Die junge Frau hatte am Montag Glück im Unglück. Zwar war der Aufzug hinunter zum Bahnsteig gerade gesperrt, doch ein S-Bahner packte kurz entschlossen mit an und half ihr, den schweren Kinderwagen die lange Treppe hinunterzutragen.
Dass so viele rot bemützte Bahn-Mitarbeiter am Bahnhof Gesundbrunnen anzutreffen waren, verdankte die Weddingerin dem Umstand, dass dort just an diesem Tag eine wichtige Umbauetappe beendet wurde. Nach einer mehr als einjährigen baubedingten Sperrung gab die Deutsche Bahn den sogenannten Querbahnsteig wieder für die Öffentlichkeit frei, der wie eine Brücke die fünf darunterliegenden Bahnsteige (zwei für die S-Bahn, drei für den Regionalverkehr) miteinander verbindet.
Dies werde das Ende vieler Unannehmlichkeiten für die täglich rund 100.000 Fahrgäste sein, die in Gesundbrunnen ein-, aus- oder umsteigen, hatte die Bahn vorab angekündigt.
Ausgerechnet Aufzug zum Bahnsteig funktionierte nicht
Vorgesehen war, dass auch alle während der langen Bauphase gesperrten Fahrstühle wieder in Betrieb sind. Dass ausgerechnet der Aufzug zum Bahnsteig 1/2 an diesem Tag seine Arbeit einstellte, war so nicht ganz geplant. „Der wird gewartet, das muss ja auch irgendwann mal erfolgen“, versuchte Friedemann Keßler, Bereichsleiter der Bahn-Tochter Station&Service für alle Bahnhöfe im Osten Deutschlands, die Situation zu retten. Spätestens am Dienstag aber werde der Aufzug wieder in Betrieb sein, versicherte Berlins oberster Bahnhofschef. Die häufig zu hörende Kritik, dass Bahnhofsaufzüge in Berlin besonders oft und besonders lang ausfallen, wollte er nicht gelten lassen. „Das kann ich so nicht bestätigen. Wir haben eine Verfügbarkeit von 99 Prozent“, versicherte Keßler. Das sei im Vergleich zu anderen Bereichen „unglaublich hoch“.
Nach Angaben der Deutschen Bahn sind von den 166 S-Bahnhöfen in Berlin und Brandenburg derzeit 156 barriere- oder stufenfrei erreichbar. Insgesamt stehen dafür 238 Aufzüge und 262 Fahrtreppen zur Verfügung. Elf Aufzüge und sechs Rolltreppen waren am Montag laut einer Übersicht auf der speziell eingerichteten Internetseite außer Betrieb gemeldet. Ein Großteil davon befand sich aber in Stationen, die noch bis 4. Mai wegen der laufenden Sanierungsarbeiten im Nord-Süd-Tunnel ohnehin nicht von der S-Bahn angefahren werden.
Flachbau mit zwölf Ladenlokalen
Der Bahnhof Gesundbrunnen ist bereits seit zwei Jahren Großbaustelle. Die im Mai 2006 in seiner heutigen Gestalt eröffnete Station hatte viele Jahre mit dem Makel zu kämpfen, kein Empfangsgebäude zu haben. Nach langem Zögern und mehreren Umplanungen holt die Deutsche Bahn dies jetzt nach. Auf dem nach der Hertha-Legende Hanne Sobek benannten Bahnhofsvorplatz entsteht ein Flachbau aus Stahl und Glas, der zwölf Ladenlokale und sogar eine öffentliche Toilette beherbergen soll. Kosten: 14 Millionen Euro.
Ursprünglich waren knapp zehn Millionen Euro eingeplant. Die Bahn plant auch ein Reisecenter, in dem Verbindungen abgefragt und Fahrkarten gekauft werden können. Das Center wird mit 100 Quadratmetern allerdings nicht allzu groß ausfallen. „Inzwischen kaufen sich immer mehr Menschen ihre Fahrkarten im Internet, das hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschoben“, sagte Bahnhofsmanager Keßler.
Die Apotheke der sechs Sprachen
Das Reisecenter und auch die ersten Geschäfte werden im März öffnen. Dazu soll auch die „Nordkreuz-Apotheke“ gehören, die von Ling Girgsdies gerade eingeräumt wird. Aufgrund der Sonderbestimmungen für Bahnhöfe wird die neue Apotheke nicht nur an Werktagen (jeweils von 8 bis 20 Uhr) geöffnet sein, sondern auch sonntags. „Immer von 10 bis 16 Uhr“, verspricht Frau Girgsdies. Das Besondere: Neben Deutsch, Englisch und Türkisch wird in der Apotheke auch Italienisch, Arabisch und Chinesisch gesprochen. „Ein wirklich guter Service, den wir in einem Fernbahnhof gut gebrauchen können“, freut sich Bahn-Manager Keßler.
Abschließend fertiggestellt werden soll das Empfangsgebäude am Bahnhof Gesundbrunnen im Juli. Bis dahin soll auch der an vielen Stellen provisorische Fußboden ersetzt sein. Und natürlich sollen dann alle Aufzüge und Fahrtreppen in Betrieb sein. „Hoffentlich störungsfrei“, wünscht sich einer der vorbeigehenden Fahrgäste, der auf eine Gehhilfe angewiesen ist.




