Petra Michaelis ist die Frau hinter der Wahlurne

Petra Michaelis ist Berlins Landeswahlleiterin. Ein Spaziergang mit der ehemaligen Richterin durch Zehlendorf.

Landeswahlleiterin Petra Michaelis in Zehlendorf

Landeswahlleiterin Petra Michaelis in Zehlendorf

Foto: Jörg Krauthöfer

Sie wirkt offen und doch angenehm zurückhaltend, als sie am vereinbarten Treffpunkt, direkt vor dem Bürgeramt in Zehlendorf, ankommt. Schnell versteht man, dass die Landeswahlleiterin für Berlin eine ihr noch unbekannte Situation – nämlich unseren Spaziergang – erst mal beobachtet, von einem irgendwie externen Standpunkt aus, und dann entscheidet, wie sie da nun reingeht.

Vielleicht hätte einem das auch klar sein müssen. Petra Michaelis ist Juristin, leitet die Rechtsabteilung in der Innenverwaltung und war Richterin, über 20 Jahre lang. Ihr Ethos, wie sie selbst sagt: keine vorschnellen Urteile, Mediator sein. Sie sei ohnehin eine eher sachliche Person – zumindest in der Arbeitswelt.

Michaelis lacht, als sie das sagt. Soll wohl heißen: Da gibt es natürlich auch noch andere Seiten in ihr, dann wenn es um private Dinge geht zum Beispiel. Sie sieht charmant aus, wenn sie lacht, mit Grübchen auf den Wangen. Fast mädchenhaft wirkt die ohnehin schon jünger aussehende 59-jährige Berlinerin dann.

Blick in die Kamera, lächeln, etwas seitlicher

Gerade allerdings bleibt der hochgewachsenen Frau keine Zeit, um lange abzuwägen. Kaum begrüßt, soll sie sich für ein Foto auf die Grünfläche vor dem Standesamt stellen. Unter die Bäume, hinter den Sonnenblumen, entspannt an einer Statue lehnen. Kein Problem.

Blick in die Kamera, lächeln und nun noch etwas seitlicher positionieren, bitte! Einen Sommerschal lässig über die Schultern geworfen, Schmuck an Händen und Hals, rot lackierte Fingernägel, geschminkte Augen. Sie ist vorbereitet.

Dass der typische nachmittägliche Trubel auf dem Teltower Damm herrscht, scheint sie dabei nicht sonderlich zu stören. Sowieso macht sie das alles hier sehr gut, immerhin steht sie eher selten so direkt im Licht der Öffentlichkeit. Und das, obwohl Michaelis in Berlin seit 2010 sämtliche Wahlen delegiert. Sie wurde damals vom Innensenator Ehrhart Körting vorgeschlagen.

Das demokratische Wahlrecht ist wertvoll

Eine ehrenvolle Aufgabe, sagt sie, und vor allem eine der wichtigsten für die Demokratie. Das Thema Wahl, ein großes, zumindest sollte es das, wie sie findet, für jeden sein. „Leider sind sich viele Menschen nicht oder nicht mehr darüber bewusst, wie wertvoll es ist, über-­haupt wählen zu dürfen – wir sind unsere stabile Demokratie zu sehr gewöhnt.“

Sie erinnert an die besonders hohe Wahlbeteiligung nach den Kriegen und auch an die motivierten DDR-Bürger nach dem Mauerfall. Da war das Wahlrecht eine neue Errungenschaft, ein Gefühl der Freiheit. „Bemerkenswert ist doch, dass Menschen in anderen Ländern stundenlang Schlange stehen, um wählen zu gehen“, sagt sie. Die wollen etwas verändern in ihrem Land. Während in Deutschland viele – aus Faulheit, vielleicht auch aus Trotz – erst gar nicht hingehen würden. Dabei sollten die derzeit unsicheren Verhältnisse in der Welt doch genug Antrieb sein.

Wir laufen nun die Clayallee entlang. Dort, sie zeigt auf eines der Wohnhäuser, sei sie aufgewachsen. Das war Ende der 60er-Jahre. Direkt gegenüber eröffnete damals ein Schwimmbad. Paradiesisch sei das für sie und ihre beiden Geschwister gewesen. Bis heute geht sie regelmäßig schwimmen. Michaelis ist ein Familienmensch, tief verwurzelte Verbundenheit spricht da aus ihr heraus. Deshalb hat es sie auch nie lange aus Zehlendorf, ihrem Kiez, fortgelockt. Bis heute lebt sie hier.

