Autorin und Anwältin

„Ich hatte diese türkische Verwandschaft satt“

Seyran Ates lebt wegen ihrer Kritik am türkischen Frauenrecht in ständiger Angst. Nun arbeitet sie wieder als Anwältin im Wedding und hat ein neues Buch geschrieben.

Foto: Reto Klar

Es flößt einem Respekt ein, dieses Schild. Rechtsanwältin Seyran Ates steht darauf. Weiß auf Schwarz. Wie eine Selbstverständlichkeit. Viel hat die 49-jährige Berlinerin ertragen müssen. Man hat sie beleidigt, bedrängt und mit dem Tode bedroht. „Du wirst bald eine Kugel im Kopf haben“, schrieb man ihr. Man hat sie angegriffen. Auch körperlich. Einmal wurde sie sogar angeschossen. Wenn sie öffentlich auftritt, begleitet sie der Personenschutz. Seit bald acht Jahren.

Aber die Frauenrechtlerin lässt es sich nicht nehmen, für das zu kämpfen, woran sie glaubt. 2005 hatte die „Hürriyet“ geschrieben: „Diese Anwältin ist verrückt geworden. Sie stellt türkische Männer als Sklavenhalter dar.“ Ates bekommt Morddrohungen, sie hat gerade ein Kind bekommen. Auch um dessen Leben fürchtet sie. Sie schließt ihre Kanzlei. Doch eine wie Seyran Ates versteckt sich nicht. Vergangenes Jahr hatte sie eine Anzeige im Berliner Anwaltsblatt geschaltet: „Welche Kanzlei hat keine Angst, mich aufzunehmen?“. Und tatsächlich: Es fand sich jemand.

Vor ein paar Monaten hat Ates wieder angefangen, als Anwältin zu arbeiten. Ausgerechnet in Wedding, obwohl sie sich mit 17 Jahren geschworen hatte, nie wieder in dieses Viertel zu gehen, in dem sie aufgewachsen ist. „Ich musste damals weg“, erzählt sie. „Ich hatte diese türkische Verwandtschaft satt, die sich ständig in mein Leben eingemischt hat.“ Inzwischen aber hat sich Seyran Ates mit ihrer Familie versöhnt. Und sie hat ein Buch geschrieben über etwas, dass sie in ihrer Zeit der Zurückgezogenheit erkannt hat. Es heißt „Wahlheimat. Warum ich Deutschland lieben möchte“.

Zum Treffen in ihrer neuen Kanzlei kommt Seyran Ates zu spät. Sie war noch auf dem Ponyhof mit ihrer Tochter, schließlich sind ja Osterferien. Als sie ins Wartezimmer hereinstürmt, lächelt sie entschuldigend. „Ich hoffe, Sie mussten nicht allzu lange warten?“

Erstes Buch mit 18 Jahren

Seyran Ates ist für ihre kämpferische Art bekannt geworden. Ihr erstes Buch schrieb sie mit 18 Jahren. Da war sie gerade dem Zwang und der Enge ihres türkischen Elternhauses entflohen. Offen kritisiert sie darin, wie Frauen in den traditionellen Familien zum Dienstboten gemacht werden und handelt sich viel Ärger ein. Andere würden eingeschüchtert sein, Ates aber legt nach. 2007 erscheint „Der Multikulti-Irrtum“ in dem Seyran Ates erklärt, dass Toleranz gegenüber den Parallelwelten mancher Migranten oft nichts anderes sei als Ignoranz. 2009 dann setzt sie noch einen drauf. In der Streitschrift „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, prangert sie „Zwangsverheiratung, Ehrenmord und Kopftuchzwang“ an. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war wirklich jedem klar: Seyran Ates will die Revolution. Niemand soll unfrei leben, nur weil eine Tradition oder eine Religion das verlangt.

Und jetzt? Ihr neues Buch verhandelt ein deutlich harmloseres Thema – wenn man nicht gerade Nationalist ist. „Wahlheimat“ ist der Versuch, den Begriff Heimat von der „Blut und Boden“-Metaphorik der Rechten zu lösen. Im Oktober 2011 plante Seyran Ates ihre Teilnahme an einer Konferenz muslimischer Frauen in Istanbul. Zwei Beamte des Landeskriminalamts sollten sie begleiten, um ihr Leben zu schützen. Doch die Türkei verbot ihnen, mit Waffen einzureisen. Ates hatte die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie sei türkische Staatsbürgerin, für ihren Schutz sorge die Türkei, hieß es. Darauf aber wollte Ates nicht vertrauen. „Das ist der Luxus an Freiheit, den ich meine. In Deutschland kann man für seine Arbeit als Freigeist vom Staat beschützt werden, in der Türkei stößt man auf Unverständnis: Solche Leute steckt man eher ins Gefängnis“, schreibt sie in dem Buch.

