Kurz nach dem Fall der Mauer hatten die Politiker den Berlinern den raschen Wiederaufbau des Leipziger Platzes versprochen. Knapp 24 Jahre später ist der markante achteckige Platz zwar immer noch nicht fertig. Immerhin: Auf dem bislang größten unbebauten Grundstück an der Nordostecke wurde am Donnerstag ein Richtfest der Superlative gefeiert. Die High Gain House Investments (HGHI) des Berliners Harald G. Huth baut auf dem einstigen Wertheim-Areal und den anliegenden Grundstücken nicht nur eine gigantische Shoppingmall, sondern gleich ein ganzes Stadtquartier.

Anfang 2010 wurde mit den Aushubarbeiten für die Baugrube begonnen, vor genau einem Jahr wurde dann der Grundstein gelegt. Angesichts der Tatsache, dass hier ein riesiger Gebäudekomplex mit insgesamt 250.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bereits im Rohbau fertig ist, ist die Geschwindigkeit, mit der das Bauvorhaben voranschreitet, „einfach atemberaubend“, brachte es der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf den Punkt. 148.000 Kubikmeter Beton seien insgesamt verbaut worden, verdeutlichte Baustellen-Chef Andreas Fettchenhauer die Dimensionen. Derzeit seien täglich bis zu 800 Bauarbeiter auf der Baustelle. „In Spitzenzeiten sind es 1200“, so der Bauleiter weiter.

Größere Probleme bereitete in der gesamten Bauphase lediglich ein Wassereinbruch in der Baugrube, der im Frühjahr 2012 für eine sechswöchige Unterbrechung der U-Bahn-Linie 2 sorgte, die das Gelände unterquert. Es gab aber auch einen Unfall auf der Baustelle. Zwei Bauarbeiter wurden schwer verletzt, als das Verschalungsgerüst für eine Zwischendecke zusammenbrach. „Ihnen geht es inzwischen wieder gut“, sagte der Bauleiter.

800 Millionen Euro werden verbaut

Allein 76.000 Quadratmeter in dem Quartier sind für die 270 Geschäfte und 30 Cafés und Restaurants reserviert, die hier einziehen sollen. Zudem entstehen 5000 Quadratmeter Bürofläche und 250 Wohnungen, die sich mit insgesamt 30.000 Quadratmeter Fläche oberhalb der dritten Etage befinden. Die Wohnungen, die sich rund um die begrünte Dachterrasse mit Tartanbahn im Inneren des Komplexes gruppieren, sollen später vermietet werden – zu einem Quadratmeterpreis ab zwölf Euro aufwärts. Den Bewohnern und Besuchern des Quartiers stehen zudem in einer Tiefgarage 1000 Parkplätze zur Verfügung, auch ein Hotel mit 250 Zimmern und ein Fitnesscenter wird es geben. Der Betreiber für das Hotel ist die Motel-One-Guppe, auch die größten Mieter im Einkaufszentrum stehen fest: Peek & Cloppenburg (7000 Quadratmeter), SportScheck (4600 Quadratmeter), Saturn (3500 Quadratmeter) sowie H&M (3400 Quadratmeter). Nach Auskunft des Investors sind 94 Prozent der Ladenflächen bereits vermietet. Das Stadtquartier soll im Frühjahr fertig sein.

Insgesamt hat der Berliner Huth rund 800 Millionen Euro am Leipziger Platz investiert. Denn neben dem Wertheim-Areal hat Huth in den vergangenen Jahren auch noch das Grundstück mit der Adresse Leipziger Platz 16 erworben, das zuvor dem Automobilclub von Deutschland (AvD) gehörte. 2012 kaufte er zudem das ehemalige Preußische Staatsministerium an der Leipziger Straße sowie die rund 10.000 Quadratmeter große Brache zwischen Leipziger-, Voß- und Wilhelmstraße dazu. Mit dem Kauf der kleinen Fläche hinter dem Voßpalais bot sich Huth die Möglichkeit, die beiden großen Grundstücke zu einer durchgängigen Shoppingmall vom Leipziger Platz bis an die Ecke Mohrenstraße zu verbinden.

Kein Block, sondern einzelne Häuser

Einer der beteiligten Architekten des Leipziger Platz Quartiers, wie Huth sein Bauprojekt getauft hat, ist Sergei Tchoban. „Der Leitgedanke bei der Architektur für dieses Bauvorhaben war, keinen riesigen, einheitlichen Block zu schaffen, sondern einzelne Häuser mit einzelnen Adressen“, so der Architekt. Daher habe man für jedes Haus Natursteinfassaden in unterschiedlichen Farbnuancen gewählt. Einen architektonischen Rückgriff auf das grandiose Kaufhaus, das an dieser Stelle einst stand, habe man bewusst nicht gewählt. „Wir bauen ja nicht nur ein Kaufhaus, sondern ein ganzes Stadtquartier – und das soll man ruhig auch sehen“, sagte Tchoban. Dort, wo am Donnerstag mit Hunderten Gästen Richtfest gefeiert wurde, stand einst eine der ersten Einkaufsadressen Europas. Das Wertheim am Leipziger Platz, 1906 nach den Plänen des Architekten Alfred Messel fertiggestellt, galt bis in die 20er- und 30er-Jahre als eines der weltweit größten und schönsten Warenhäuser und lockte schon damals Touristen in Scharen an.

Mit seiner 240 Meter langen Straßenfront an der Leipziger Straße und dazu weiteren 90 Metern am Leipziger Platz, mit der üppigen Raumausstattung, den prächtigen Eingangsportalen sowie den mit Fliesen und Mosaiken reich verzierten Galerien im Inneren setzte das Kaufhaus international Maßstäbe. Auch das Warenangebot war beeindruckend üppig und reichte von der Lebensmittelabteilung über Bekleidung, Kosmetik und Stoffe bis zu Büchern und Musikinstrumenten. Ein Teesalon, ein Sommergarten und regelmäßige Kunstausstellungen sorgten – ganz modern – für das passende Begleitprogramm zum Shopping-Erlebnis.

Der Niedergang des stolzen Kaufhauses setzte mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein. Die jüdische Familie Wertheim wurde enteignet. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Kaufhaus dann zum großen Teil zerstört, die Ruine in den 50er-Jahren abgerissen. Lediglich die ehemaligen Tresorräume wurden stehen gelassen und dienten von 1991 bis zum Abriss 2005 dem ersten Berliner Techno-Club, dem „Tresor“ als Heimat.

„Einst wurde hier Kaufhausgeschichte geschrieben“, erinnerte Harald Huth an den berühmten Vorgängerbau. „117 Jahre später wollen wir diese glorreiche Einzelhandelstradition fortsetzen“, so der Investor. Seinen Gästen gab er sodann ein mutiges Versprechen: „Wir wollen die neue alte Mitte als Herz von Berlin wiederbeleben.“