Sexismus-Vorwurf

Umstrittenes Gomringer-Gedicht findet Asyl in Franken

Das Gedicht „avenidas“ soll von der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule entfernt werden. Ein fränkischer Ort springt ein.

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, an der noch das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer prangt

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, an der noch das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer prangt

Foto: Britta Pedersen / dpa

Nach dem Wirbel um ein angeblich sexistisches Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule sollen die Zeilen bald eine Hauswand in Gomringers Wohnort Rehau schmücken. An einem Museum in der oberfränkischen Stadt wird künftig großflächig das auf Spanisch verfasste Gedicht "avenidas" zu sehen sein. In der vergangenen Woche hatte der Akademische Senat der Alice Salomon Hochschule beschlossen, das Gedicht übermalen zu lassen. International war die Entscheidung heftig kritisiert worden. Der Deutsche Kulturrat, Spitzenorganisation von 250 Bundeskulturverbänden, reagierte "erschüttert".

Angehörige der Hochschule hatten moniert, "avenidas" könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. Dabei geht es um den Satz: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". Damit würden Frauen, so die Kritiker, zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert.

Am Mittwochabend nun hatte eine große Mehrheit im Rehauer Stadtrat beschlossen, das Gedicht im öffentlichen Raum zu zeigen. "Damit stehen die Vertreter der Rehauer Bevölkerung hinter Eugen Gomringer, dem Begründer der konkreten Poesie, und setzen sich für ihn ein", betonte Bürgermeister Michael Abraham (CSU) am Donnerstag. "In Rehau wird das Gedicht nicht als sexistisch beurteilt, wohlwissend, dass es immer mehrere Interpretationsmöglichkeiten für dasselbe Gedicht gibt."

Die Idee, das Gedicht in Rehau großflächig anbringen zu lassen, sei kürzlich auf dem 93. Geburtstag Gomringers entstanden, er habe sich mit dem Dichter eng abgestimmt, sagte Abraham. Im Frühjahr sollen die Arbeiten an der Fassade des Museums beginnen. Wenn dann das Gedicht an der Mauer prangt, will der Bürgermeister auch zu einer kleinen Feierstunde bitten.

Gomringer selbst hatte die Entscheidung der Berliner Hochschule kritisiert. "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", hatte der 93-Jährige gesagt. Der in Bolivien geborene Lyriker lebt seit 1976 in Rehau (Landkreis Hof) und gründete dort im Jahr 2000 das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie (IKKP).

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