Obama in Berlin

Für Obama wird die Berliner City zu einer Festung

Dienstag und Mittwoch besucht der US-Präsident Berlin. Die Stadt bereitet sich schon ab Freitag vor. Die Innenstadt wird zum Hochsicherheitstrakt. Für Autofahrer und Anwohner wird es schwer.

Mandy Zachmann hat alles beobachtet. Die 52-Jährige sitzt auf dem Bock ihrer zweispännigen Kutsche und wartet am Pariser Platz auf Touristen, denen sie die Stadt zeigen kann. Hier ist jeden Tag etwas los, doch zurzeit gibt es etwas Besonderes zu sehen. „Ich habe mir genau angeschaut, wie sie die Gullydeckel zugeklebt und die Mülltonnen abmontiert haben“, sagt Zachmann. Auch Spürhunde hat die Polizei am Donnerstag auf dem Platz eingesetzt, um nach Sprengstoff zu suchen. Nur noch fünf Tage, dann soll hier US-Präsident Barack Obama eine Rede halten, das Brandenburger Tor im Hintergrund. Dafür wird nichts dem Zufall überlassen.

Ab Freitag wird das Areal ab Höhe Wilhelmstraße abgeriegelt. Dann kommen auch keine Touristen mehr her, die mit Mandy Zachmanns Kutsche fahren wollen. Stören tut sie das gar nicht. „Eigentlich bin ich dem Obama ganz dankbar dafür, dass er mir mal nen freien Tag verschafft“, sagt die Kutscherin mit den zum Zopf gebundenen schwarzen Haaren.

Keine Hinweise auf Anschlagspläne

In Berlin gilt keine Sicherheitsstufe 1. Es gilt Sicherheitsstufe 1+, wenn der US-Präsident kommt. Höher geht es nicht, Ausnahmezustand. Dabei ist die Bedrohungslage offenbar gerade nicht außergewöhnlich. Nach Informationen der Berliner Morgenpost liegen bislang keine Hinweise darauf vor, dass ein Anschlag auf den US-Präsidenten geplant sein könnte. Dennoch unterliegt sein Besuch den höchsten Sicherheitsstandards. Das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei, die Berliner Polizei und Obamas Secret Service sorgen dafür. Geführt wird der Einsatz in Berlin vom Leiter der Direktion 4. Mehrere Tausend Beamte werden in der Stadt im Einsatz sein.

Nicht nur die Orte seines Besuchs müssen für Obama besonders gesichert sein. Auch wenn er sich in der Stadt fortbewegt, wird alles streng kontrolliert. Die direkte Umgebung des Präsidenten in seiner Fahrzeugkolonne wird dabei als sogenannte Sicherheitsstelle bezeichnet, in die auch Berlins Elitepolizisten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) eingebunden sind. Zudem werden die Präzisionsschützen des SEK an zahlreichen Plätzen etwa auf Dächern liegen. Bereits seit geraumer Zeit haben diese Fachleute einen der wichtigsten Aufträge: Sie müssen sich Gedanken zu machen, von wo aus man den Präsidenten attackieren könnte – und wie man mögliche Angreifer ausschaltet.

Bereits seit Tagen werden zahlreiche Gullydeckel entlang der in Frage kommenden Straßenzüge versiegelt. Passanten fragten sich häufig, warum die Siegel nur aus Papier und damit leicht zu entfernen sind. „Weil wir dann sehen, an welchem Gully manipuliert wurde“, sagt ein Ermittler. Vor jeder Abfahrt der Kolonne, für die insgesamt auch mehr als 150 Berliner Beamte eingeteilt sind, werden diese Punkte erneut kontrolliert. Zudem gibt es vor der Fahrt eine mobile Streckenkolonne, deren Angehörige auf verdächtige Personen achten.

„Am besten umfahren Sie die Innenstadt weiträumig“

Wie die Morgenpost erfahren hat, wird der Secret Service auch sogenannte Jammer-Fahrzeuge (sprich: Dschämmer) in dem Tross einsetzen, die im Falle eines Anschlags innerhalb von Sekunden jede elektronische Kommunikation in der näheren Umgebung unterbrechen können. In dem Fall könnten auch die Berliner Einheiten nicht mehr funken oder telefonieren.

