Einsatz in Wedding: „An der Fehmarner Straße randalieren mehrere Personen vor einer Kneipe.“ Der VW-Bus der Polizei rast zum Einsatzort, Martinshorn und Blaulicht werden eingeschaltet. Es ist 22.04 Uhr. Vor einer Kneipe, in die ausschließlich Bulgaren kommen, stehen sich zwei Personengruppen gegenüber. Lautes Gegröle ist zu hören, viele der Männer können kaum noch gehen. Zu viel Schnaps, sagt Polizeikommissar Micha, wahrscheinlich ein starker Selbstgebrannter. Die Kneipe werde oft angefahren. Andere Wagen treffen ein, zahlreiche Beamte mit Schutzwesten trennen die Streithähne. Schieben die einen in Richtung Park, die anderen wieder ins Lokal. „Jetzt ist hier Ruhe, und zwar sofort“, fordert ein Zivilbeamter mit lauter Stimme, und die Lage beruhigt sich. „Ne halbe Stunde“, wettet Hauptkommissar Bernd. „Dann sind wir wieder hier.“
Die beiden Beamten Micha und Bernd, die ihre Nachnamen lieber für sich behalten, gehören zum Polizeiabschnitt 35 an der Oudenarder Straße in Wedding. Zu ihrem Arbeitsgebiet zählen Schnapsleichen und grölende Jugendliche, Schläger mit ausgeboxten Zähnen und im Hinterhof liegende Selbstmörder, weinende alte Frauen, denen man die Handtasche entrissen hat und junge Damen, die von ihrem vor Wut rasenden Lebensgefährten und dessen Kampfhund bedroht werden. 75.000 Einwohner wohnen im Einsatzgebiet, davon sind etwa 24.000 Ausländer.
Hand an der Waffe, Pfefferspray im Anschlag
Kurz vor dem Einsatz an der Fehmarner Straße hat der 51 Jahre alte Hauptkommissar Bernd noch über die Erfolge am Leopoldplatz berichtet, an dem bauliche Maßnahmen jetzt dafür sorgen, dass die Trinker quasi einen Platz hinter einer Mauer bekommen haben, damit sich die Kinder auf dem Spielplatz nicht vor ihnen fürchten. Bernd versucht gerade, mit dem Rauchen aufzuhören und ist für jede Aktion dankbar, die ihm die Zeit für eine Zigarette nimmt.
Um 22.34 Uhr kommt schon der nächste Funkspruch. Eine Frau ruft an der Müllerstraße um Hilfe. Ein Passant will sie vor ihrem Freund beschützen, doch der ist knapp zwei Meter groß, besteht nur aus Muskeln. Wie sein dunkelgrauer Kampfhund, der jaulend neben ihm sitzt. Drei Wagen treffen zeitgleich ein, die Beamten haben die Hände an den Waffen, einer hat eine große Flasche Pfefferspray im Anschlag. „Leinen Sie den Hund an das Geländer an der Laterne“, ruft Micha. Die Stimmung ist aggressiv. Die Frau weint, während sie von einer Beamtin befragt wird. „Erzähl ja keine Scheiße“, droht ihr Freund, und Bernd tritt dicht an ihn heran. Der Beamte macht seit 30 Jahren Judo – und hat ebenso lange Erfahrung auf der Straße. Deswegen versucht er es erst einmal mit Reden.
„Na, Ehestreit?“, fragt er, und der Hüne entspannt sich etwas. „Wir sind ja noch nicht mal verheiratet. Alles Scheiße.“ Ob er seine Freundin geschlagen habe, will Bernd wissen. Bei so was versteht der ehemalige Kraft- und Kampfsportler keinen Spaß. „Nein Mann, war eben nur laut. Find’ es ja selber blöd. Aber warum guckt mich dein Kollege so böse an, der dreht ja ab“, pumpt sich der Hüne wieder auf. „Weil du auch böse guckst, und nun entspann dich.“ Die Sache ist schnell geklärt. Die Frau wurde nicht Opfer einer Straftat, und so gehen beide in unterschiedlicher Richtung ihrer Wege.
