Islam in Berlin

Seyran Ates eröffnet liberale Moschee - in Kirchenanbau

Am Freitag unterzeichnete die Frauenrechtlerin einen Mietvertrag in der evangelischen Johanniskirche in Moabit.

Seyran Ates will konservativen Islam-Verbänden etwas entgegensetzen

Seyran Ates will konservativen Islam-Verbänden etwas entgegensetzen

Foto: Reto Klar

Die bisher vor allem als Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin bekannte Rechtsanwältin Seyran Ates hat in Berlin Räume für eine liberale Moschee angemietet. Dort sollen Frauen und Männer ab Juni gleichberechtigt beten und predigen. Die aus der Türkei stammende Autorin unterzeichnete am Freitag einen Mietvertrag in der evangelischen Johanniskirche im Stadtteil Moabit.

Die Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee in der dritten Etage eines Anbaus der Kirche ist für den 16. Juni geplant. An diesem Tag wird Ates auch ein Buch mit dem Titel „Selam, Frau Imamin“ veröffentlichen, in dem sie ihre Beweggründe für die Gründung der Moschee darlegt. In Europa ist der Gelehrte Ibn Rushd (1126-1198) unter dem Namen Averroes bekannt. Er lebte in Andalusien und Marokko, verfasste bedeutende Kommentare zum Werk des griechischen Philosophen Aristoteles.

„Ich hoffe, dass wir später ein eigenes Gebäude für unsere Moschee haben werden“, sagte Ates der Deutschen Presse-Agentur. Es sei ihr wichtig, dass diese Moschee „sichtbar“ sei, auch um dem Religionsverständnis der konservativen Islam-Verbände in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Die liberale Moschee soll Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis gleichermaßen offenstehen.

Leitung eines Freitagsgebets durch eine Frau oft noch ein Tabu

Der Generalsekretär der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), Bekir Alboga, wollte sich zu der neuen Moscheegemeinde nicht konkret äußern. Er erklärte aber auf Anfrage, auch jede Ditib-Moschee stehe für jeden offen, „unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft Nationalität, politischer oder weltanschaulicher Gesinnung“. Im Ditib-Verband gebe es mehr als 150 weibliche Religionsbeauftragte: Predigerinnen, Theologinnen und Lehrerinnen.

Frauen hätten in vielen islamisch geprägten Ländern zwar die Möglichkeit, andere Frauen oder Mädchen religiös zu unterweisen oder mit ihnen zusammen zu beten, erklärte die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter. Die Leitung eines Freitagsgebetes durch eine Frau stelle aber „für den orthodoxen Islam ein Tabu dar, obwohl es nicht durch den Koran verboten ist“. In vielen deutschen Moscheen hätten Frauen keinen eigenen Gebetsraum oder einen, der sehr viel kleiner sei als der Raum der Männer. Das Projekt von Ates nannte Schröter „zukunftsweisend“. Sie erklärte: „Abgesehen von der „Liberalen Gemeinde Rheinland“ ist mir keine Gemeinde bekannt, die ein derartiges Angebot bereitstellt.“

Seyran Ates (54) kämpft als Anwältin und Aktivistin seit Jahren gegen häusliche Gewalt, vermeintliche „Ehrenmorde“ und die Zwangsverheiratung muslimischer Migrantinnen. Sie war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz gewesen, bevor die Teilnahme auf muslimischer Seite auf Verbandsvertreter begrenzt worden war.

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