Petra Michaelis hat nie nicht gewählt

Mit der Wichtigkeit, wählen zu gehen, ist sie groß geworden. Der Wahlsonntag sei bei ihnen zu Hause fast schon zelebriert worden. „Schimpfend auf dem Sofa bleiben, war jedenfalls nie eine Haltung bei uns.“ An ihre erste Wahl als Volljährige kann sie sich trotzdem nicht mehr erinnern. Sie weiß nur, dass sie nie nicht gewählt hat. Und es müssen schon viele Wahlen gewesen sein.

Geleitet hat sie bis jetzt über fünf Wahlen. Dazu kamen Volksentscheide. Sie zählt sie laut auf. Nun steht am 24. September das nächste Großereignis an: die Bundestagswahl. Was macht man denn eigentlich genau als Landeswahlleiterin? Eigentlich ganz einfach: Für einen reibungslosen Wahltag sorgen, der im deutschen Recht minutiös geregelt ist. So simpel ist es dann aber doch nicht. Die Vorbereitungen für diesen einen Tag sind riesig groß und haben bereits Anfang dieses Jahres begonnen.

Dazu gehören auch Dinge, die Wähler für völlig selbstverständlich nehmen: Papierbeschaffung für die Wahlbenachrichtigungen und Stimmzettel. Und Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Aufklärung. Wie wähle ich? Wie funktioniert die Briefwahl? Wieso ist es wichtig, die Stimme abzugeben? Besonders schwierig aber sei die Mobilisierung von Wahlhelfern. 21.000 braucht die Stadt Berlin insgesamt. Eine stattliche Summe.

Die Hälfte der Helfer sind Freiwillige

Die Hälfte der Helfer wird aus dem öffentlichen Dienst rekrutiert. Die andere aus Freiwilligen. Man sei froh über jeden, der sich überhaupt melde, sagt Michaelis. Dass Wahlvorstände auch noch heterogen seien, also nie nur Bürger aus einer Partei in einem Wahllokal sitzen sollten, ist ein Detail, das ihr wichtig ist. Leute auszuschließen, auch Mitglieder solcher Parteien, die man als freiheitlich denkender Mensch grundsätzlich ablehnt, gehe übrigens nicht. Auch das ist Demokratie.

Weg von der viel befahrenen Straße in Richtung grünes Wäldchen, wo es deutlich ruhiger zugeht. Wir laufen und laufen, bis wir irgendwann nicht mehr genau wissen, wo wir eigentlich sind. Michaelis lacht und dreht sich orientierungslos um die eigene Achse. Dass sie sich als alte Zehlendorferin hier verläuft, zeige ja nur, wie vertieft wir im Gespräch seien, stellt sie fest. Wir finden unseren Weg schon, sagt sie dann gelassen, und redet weiter.

Die Frage, die auch Michaelis besonders umtreibt: Wie soll man Menschen, vor allem die jungen eigentlich zur Wahl motivieren? Immerhin ist die größte Partei die der Nichtwähler. Ja, wie macht man das? Kurzes Schweigen, dann die Gegenfrage an die Autorin: Wie machen Sie das mit Ihren Freunden, die nicht wählen gehen? Wieder Schweigen.

Die Persönlichkeit der Politiker sei enorm wichtig

„Politik muss die Bodenhaftung behalten“, sagt sie nun. Es dürfe kein Oben und kein Unten geben. Daher sei der Straßenwahlkampf wichtig. Nah dran. Die Belange des Einzelnen müssten von den Politikern wahrgenommen werden, damit sich niemand vergessen fühle. Und die Persönlichkeit der Politiker sei enorm wichtig: „Authentisch, charismatisch, verlässlich – gerade in einer Welt, die doch laufend komplizierter wird.“

Sicherlich hat Michaelis mit all dem, was sie da sagt, recht. Aber, und da nickt auch sie zaghaft, irgendwie sind das alles am Ende nur Phrasen, seit Jahren gepredigt. Können sie wirklich gegen die grassierende Politikverdrossenheit wirken?