Klar ist: Es wird eng in der City. „Verkehrshinweise für den Obama-Besuch?“ Der Polizei-Sprecher muss lachen. „Am besten umfahren Sie am Mittwoch die Berliner Innenstadt weiträumig“, scherzt er, und muss noch ein bisschen weiterlachen. In der ganzen Stadt könne es theoretisch neben den bekannten Sicherheitszonen zu spontanen Sperrungen kommen, wenn die Kolonne des US-Präsidenten eine Strecke passieren möchte. Doch nähere Details, die über die Handzettel für die Anwohner der betroffenen Orte hinaus gehen, gibt die Polizei nicht bekannt. Man führe ja die Sicherheitsvorkehrungen ad absurdum, wenn man sie vorher komplett bekannt gebe, heißt es. „Wir haben mit den Informationen für die Anwohner schon viel bekannt gegeben“, so der Sprecher.

Vier dieser Handzettel hat die Polizei angefertigt. An ihnen lässt sich tatsächlich schon recht gut ablesen, wie das Programm des US-Präsidenten und der First Lady aussehen wird, das offiziell noch immer nicht bestätigt worden ist. Am Dienstagabend gegen 19 Uhr wird die Präsidentenmaschine Air Force One auf dem Militärabschnitt am Flughafen Tegel erwartet. Dafür, das ist einem der Handzettel zu entnehmen, wird die Wohnsiedlung Cité Guynemer nördlich des Flughafengeländes abgeriegelt. Denn von den dortigen Häusern hat man einen guten Blick auf den militärischen Teil des Flughafens. Von Dienstagmittag an bis um Mitternacht am Mittwoch, wenn die Obamas wieder abgeflogen sind, müssen sich die Anwohner auf besondere Kontroll- und Sicherheitsmaßnahmen einstellen.

Nicht einmal Mülltonnen dürfen an den Straßen stehen

Die Avenue Jean Mermoz, die zur Seidelstraße führt, ist an beiden Tagen von 15 Uhr bis Mitternacht gesperrt. Nicht einmal ihre Mülltonnen dürfen die Anlieger hier am Dienstag und Mittwoch an die Straße stellen, jedenfalls nicht näher als 30 Meter zur Fahrbahn. Das könnte darauf hindeuten, dass die Avenue als ein möglicher Weg der Präsidentenkolonne gesichert wird. Doch dazu schweigen sich die Sicherheitsbehörden selbstverständlich aus. Keine Details. Von früheren Staatsbesuchen amerikanischer Präsidenten weiß man jedoch, dass es nicht nur eine Route gibt, die für den Weg durch die Stadt geprüft und abgesichert wird, sondern dass immer mehrere Alternativrouten ausgearbeitet werden.

Vom Flughafen aus wird der Präsident am Dienstagabend zu seinem Hotel fahren, wo das Ehepaar eine Nacht schlafen wird. Vor fünf Jahren bei seinem ersten Berlin-Besuch wohnte Obama im Adlon am Pariser Platz, nun beherbergt das Ritz-Carlton den Staatsgast. Auch hier verkünden die Handzettel der Polizei den kommenden Ausnahmezustand. Der Potsdamer Platz wird großräumig abgesperrt. Dienstagmittag beginnen die Vorkehrungen. Fahrräder und Gegenstände dürfen nicht mehr abgestellt werden, Lieferverkehr ist nicht mehr möglich. Es gibt Kontrollen, Anwohner müssen Fenster und Türen gen Ritz-Carlton geschlossen halten.

Spezielle Abzeichen für Hotelgäste

„Bei Hotels gibt es verschiedene Sicherheitsstufen, und wir haben die höchst mögliche“, sagt Julia Herchelbach vom Ritz-Carlton. Fachleuten ist dabei ein Sicherheitsbereich wichtig, der hermetisch abgeriegelt werden kann. Für die übrigen Gäste des Hotels werden nach Informationen der Morgenpost spezielle Abzeichen erstellt, ohne die sie nicht ins Hotel kommen können. Dass die Gäste besonders scharf kontrolliert werden, erscheint nur logisch. Aber auch die umliegenden Restaurants am Potsdamer Platz werden nicht mehr frei zugänglich sein. So wird etwa das Vapiano an der Ecke des Potsdamer Platzes zwei Tage durchgehend geschlossen bleiben. Vor zwei Wochen habe die Polizei sie darüber bereits informiert, heißt es im Restaurant. Auch hier überwiegt eher die Freude über unverhoffte freie Tage dem Ärger über Unannehmlichkeiten.

