Bundestagswahl

Heimspiel: Mit Petra Pau unterwegs in Marzahn-Hellersdorf

Die Morgenpost begleitet Politiker beim Straßenwahlkampf. Heute: Die Linke-Spitzenkandidatin Petra Pau.

Petra Pau an der U Bahnstation Kaulsdorf Nord mit Familie Thormer

Petra Pau an der U Bahnstation Kaulsdorf Nord mit Familie Thormer

Foto: Sergej Glanze

Als Bundestagsabgeordnete setzt sich Petra Pau (54) mit äußerst komplexen Themen auseinander: Entwicklungshilfe in Afrika beispielsweise, oder der Umwandlung der Pflegestufen in Pflegegrade im Zuge der größten Pflegereform der deutschen Geschichte. Und doch wusste Pau, seit 11 Jahren Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, erst einmal nicht so recht, was sie sagen sollte, als kürzlich ein Jugendlicher in ihrem Wahlkreisbüro in Marzahn-Hellersdorf saß, der über seinen ersten Liebeskummer ausgerechnet mit der Spitzenkandidatin der Berliner Linken sprechen wollte. "Er meinte: Ich hab' sie im Fernsehen gesehen. Sie können gut zuhören. Was sagt man da nur? Das war schon rührend", sagt Pau, während sie am Wahlkampf-Stand der Linken an einem Donnerstagnachmittag Flyer verteilt.

Vom Katzentisch zur Vizepräsidentin

Die Abgeordnete Petra Pau: Jahrgang 1963, geboren als Tochter eines Maurers und einer Fließbandarbeiterin, aufgewachsen in Ost-Berlin, mit einem wie sie sagt "DDR-typischen" Lebenslauf. Mit zwanzig Jahren trat sie der SED bei, arbeitet zwei Jahre als Unterstufenlehrerin für Deutsch und Kunsterziehung, wurde Pionierleiterin, schloss 1989 ihr Studium an der SED-Parteihochschule ab. Als Angestellte der FDJ wickelte sie im Wendejahr die dem Verband unterstellten Einrichtungen, darunter Schulen und psychiatrische Kliniken, mit ab. Es war die Zeit der runden Tische: Pau, gerademal 26, reiste durch die DDR und sprach mit Menschen, die Sorge hatten, wo sie in diesem neuen Deutschland einen Platz finden sollten. Sie hörte zu. Ihre politische Karriere begann, als der spätere Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Uwe Klett, bei ihr klingelte und sie fragte, ob sie nicht für die BVV kandidieren wolle. Zwei Jahre später wurde sie zur Landesvorsitzenden der Berliner PDS gewählt. Noch einmal sechs Jahre später, im Jahr 1998, setzte sie sich im Wahlkreis Berlin-Mitte Prenzlauer Berg völlig überraschend gegen den SPD-Kandidaten Wolfgang Thierse durch. Mit nur 283 Stimmen Vorsprung zog Pau mit einem Direktmandat in den Bundestag ein.

Als die PDS bei der nächsten Wahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, schrumpfte sie im Bundestag von einer Fraktion mit 37 Abgeordneten auf zwei fraktionslose Kandidatinnen. Petra Pau saß mit Genossin Gesine Lötzsch am parlamentarischen Katzentisch: Als Fraktionslose konnte sie weder eine Kleine Anfrage stellen, noch Gesetzentwürfe oder Anträge einbringen.

Heimspiel im Hartz-IV-Kerngebiet

Das ist lange her. Kurz fassen muss sich Pau heute nicht mehr, als Vizepräsidentin des Bundestages ruft sie die Abgeordneten bei Abstimmungen durchaus resolut zur Ordnung. In den ersten acht Monaten dieses Jahres hat sie rund dreißig Kleine Anfragen im Bundestag gestellt. Sie sei Parlamentarierin durch und durch, sagt sie von sich. Auf dem Platz vor dem U-Bahnhof Kaulsdorf scheint sie sich genauso zuhause zu fühlen wie hinter dem Rednerpult. Rundherum stehen Plattenbauten. Ein Mann verkauft vor dem Eingang zur U-Bahn auf einem Tapeziertisch Fidget Spinner und anderen Plastik-Tand. Gegenüber vom Wahlstand verkauft das "Bistro Dream" Döner, das benachbarte "Café Dream" Backwaren, der Zeitschriftenladen dahinter, dem Schaufenster nach zu urteilen, unter anderem Wasserpfeifen mit Hanfblatt-Deko.

Der U-Bahnhof liegt in einem der Hartz-IV-Kerngebiete Berlins. Das Gelbe Viertel, fünf Minuten Fußweg von hier, wurde im neuesten Sozial-Atlas der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als Problemkiez eingestuft. Fast jeder Vierte im Marzahn-Hellersdorf bezieht Hartz IV. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren, die in Familien aufwachsen, die Transferleistungen beziehen, ist noch eklatanter: Sie liegt bei 39 Prozent. Hartz IV ist ein schlimmes Reizwort für Pau, deren Partei sich unter anderem für eine Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro und die Einführung einer monatlichen Grundsicherung von 1050 Euro ohne Sanktionen einsetzt. "Ich möchte Herrn Schulz gerne korrigieren. Wenn er sagt, die Hartz-IV-Reform hatte Fehler, ist das falsch. Sie war der Fehler", sagt Pau mit einem Seitenhieb in Richtung des Spitzenkandidaten der SPD.

