfundenes Ambiente entstehen, das die Mechanismen totalitärer Regimes verdeutlicht. Wer rein will, muss seinen Ausweis zeigen, sein Handy abgeben und sich auch sonst allerlei Schikanen aussetzen.

Weitere Parallel-Events geplant

Freiwillige, die dort längere Zeit mitwirken wollen, suchen die Macher über eine Internetseite. „Herbst 2018 Berlin Paris London“, heißt es da. Denn neben Berlin sind Parallel-Events in den anderen Metropolen geplant. Es gehe um den Dreiklang von Freiheit, dafür steht Berlin, Gleichheit (Paris) und Brüderlichkeit (London), sagen Leute, denen die Ideen vorgestellt wurden. Träger des Vorhabens, so wird nach einigen Gesprächen klar, sind die Berliner Festspiele. Die Festivalorganisatoren werden von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) finanziert. Auf Nachfrage erklärt die Sprecherin, man sage derzeit nichts zu DAU.

Ausgangspunkt der Pläne bildet ein Film

Auf den warten Cineasten gespannt. 2009 hatte der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky in der ostukrainischen Stadt Charkow auf einem Industriegelände ein riesiges Filmset errichtet, das wie ein Forschungsinstitut zu Stalins Zeiten gestaltet war. Hunderte Freiwillige lebten darin über viele Monate, bis auf die Unterwäsche ausstaffiert wie zu Sowjetzeiten. Ausgangsidee war, das Leben des genialen sowjetischen Physikers und Vaters der sowjetischen Atombombe Lev Landau, Spitzname Dau, ins Bild zu setzen. Aus diesem Ursprung entwickelte sich ein gigantisches „Big Brother“. Die Insassen wurden ständig gefilmt, Tausende Stunden Bildmaterial drehten die Kameraleute.

Die Insassen gingen so in ihren Rollen auf, dass sie selbst sich gegenseitig denunzierten, eine Geheimpolizei aufbauten und obendrein auch noch 14 Kinder gezeugt haben sollen, wie den spärlichen Informationen über den Film zu entnehmen ist. Seit Jahren wartet die Filmwelt darauf, dass DAU beim Filmfestival in Cannes auf die Leinwand kommt. Seit 2011, als der Regisseur das Institut von Neonazis zerstören ließ, arbeitet die Crew in London an der Postproduktion des Materials, das für mehrere Filme und Serien reichen soll.

Das Budget muss erheblich sein, wo genau das Geld herkommt, ist unbekannt. Allerdings ist auch Berlin dabei. Das Medienboard Berlin-Brandenburg hat 350.000 Euro in den Film gesteckt. Zu den Produzenten gehört die Berliner Firma X-Filme, die unter anderem dem Regisseur Tom Tykwer gehören. Nun wird gemunkelt, im Herbst 2018 könnte die Premiere steigen. Das soll offenbar im Zusammenhang mit der Live-Aktion in Berlin erfolgen. Dabei sei die Überraschung wichtiger Teil des Konzeptes. Daher die Geheimhaltung.

Bezirk Mitte müsste den Mauerbau genehmigen

Die Initiatoren sind seit Ende 2017 in Berlin unterwegs und werben an höchster Stelle. Ein erster Versuch, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit einer Mauer abzuriegeln, scheiterte auch an den Wirren um den inzwischen abgetretenen Intendanten Chris Dercon. Dann kamen die Macher offenbar auf das Kronprinzenpalais, das dem Bund gehört und als temporäre Ausstellungshalle dient. Daneben sitzen mit Springer-Chef Mathias Döpfner im Opernpalais und dem Medienhaus Bertelsmann mit seiner Repräsentanz kunstaffine Nachbarn.

Die Idee platzte, DAU zu den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober zu starten. Unter den Linden läge im Sicherheitsbereich des Festes. Das Event ins nächste Jahr zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zu verschieben, sei wegen der parallelen Planungen in London und Paris nicht möglich, erfuhren Berliner Behördenvertreter.

Hohe Stellen unterstützen DAU

Wie zu hören ist, soll auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) angetan sein. Tourismuswerber beschwören die Hippness und Flexibilität Berlins, hoffen auf neue Attraktionen und viele Besucher. Aber die praktische Umsetzung gestaltet sich komplizierter, als es die Macher wohl gedacht haben, obwohl sie kein Steuergeld benötigen.

Letztlich muss der Bezirk Mitte genehmigen, wenn eine Mauer öffentliches Straßenland durchschneidet und einen Block umschließt. Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) findet DAU auf Nachfrage zwar etwas „obskur“, betont jedoch, er stehe dem Plan „neutral“ gegenüber. Offiziell liege noch kein Nutzungsantrag vor. Auch die schriftliche Zustimmung aller Anlieger stehe noch aus, sagte von Dassel. Man brauche auch eine politische Entscheidung, ob man für ein Kunstprojekt Raum der öffentlichen Nutzung entziehen wolle.

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