Für den Dienstagabend sind nach bisherigem Kenntnisstand keine offiziellen Programmpunkte für das Präsidentenpaar geplant. Es sind eigentlich die einzigen Stunden, in denen die Obamas versuchen könnten, möglichst unbemerkt – was angesichts der wartenden Journalisten schwierig werden könnte – etwa ein Restaurant aufzusuchen. Das Programm Obamas ist ansonsten so eng, dass kaum Zeit für spontane persönliche Entscheidungen des Präsidenten bleibt. Die Obamas haben ja nur etwa 27 Stunden in Berlin. Solltensie dennoch spontan sein wollen, würden die Berliner Sicherheitsbehörden davon wahrscheinlich nichts erfahren. Das würde wohl der Secret Service möglichst diskret regeln. Als Bill Clinton 1994 zu seiner Zeit als Präsident in Berlin war, brachte er seine Sicherheitsleute mit dem Wunsch ins Schwitzen, spontan im Tiergarten joggen gehen zu wollen. Als er im Jahr 2000 das wieder in der Stadt zu Gast war, hatte man bereits vorbereitet, den Tiergarten schnell abriegeln zu können. Doch da hatte Clinton offenbar keine Lust auf Sport.

Nur 5000 Gäste sind zur Obama-Rede geladen

Ein weiterer Schwerpunkt der Sicherheitsmaßnahmen ist das Regierungsviertel rund um Kanzleramt und Brandenburger Tor. Vor fünf Jahren, als Präsidentschaftskandidat, hielt Obama eine umjubelte Rede an der Siegessäule vor 200.000 Menschen. Jetzt ist er Präsident und darf am symbolträchtigen Brandenburger Tor sprechen, wo einst auf der anderen Seite sein Vor-Vor-Vor-Vorgänger Ronald Reagan Gorbatschow aufforderte, die Mauer einzureißen. Doch 200.000 Menschen dürfen Obama dabei nicht mehr live zusehen. Rund 5000 Gäste, darunter Schüler und Abgeordnete, wurden eingeladen. Und die Sicherheitsmaßnahmen hoch gefahren.

Am Donnerstag suchten bereits Spürhunde auf dem Pariser Platz nach Sprengstoff. Am heutigen Freitag um 8 Uhr wird das ganze Areal ab Wilhelmstraße abgeriegelt. Kein Fahrrad kommt dort mehr hinüber, auch keine Taxis oder Lieferfahrzeuge. Die Sperrungen gelten sogar bis zum Abend des 21. Juni. Bühne und Technik müssen nach dem Event dort wieder abgebaut werden.

Bevor die Obamas am Mittwochabend wieder gegen 22 Uhr Richtung USA abfliegen, speisen sie am Abend im Schloss Charlottenburg. Auch hier ist eine Sicherheitszone eingerichtet worden. Die Anwohner im Kiez können ab Mittwochmittag bis abends um 23 Uhr nur noch unter Vorlage ihres Ausweises in Begleitung eines Polizeibeamten nach Hause gelangen. Eigentlich sollten die Handzettel der Polizei mit den Informationen darüber den Anliegern bereits bekannt sein. Doch das klappte bisher nicht immer, wie sich am Donnerstag zeigte. „Ich bin völlig verwirrt. Das hätten die mir doch sagen können. Ich liege ja mitten im Sperrgebiet“, sagt Eckhart Menzing, Wirt der „Kleinen Kneipe“ am Spandauer Damm. „Da muss ich meinen Laden gar nicht erst aufmachen.“

Zur hohen Kunst des Personenschutzes gehören vor allem auch Verschleierungstaktiken. Und diese beherrscht gerade der Secret Service, der den mächtigsten Mann der Welt beschützt, vermutlich wie keine andere Sicherheitsbehörde. So viel vor dem Besuch eines US-Präsidenten über Programm und Maßnahmen auch immer nach außen dringt, so wenig kann man sich darauf verlassen, dass alles ebenso eintritt. Als George W. Bush 2002 nach Berlin kam, rechneten alle Beobachter für den Abend mit einem politischen Dinner hinter verschlossenen Türen. Doch stattdessen saß Bush plötzlich mit ein paar Dutzend anderen Gästen im Café Tucher. Direkt am Pariser Platz.