„Heimat ist nicht esklusiv, sondern inklusiv“

Als Konsequenz gab Ates ihren türkischen Pass kurze Zeit später ab. Und entschloss sich, ihren Heimat-Begriff zu überdenken.„Für mich ist Heimat nicht exklusiv, sondern inklusiv“, schreibt Ates. „Was also kann an dem Gefühl falsch sein, mehrere Heimaten zu haben?“ Eine Streitschrift ist es diesmal nicht geworden. Aber eine Aufforderung. „Sagt ja zu dem Land, nicht nur zu dem Sozialsystem“, sagt Ates. „Das gilt für Türken genauso wie für Deutsche.“ Kritik übt sie an denjenigen, die andere ausschließen wollen. Solche, die glauben, Menschen, deren Eltern oder Großeltern in einem anderen Land geboren sind, gehörten nicht zur deutschen Gesellschaft. Oft ist es gar nicht böse gemeint, doch wer eine Deutsch-Türkin fragt, wann sie wieder in ihre Heimat fahre, der verletze sie eben. Viele deutliche Worte stehen in „Wahlheimat“. Ihr Stil wurde als „holzschnittartig“ kritisiert, dabei versucht Ates ihrem Leser gerade beizubringen, dass Heimat nicht so einfach ist, wie man denkt.

Insgesamt aber ist ihr neues Buch deutlich versöhnlicher. Und Seyran Ates selbst ist es auch. Sie lacht. „Ja, glücklicherweise kann ich mich etwas entspannen.“ Schließlich habe sich ja auch die Welt um sie herum verändert. „Durch den arabischen Frühling ist viel passiert“, sagt Ates. „Am Tahrir-Platz reden die Menschen über Islam und Sexualität.“ Bislang sei der zentrale Unterschied zwischen Westen und islamischer Welt das Thema sexuelle Selbstbestimmung der Frau und die Akzeptanz der sexuellen Identität von Schwulen und Lesben gewesen. „All das ist ‚ayip‘, Schande, in den Augen der Islamisten, aber jetzt müssen sie darüber reden.“ Erwarten wir jetzt eine sexuelle Revolution im Islam? „Die kommt“, versichert Ates, „im Privaten ist sie ja bereits da.“

Solche Veränderungen hat man auch ihr zu verdanken. „Ich war die erste Juristin, die den Straftatbestand für die Zwangsverheiratung gefordert hat“, erinnert Ates. Die „Wahlheimat“ will sie allerdings dennoch als eine Kampfansage verstanden wissen. „Sie richtet sich gegen alle, die Feinde der Demokratie und der Freiheit sind.“ Auch ihre politischen Ziele will sie weiter verfolgen. Vor einem Monat ist sie wieder in die SPD eingetreten.

Wie hat sie die Angst vor gewalttätigen Extremisten überwunden? „Gar nicht“, sagt Ates. „Aber ich kann mich nicht vor dem Leben verschließen.“ Den deutlichsten Beweis, dass ihr Schritt zurück in eine Kanzlei notwendig war, hatte sie, als eines Nachts plötzlich eine alte Bekannte vor ihrer Tür stand. Die hatte gerade erst in der Zeitung gelesen, dass Ates wieder praktiziert und war sofort losgezogen, um sie um Hilfe zu bitten.

Angst vor Übergriffen

Persönliche Kontakte helfen ihr dabei, mit der Angst vor Übergriffen zu leben. Junge Frauen und Männer sprechen sie bei Veranstaltungen an und sagen, Frau Ates, Sie sind mein Vorbild, erzählt sie. „Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“ Auch deswegen sei sie ruhiger und friedlicher geworden. Sie hat die Gewissheit, dass es Nachwuchs gibt – und Veränderung. „Dass jetzt auch mehr Jungs sich trauen, für die Gleichberechtigung zu sprechen, ist ein wichtiger Schritt nach vorn.“ Ein nächster Schritt wird sein, sinnvolle Treffs für Jugendliche einzurichten. „Viele dieser Orte waren lange eher Plätze zum Kickern und zum Randalieren, dann hat man sie geschlossen. Aber Jungs brauchen auch Ansprache, genau wie die Mädchen.“

Die aktuelle Diskussion über die NSU-Morde hat sie wieder kämpferisch gestimmt. Sie hat eine alte Wunde aufgerissen. Am 25. September 1984 arbeitete Seyran Ates in einem Beratungszentrum für muslimische Frauen. Gerade war eine Frau hereingekommen, die sich einen Brief vom Arbeitsamt vorlesen lassen wollte. Plötzlich stürmte ein Mann den Raum und schoss um sich. Die Frau starb, Ates wurde schwer verletzt. „Der Täter, ein rechtsextremer Türke, wurde nicht verurteilt“, sagt Ates. Ähnlich wie bei den NSU-Morden hieß es, es handele sich um eine Beziehungstat. „Ihre Tochter ist jetzt 33 Jahre alt, sie hat keine Wiedergutmachung erfahren. Bis heute nicht.“ Auch deswegen hat Ates ihre Kanzlei wieder aufgemacht. Um mit dem Finger auf solche Missstände zu zeigen.