Die Lebensrealität der Passanten, auf die Pau heute trifft, könnte nicht weiter entfernt sein von jener der politischen Elite. Das Pau zu dieser gehört, fällt hier allerdings nicht weiter auf. Sie wohnt in einer Marzahner Mietwohnung, isst mittags gerne bei der Metzgerei Klaus Genz im alten Marzahner Dorfkern, wo das Wurstgulasch beim Mittagstisch fünf Euro kostet, und trägt einen dieser ledernen Patchworkrucksäcke, die man nur in Läden weit weg vom Kudamm findet. Pau spricht unverdrossen jeden an, der im Takt der U5 vom U-Bahnhof ausgespuckt wird.

Das Resolute, in dem man die ehemalige Grundschullehrerin erkennt, kommt ihr dabei zugute. Eine Dame läuft schnell weiter, als sie Pau sieht, sagt im Gehen noch: "Ich bin nicht von hier!" Pau ruft ihr hinterher. "Na, wählen können Sie ja trotzdem!". Als zwei Männer gleichzeitig an den Wahlstand kommen, verweist Pau einen der Herren, der nach einer Trennung Schwierigkeiten hat, eine neue Wohnung zu finden, an ihre Mitarbeiterin, diktiert dieser kurz die Stichpunkte für einen Brief der Abgeordneten Petra Pau an die betreffende Hausverwaltung und wendet sich dann dem anderen zu. Sie verteilt Gummibärchen und Kugelschreiber, posiert für ein Handyfoto. Das Programm Pau — Probleme lösen, potentielle Wähler werben — wirkt streckenweise wie ein Heimspiel. In der knappen Stunde, in der sie hier steht, bleiben fünf verschiedene Passanten stehen, winken ab und sagen dann: "Sie haben meine Stimme sowieso schon."

Wie schafft Pau den Spagat zwischen Bundestag und Bürgerbüro? "Man muss sich immer vor Augen halten, dass man sich seine Parklücke irgendwann wieder selber sucht", sagt Pau, als sie von ihrem Fahrer zum Wahlkampfstand gefahren wird.

Dass das der Fall sein könnte, ist unwahrscheinlich. Bei der vergangenen Wahl holte sie 38,9 Prozent der Erststimmen, ihr Bezirk ist eine der Linke-Hochburgen. Weit abgeschlagen folgte ihre stärkste Konkurrentin Monika Grütters (CDU) mit 25,7 Prozent. Für diese Wahl wünscht sich die Favoritin so vor allem ein starkes Zweitstimmenergebnis für die Berliner Linke, 19 Prozent sollten es schon sein.

Pau selbst geriet ins Fadenkreuz der Rechte

In ihrem Bezirk stimmten bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus allerdings 23,6 Prozent der Wähler mit ihrer Zweitstimme für die AfD, die Linke lag mit 23,5 Prozent fast gleichauf. Wie erklärt sich die Spitzenkandidatin das überdurchschnittlich gute Abschneiden der AfD (der Berliner Durchschnitt bei den Zweitstimmen lag bei 14,2 Prozent) in ihrem Bezirk? "Es ärgert mich schon, dass Einige meinen, ihren Protest oder Demokratieverdruss mit einer AfD-Wahl ausdrücken zu können. Es bringt aber nichts, die Wähler und Wählerinnen als Nazis zu beschimpfen. Es ist wichtig auf sie zuzugehen, ihnen Alternativen anzubieten und sie zu fragen, ob sie sich wirklich sicher sind, dass sie ausgerechnet einer Partei, die mit rassistischen Positionen Wahlkampf macht, ihre Stimme geben wollen."

Pau selbst geriet ins Fadenkreuz der Rechten, nachdem sie sich für eine Flüchtlingsunterkunft in ihrem Bezirk, stark gemacht hatte. Die Rechten demonstrierten nicht nur vor dem geplanten Heim, sondern auch vor Paus Wohnhaus, nachdem ihre Adresse in den sozialen Netzwerken veröffentlicht worden war. Pau bekam Morddrohungen.

Auch an diesem Nachmittag schwappt ihr rechter Hass entgegen. Ein Mann wirft wortlos ein Feuerzeug vor Paus Füße, seine Kleidung legt eine rechte Gesinnung nah. "Das kommt auch vor, immer noch", sagt Pau. Seitdem ihr Leben konkret bedroht wurde, ist sie bei öffentlichen Auftritten mit Personenschützern unterwegs. Auf die Frage, was sie an der Politik am meisten schätze, antwortet Pau: "Mit den Menschen zu reden", ehe sie sich sofort wieder dem Flyer-Verteilen widmet. Bis zum 24. September wird sie noch knapp zwanzig Mal an Ständen in ganz Berlin stehen, und das tun, was sie so gut kann: zuhören.

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