Vanessa steht auf einer Wiese am Kanal, ungefähr hundert Meter vom S-Bahnhof Tiergarten entfernt. Hier halten sich die Gänse auf – auch dieses Jahr. Sie sind recht zutraulich und haben vor Kurzem Nachwuchs bekommen: Acht gelb-braune Küken werden von mehreren ausgewachsenen Gänsen betreut. Zwei Familien sollen das sein, sagt Vanessa. Ein älteres Küken wurde von einem Gänsepaar adoptiert. Seine Eltern seien eines Tages einfach verschwunden und hätten es hier zurückgelassen, berichtet die 17-Jährige.

So eine Adoption hat sie schon einmal erlebt und kennt das Verhalten der Gänse mittlerweile ganz genau: Sie wohnt nahe dem Tiergarten und seit einem Jahrzehnt kommt sie fast täglich hierher, fotografiert und filmt die Wildgänse. Früher gab sie ihnen sogar Namen und führte Buch über sie. Wahrscheinlich ist sie die Berlinerin, die die Tiere am besten kennt.

Vor zehn Jahren lief Vanessa noch als kleines Mädchen mit ihrer Mutter durch den Berliner Tiergarten und sah dort das erste Mal ein Kanadagans-Pärchen. Sie musste unweigerlich an ihre Lieblingsserie „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ denken. In der Serie, die auf dem Roman der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf basiert, geht es um einen Jungen, der von einem Wichtelmann geschrumpft wird. Er kann danach mit Tieren sprechen und begibt sich mit Gänserich Martin und seinem Gefolge auf eine Abenteuerreise.

Zwischen dem Jungen Nils und den Wildgänsen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Vanessa war fasziniert von der Serie – und wollte als Kind auch gern eine solche Beziehung zu den Kanadagänsen im Tiergarten haben. „Meine Mutter und ich sind dann jeden Abend mit unseren Fahrrädern durch den Tiergarten gefahren und haben die Gänse beobachtet.“ Vanessa wohnt dort in der Nähe – ihr Glück, wie sie findet. „Sonst wäre ich vielleicht nie auf die Gänse hier aufmerksam geworden.“

Die Kanadagans war ursprünglich nur in Nordamerika heimisch. Vor gut dreihundertfünfzig Jahren wurden dann die ersten Tiere dieser Art gezielt in Europa angesiedelt, vor allem in Skandinavien und Großbritannien. Seit den 70er-Jahren brüten die Wildvögel auch in Deutschland. Die Kanadagans ist die am weitesten verbreitete Gans der Welt und die größte Wildgansart Europas.

Früher sogar Tagebuch geführt

„Sie erinnern mich vom Aussehen an die Gänse in meiner einstigen Lieblingsserie“, sagt Vanessa. Sie kramt ein kleines rosa Buch aus ihrer Tasche. Dort stehen in Kinderhandschrift Namen und Stammbäume einiger Gänse drin. „Ich hab früher ein Gänsetagebuch geführt“, sagt sie grinsend. Sogar Geschichten hat sie als Kind über die Tiere geschrieben. Jetzt hat sie nicht mehr so viel Zeit, sich mit den Wildvögeln zu beschäftigen.

Neben der Schule nimmt sie einmal in der Woche am Abend Schauspielunterricht und zum Cellounterricht geht sie ebenfalls. „Trotzdem versuche ich, so oft wie möglich herzukommen“, sagt Vanessa. Ihr ist klar, dass diese Freizeitbeschäftigung für eine Jugendliche eher ungewöhnlich ist. Ihre Freunde zögen sie auch manchmal damit auf, erzählt die Gymnasiastin. Aber sie fänden es „eigentlich cool“, dass Vanessa sich so für die Kanadagänse im Berliner Tiergarten interessiert.

Das erste Mal seit zwei Jahren wieder Nachwuchs

Plötzlich gibt es lauten Tumult im Wasser – die Gänse schlagen mit ihren Flügeln um sich und schnappen. „Sie versuchen, die Fische zu vertreiben, weil manche von ihnen die Küken angreifen“, sagt die Schülerin. In diesem Jahr hätten die Wildgänse das erste Mal seit zwei Jahren wieder Nachwuchs, erzählt sie. Sie hat damals miterlebt, wie ein Hund eine Gänsemutter totbiss, als sie ihre Jungen verteidigen wollte. „Daher gab es eine Weile keine Küken mehr.“

Sie hätte die Jungtiere in diesem Frühjahr beinahe schlüpfen sehen; es wäre das erste Mal gewesen. „Ich hätte das gern einmal beobachtet, kam aber leider zu spät“, sagt sie. „Ich sah die Eier eines Abends. Am nächsten Abend waren die Kleinen dann schon geschlüpft.“ Vielleicht klappt es im kommenden Jahr. Die Kanadagänse sind immer von März bis August im Tiergarten, ab April fangen sie an, zu brüten.

Vanessa hofft, dass sie die zutraulichen Vögel noch lange begleiten kann. Sie glaubt, dass sie sie auch als Erwachsene noch besuchen wird. Zumindest hat sie sich das fest vorgenommen.