Schläger am Zaun, Hände auf dem Rücken gefesselt
Zehn Minuten später. Eine Einheit des Landeskriminalamts braucht Unterstützung bei der Überprüfung mehrerer Drogendealer und ihrer Kunden. „Könnte interessant werden“, sagt Micha und lenkt den Wagen Richtung Stadtautobahn. Doch Bernd gewinnt in dieser Sekunde seine Wette. Bei den Bulgaren gibt es wieder Streit, diesmal soll es noch rauer zur Sache gehen, auch die Bereitschaftspolizei ist alarmiert.
Sekunden später treffen mehrere Wagen an der Fehmarner Straße ein. Inzwischen muss noch mehr Alkohol geflossen sein, und die Streithähne haben jetzt auch keinen Respekt mehr vor der Staatsmacht. Die stellt die Rangordnung schnell wieder her. Drei Schläger stehen am Zaun, die Hände auf den Rücken gefesselt. Sie werden durchsucht, ihre Personalien überprüft. „Wie ist Ihr Name?“, will ein Bereitschaftspolizist wissen, doch der Mann kann nur noch lallen. Schlecht ist sein Deutsch ohnehin. „So heißt er irgendwie“, sagt der Beamte und reicht seinem Kollegen einen Zettel.
Die Identitäten können geklärt werden, die Schläger bekommen Platzverweise, das heißt, dass sie das Areal verlassen müssen und innerhalb der nächsten Stunden nicht wiederkommen dürfen. Ein stark betrunkener Mann pöbelt weiter auf seine „Feinde“ ein. „Schließt endlich die Kneipe da unten“, rufen mehrere Mieter eines Mehrfamilienhauses aus ihren Fenstern heraus. „Jeden Abend das gleiche Theater hier.“ Drei Beamte begleiten den Betrunkenen in Richtung seiner Wohnadresse und warten, bis er auch wirklich im Haus verschwunden ist.
„Lindauer Straße, Massenschlägerei“
Zeit für eine Kaffeepause auf dem Gelände des Abschnitts an der Oudenarder Straße, und nun greift Bernd doch zur Zigarette. Sein Partner Micha guckt ihn vorwurfsvoll an. „Alter, du hörst heute Nacht auf, wie versprochen.“
Der Wachhabende steckt den Kopf aus dem Fenster ins Freie, wo die Beamten bei selbst geschmierter Stulle und Thermoskannenkaffee stehen. „Lindauer Straße, Massenschlägerei.“ Bernd und Micha springen in ihren Wagen. Blaulicht an, los. „Wieder die Polen-Disco. Da sind wir auch regelmäßig.“
Die Szene erinnert an den Einsatz an der Fehmarner Straße. Eine Handvoll völlig Betrunkener ist wegen einer Nichtigkeit aneinandergeraten. Der Türsteher ist überfordert, hat deshalb die Polizei gerufen. Als vor dem Lokal mehrere Wagen eintreffen, sind die Beteiligten noch miteinander beschäftigt. Zwei bluten stark im Gesicht, ein dritter hat ein faustgroßes Hämatom im Gesicht. Der Haupttäter steht an einer Wand, die Hände auf dem Rücken mit Handschellen fixiert, zwei Beamte sichern ihn. Plötzlich dreht er durch, schlägt immer wieder seinen Kopf gegen die Mauer, bis er zurückgerissen wird. 1,9 Promille wird ein Alkoholtest später ergeben. Die Schläger werden überprüft, ihre Personalien aufgenommen. Sie haben einen festen Wohnsitz, deswegen dürfen sie nach einer halben Stunde gehen.
