Hausschwamm

Berliner Grundschule wird wegen Baumängeln geschlossen

| Lesedauer: 6 Minuten
Isabell Jürgens und Regina Köhler

Schlechter Start ins neue Schuljahr. In Berlin-Kaulsdorf muss eine komplette Schule gesperrt werden, weil sie marode ist.

Im Lehrerzimmer der Franz-Carl-Achard-Grundschule herrscht am Mittwoch hektische Betriebsamkeit. Doch statt den Unterricht für die nächste Stunde vorzubereiten, sind die Lehrer an diesem Vormittag dabei, ihre Schränke auszuräumen und in Umzugskartons zu verstauen. Auf dem Hof verladen die Mitarbeiter eines Umzugsunternehmens Tische und Stühle in Transporter. Die Franz-Carl-Achard-Grundschule an der Adolfstraße in Kaulsdorf muss, nur drei Tage nach Beginn des neuen Schuljahres, komplett geräumt werden. Der Grund für diese Entscheidung sind schwerwiegende Baumängel an dem mehr als 100 Jahre alten Schulgebäude, wie Frank Petersen, Sprecher des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf, der Berliner Morgenpost sagte. Bereits am Montag mussten im Obergeschoss mehrere Räume gesperrt werden, weil ein Gutachter das vom Hausschwamm befallene Mauerwerk des Backsteinbaus an dieser Stelle nicht mehr für standfest genug erachtete und die Räumung empfahl.

Um ganz sicher zu gehen, habe man am Montag schließlich einen international tätigen, externen Sachverständigen hinzugezogen. „Dieser konnte die Sicherheit des Schulgebäudes nicht bestätigen“, sagte Petersen. Daher habe man sich entschlossen, die gesamte Schule zu sperren. Der Frust der Eltern und Kinder über das Chaos beim Schulbeginn nach den Sommerferien sei verständlich. „Wir unternehmen aber unser Möglichstes, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten“, so Petersen.

Stefan Komoß (SPD), Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, sagte, dass er die Schließung der Grundschule in Kaulsdorf sehr bedaure. „Die Sicherheit und Gesundheit der Schüler sowie der Lehrer hat jedoch absoluten Vorrang.“­ Der marode Zustand der mehr als 100 Jahre alten Schule hatte den Schulbetrieb schon seit Längerem beeinträchtigt. Bereits im Mai 2013 war die Sporthalle der Schule aufgrund ihres baulichen Zustandes geschlossen worden. Sie ist bislang noch nicht saniert worden. Die Schüler wurden seitdem zum Sportunterricht zu einer anderen Schulsporthalle gefahren. Die Balken an der Decke, so hatte damals ein Baugutachten ergeben, waren nicht mehr tragfähig genug.

Auch das Schulgebäude war mehrfach von Gutachtern und Sachverständigen auf seinen baulichen Zustand überprüft worden. „Doch die Experten kamen zu unterschiedlichen Aussagen“, so Bezirksamtssprecher Petersen. Erst am letzten Ferientag, am vergangenen Freitag, habe ein Gutachter schließlich ganz unmissverständlich die Sperrung von drei Räumen im zweiten Obergeschoss im Nordflügel des Gebäudes angeraten. Betroffen von der Schließung sind 360 Mädchen und Jungen in 17 Klassen. Diese sollen nun in der gerade frisch sanierten Marcana-Grundschule an der Flämingstraße 16-18 untergebracht werden. Die Einrichtung ist jedoch rund acht Kilometer entfernt. „Weil die Schule weit entfernt im Norden des Bezirkes liegt, werden wir einen Schulbus einsetzen“, versprach Petersen. Auch die Essensversorgung der Kinder sei dort gewährleistet, der Caterer bereits informiert. Die Schüler der Achard-Grundschule haben nun in den kommenden zwei Tagen keinen Unterricht. „Ein Betreuungsangebot besteht aber“, so der Bezirksamtssprecher. Das neu errichtete Hortgebäude sei von der Sperrung nicht betroffen. Wie lange die Schüler der Achard-Grundschule nun in ihr Ausweichquartier gefahren werden müssen, ist noch offen. Das abschließende Gutachten zum bautechnischen Zustand des Gebäudes soll frühestens Mitte Oktober vorliegen.

Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie der Berliner Schulleitervereinigung kritisierten am Mittwoch den Schulstart. Anders als die Bildungsverwaltung verkündet habe, gebe es viele Probleme:

Platznot – Die räumliche Situation sowie der bauliche Zustand vieler Schulen seien katastrophal. In diesem Unterrichtsjahr sei die Zahl der Schüler um 5000 im Vergleich zum vergangenen gestiegen, sagten sie. Dabei sei es an vielen Standorten schon sehr eng. Hinzu käme ein Sanierungsrückstand in Höhe von zwei Milliarden Euro. „Viele Schulen sind kurz vor dem Zusammenbrechen“, so Nuri Kiefer von der Vereinigung der Berliner Schulleiter. Trauriges Beispiel sei die Franz-Carl-Achard-Grundschule.

Konzepte in Gefahr – Schulleiter und GEW warnten davor, dass Schulen wegen Platzmangels gut laufende pädagogische Konzepte aufgeben müssen. Allein in Mitte würden 500 Erstklässler mehr eingeschult werden als ursprünglich vorgesehen. So habe etwa die Erika-Mann-Grundschule in Wedding 40 Erstklässler mehr aufnehmen müssen als geplant. Diese Kinder würden nun in homogenen Klassen unterrichtet werden müssen. Das widerspreche dem Konzept der Einrichtung, die seit Jahren in den Klassen eins bis drei erfolgreich das jahrgangsgemischte Lernen der Kinder praktiziere.

Um zusätzliche Klassenräume einrichten zu können, hat die Schule zudem einen Computer-, einen Hort- sowie einen Garderobenraum aufgeben müssen. Schulleiterin Birgit Habermann sagte der Berliner Morgenpost, dass ihre Einrichtung bei Eltern auch deshalb so beliebt sei, weil die Kinder viel Platz hatten, sich zu entfalten. Dieses Konzept sei nun in Gefahr.

Lehrermangel – Schulleiter und Vertreter der GEW kritisierten außerdem, dass viele Schulen nicht adäquat mit Lehrkräften ausgestattet sind. Im Durchschnitt fehle pro Schule ein Pädagoge. Das sei das Ergebnis einer allerdings nicht repräsentativen Umfrage der Gewerkschaft unter Berliner Schulen. Insgesamt hätten sich 58 der 691 Schulen an der Umfrage beteiligt.

Quereinsteiger – Die Vorsitzende der Berliner Schulleitervereinigung, Gunilla Neukirchen, sagte, dass selbst bei einer 100-prozentigen Ausstattung der Schulen mit Personal nicht garantiert sei, dass alle Fächer mit entsprechenden Fachlehrern besetzt sind. Vor allem in den Naturwissenschaften, aber auch in Musik und Sonderpädagogik fehlten Fachleute. Besonders katastrophal sei die Lage an den Grundschulen. Dort seien viele Quereinsteiger eingestellt worden.­ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wies diese Kritik zurück. Ihre Sprecherin Beate Stoffers sagte, dass auch jetzt noch Lehrer eingestellt würden. Für den Ersatz von Pädagogen, die sich am Anfang des Schuljahres für lange Zeit krank gemeldet haben, gebe es zudem einen Vertretungspool, in dem 1650 Bewerber gemeldet sind.