Ob sie die Nichtwähler ein bisschen verstehen könne, also diejenigen, die sich im Angebot nicht wiederfänden? Irgendwie schon, sagt sie. Aber, betont sie direkt danach – und da merkt man, wie ernst sie ihre Position nimmt – sei doch immer eine Partei im Programm, bei der es zumindest einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebe. „Kompromisse muss man schließlich immer eingehen.“

Nachrichten auf dem Stimmzettel werden gelesen

Ihr Prinzip also: Hauptsache wählen gehen? Ja natürlich, sagt Michaelis. „Sonst verpasst man doch seine Chance, die Politik für die nächsten Jahre mitzugestalten.“ Denn es zähle tatsächlich jede Stimme – zum Beispiel dann, wenn die Wahl zum Direktkandidaten knapp wird. „Viele glauben das gar nicht und winken ab mit den Worten ‚Ach, meine Stimme bewirkt doch eh nichts‘. Das stimmt nicht.“

Was aber, wenn jemand wirklich niemandem seine Stimme geben möchte – wie wählt man am besten nicht? Michaelis lacht und sagt, dass sie da keine Empfehlung geben könne. Auch keine geben wolle. Allerdings ist die Entscheidung, nicht zu wählen, ja theoretisch auch eine demokratische, oder nicht? In gewisser Weise stimme sie da zu.

Natürlich könne man seinen Zettel einfach ungültig machen. Durchstreichen oder eine Notiz draufschreiben. Solche Nachrichten würden dann übrigens auf einem extra Stapel gesammelt und sogar gelesen. „Ob es etwas bewegt oder den richtigen Adressaten erreicht, ist natürlich unklar.“

Wer unzufrieden ist, soll sich doch einfach selbst engagieren

Wer aber ernsthaft gegen das, was besteht, protestieren will, sagt sie, solle sich doch lieber einbringen und versuchen, aktiv zu verändern. In eine der bestehenden Parteien eintreten zum Beispiel. Sie übrigens ist bewusst nie in einer gewesen. Auch eine ihrer richterlichen Tugenden: Unabhängig bleiben.

Noch produktiver wäre es sogar, eine eigene Partei zu gründen, empfiehlt Michaelis. Dass es Splitterparteien mit einem guten Programm schaffen könnten, habe man ja gesehen. Dazu gehören ihrer Meinung übrigens nicht die monothematischen Parteien, die für Veganer oder Tierschützer. Und auch eine satirische wie Die Partei gehöre ihrer Meinung nach nicht in den Bundestag.

Eine richtige Partei gründen – klingt natürlich, das weiß auch sie, einfacher, als es ist. Dass sich Neugründungen intern schnell selbst zerfleischen, weil es meistens vor allem um Machtkämpfe gehe, hat man schon oft beobachten können. Beispielsweise bei den Piraten oder aktuell bei der AfD.

Vermutlich wirken wir wie Mutter und Tochter

Was bleibt, sei ein Grundstein, den man im Bewusstsein mündiger Bürger am besten so früh wie möglich legen solle. Das bedeute auch, dass man beginnt, nichts als selbstverständlich zu sehen. „Weil unser Wahlsystem im internationalen Vergleich vorbildlich ist, kommen zu jeder Bundestagswahl ausländische Delegationen, um sich ein Bild über die Abläufe vor Ort zu verschaffen“, sagt sie. In diesem Jahr erwarte man Besucher aus Korea, Brasilien und Guatemala.

Apropos Wahlsystem: Findet sie es, wie es seit Längerem diskutiert wird, eigentlich auch veraltet – immerhin liegen dem Bundesverfassungsgericht nun sogar Eilanträge für Änderungen vor? Michaelis zögert, sagt dann: „Bei uns können auch Obdachlose wählen. Dass Menschen, die unter Betreuung in allen Angelegenheiten stehen, vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, wird derzeit ja geprüft.“ Damit umgeht sie geschickt eine wertende, kritische Antwort. Sie schließlich müsse sich so oder so ans geltende Recht halten.

Wir haben nun auf einer Bank hinter dem Finanzamt Platz genommen, wo der Spaziergang enden wird. Michaelis sitzt da mit überschlagenen Beinen, hat die Sonnenbrille mit Stärke gegen eine normale Brille getauscht. Vermutlich wirken wir wie Mutter und Tochter, die in leichtem Ton über Politik plaudern. Tatsächlich hat sie eine Tochter. Anfang 30 ist die und wohnt in Düsseldorf. Eine der wenigen aus ihrer Familie, die weg ist aus Berlin. Michaelis will bleiben, wohl auch wegen ihres Jobs. Und wegen Zehlendorf.

An Laternenmasten um uns herum hängen Wahlplakate. Hat sie auch das Gefühl, dass der Wahlkampf etwas luftleer wirkt? Sie verweist auf die noch laufenden Sommerferien. Oder liegt es vielleicht daran, dass ein Kandidat mit Charisma fehlt? Wieder ein mädchenhaftes Lächeln. Michaelis, so viel steht nun fest, ist eine Frau mit Zurückhaltung, die lieber Mediator ist, als – zumindest in der Öffentlichkeit – mit vorschnellen Urteilen um sich zu werfen.