„Zusammenhalten und das Ding zu den eigenen Gunsten drehen“
„Der Respekt uns gegenüber nimmt ab“, sagt Bernd. „Es gibt Situationen, in denen wir uns in Unterzahl einer großen Personengruppe gegenübersehen. Dann heißt es zusammenhalten und das Ding zu den eigenen Gunsten drehen.“ Ja, es gebe auch Situationen, in denen er und seine Kollegen schon mal die Waffe ziehen mussten, um aggressive Menschen zu bedrohen. Das sei aber noch die Seltenheit.
Worunter er leide, und man glaubt ihm, ist die Routine mit dem Tod. „Man stumpft irgendwann ab.“ Die ursprünglichen Reflexe wie Anteilnahme und Beileid seien zwar immer noch vorhanden, aber nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Dennoch sei es die richtige Entscheidung gewesen, das Medizinstudium abzubrechen und Polizist zu werden. „Auch wenn sich das immer danach anhört, als wolle man sich das eigene Leben schönreden, ich kann hier echt was bewegen. Im Kleinen, manchmal im ganz Kleinen. Aber jedes Kind, das nicht mehr mit Angst zur Schule geht, weil wir mit der Gang geredet haben, ist es wert. Auch wenn es schon mal gefährlich werden kann.“ Andere Berufe hätten auch ihre Gefahren.
Bernd will seine Erfahrungen weitergeben. Und freut sich über den engagierten Micha, der mit seinen 25 Jahren bereits dreieinhalb Jahre auf dem Abschnitt 35 verbracht hat. Und sich auch über die kleinen Erfolge freut.
Der Notarzt versteht keinen Spaß
Ein neuer Notruf geht ein. Ein junger Mann will sich angeblich in seiner Wohnung an der Tegeler Straße das Leben nehmen. Das hatte er seinem Freund nach dem Konsum von Ecstasy gesimst und mit einem Sprung aus dem Fenster gedroht, falls die Polizei kommen würde. Bernd übernimmt die Führung, unter einem Vorwand gelangen die Beamten und eine Notarztwagenbesatzung mit dem Freund des mutmaßlichen Lebensmüden ins Haus und klopfen bei dem völlig überraschten jungen Mann.
Der Mieter ist sauer auf seinen Freund, dass der nun doch die Polizei gerufen hat. Er habe nie vorgehabt, sich das Leben zu nehmen. Doch der junge Mann wirkt auch etwas verwirrt, steht unter Drogen. Der Notarzt versteht keinen Spaß – laut Bestimmung müssen Menschen vorsorglich in eine Klinik gebracht werden, die einen Selbstmord ankündigen. Wenig später sitzt der Mieter im Notarztwagen. Zu Hause wird er in dieser Nacht nicht schlafen.
79 bis 120 Kilometer pro Schicht
Die Stunden vergehen. Hier ein Unfall, da noch eine Schlägerei. Anwohner beschweren sich über Lärm aus einer afrikanischen Kneipe, dieser kommt aber in Wahrheit aus der Studentenwohnung darüber. Fußballfans ziehen grölend durch die Seestraße. Als sie den Funkwagen sehen, werden sie aber schlagartig leise und fragen höflich nach dem Weg.
79 bis 120 Kilometer, das hat Micha mal überschlagen, fahren sie pro Schicht durch ihren Kiez. Wo sie jede Mülltonne kennen und jede Problemkneipe. Für Bernd, und auch das glaubt man ihm, ist der Job wie geschaffen. „Ich will gar nichts anderes als Funkwagen fahren. Kein Einsatz ist wie der andere“, sagt er.
Die Sonne geht auf über Wedding, um 6 Uhr ist die Schicht zu Ende. Waffen und Schutzwesten werden ausgezogen, die Männer ziehen sich um. Wieder haben sie eine Nacht überstanden, ohne dass ihnen etwas passiert ist. Denn das müsse immer einkalkuliert werden. Weil der Job eben nicht nur spannend sei, sondern manchmal auch sehr gefährlich.



