Corona-Pandemie

Corona-Ausbruch in Altenheim: Kamen die Maßnahmen zu spät?

47 Menschen haben sich in einem Pflegeheim in Lichtenberg mit Corona infiziert, 12 starben. Bezirksamt kündigt rechtliche Schritte an.

Nach Corona-Massenausbruch: Die Bewohner müssen ein Altenheim in Lichtenberg verlassen.

Nach Corona-Massenausbruch: Die Bewohner müssen ein Altenheim in Lichtenberg verlassen.

Foto: Morris Pudwell

Berlin. In Schutzkleidung verließen am Freitagabend einige der 90 Bewohner das Pflegeheim an der Gensinger Straße im Bezirk Lichtenberg. Viele konnten selbstständig laufen, manche benötigten ihren Rollator und andere wurden von Einsatzkräften der Feuerwehr und des Deutschen Roten Kreuzes auf Tragbahren aus dem Gebäude geschoben. Viele Bewohner des Altenheims mussten wegen eines Coronavirus-Ausbruchs evakuiert werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber bereits zwölf Todesfälle. Kamen die Maßnahmen zu spät?

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Corona-Ausbruch in Altenheim: Erste Erkrankung bereits Anfang Oktober

Der Corona-Ausbruch in dem von der Kursana GmbH betriebenen Haus ist erst Freitag bekannt geworden. Nach Angaben des Bezirksamtes von Sonnabend sind 47 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Davon gehörten 27 zu den Bewohnern. Auch 17 Mitarbeiter seien infiziert, erklärte das Bezirksamt. Ein Sprecher teilte mit, dass zudem drei Kontaktpersonen positiv getestet wurden. 14 Bewohner mussten in umliegende Krankenhäuser verlegt werden. Manche der Bewohner benötigen „Intensivbetreuung“. Das heiße aber nicht, dass sie auf Intensivstationen liegen, so der Sprecher.

Doch das Coronavirus wütet bereits seit längerem in dem Altenheim. Nach Recherchen der Berliner Morgenpost hat es bereits Anfang Oktober die erste Erkrankung in der Einrichtung gegeben. Seither gab es zwölf Todesfälle, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus stehen. Eine Kursana-Sprecherin bestätigte das am Sonnabend. Alle Verstorbenen hätten schwerwiegende Vorerkrankungen gehabt oder sich in der Palliativphase befunden, so die Sprecherin. Elf der Erkrankten seien im Krankenhaus verstorben, nachdem sie mit Symptomen überwiesen wurden.

Bezirksamt: Schutzmaßnahmen wurden nicht eingehalten

Der Sprecherin zufolge sei bereits am 8. Oktober der erste Bewohner während eines Krankenhausaufenthalts positiv auf das Coronavirus getestet worden. Seither stünde man „im engem Austausch mit dem Gesundheitsamt“. Erste Maßnahmen seien in der Folge gewesen, die Einrichtung für externe Besucher zu schließen und keine Bewohner mehr aufzunehmen. Außerdem seien interne Testreihen erfolgt. Wohnbereiche seien unter Quarantäne gestellt worden. Bewohner durften ihre Mahlzeiten nur noch auf den Zimmern einnehmen. Auch seien sämtliche Hygienemaßnahmen nach RKI-Standard umgesetzt worden, wie etwa regelmäßige Flächendesinfektion und das Tragen von FFP2-Masken.

Dieser vorbildlichen Darstellung der Umsetzung der Maßnahmen widerspricht das Bezirksamt Lichtenberg. „Es sieht danach aus, dass Schutzmaßnahmen nicht eingehalten worden sind“, sagte ein Sprecher des Bezirksamts auf Nachfrage unserer Zeitung. Was er damit genau meinte, ob das Infektionsgeschehen nicht ordnungsgemäß weitergegeben wurde oder Auflagen nicht eingehalten worden sind, ließ er offen.

Amtsarzt überprüft derzeit das Geschehen

Seit Bekanntwerden des ersten Falles habe das Gesundheitsamt mehrfach schriftlich und mündlich angemerkt, wo nachgebessert werden müsse. Am 5. November hätte es zudem eine Begehung mit dem Amtsarzt aus Lichtenberg in dem Altenheim gegeben, in dem Nachbesserungen ausgemacht wurden.

Derzeit überprüfe der Amtsarzt, inwieweit die Auflagen der vergangenen Wochen erfüllt worden sind. Sollte der Betreiber dagegen verstoßen haben, kündigt das Bezirksamt Konsequenzen an. „Notfalls zeigen wir ganz klare Kante und behalten uns rechtliche Schritte vor“, sagte der Sprecher des Bezirksamts. Der Abschlussbericht des Amtsarztes über die Mängel soll voraussichtlich in den kommenden Tagen vorliegen.

Eine Offenlegung der Geschehnisse in den vergangenen Wochen erwartet auch die Senatsgesundheitsverwaltung. „Wir erwarten absolute Transparenz seitens des Betreibers und hoffen, dass das Bezirksamt für Aufklärung sorgen kann und dass dann Konsequenzen gezogen werden, wenn etwas im Argen liegt“, sagte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung der Berliner Morgenpost. „Es kann nicht sein, dass auf dem Rücken von Patienten Nachlässigkeiten geduldet werden.“

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) zeigte sich bestürzt nach Bekanntwerden des Ausbruchs des Coronavirus in dem Pflegeheim. „Es zeigt, wie stark der Virus inzwischen in der Bevölkerung verbreitet ist.“ Angesichts der vielen positiv getesteten Pflegekräfte befürchte er weitere Fälle.

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Altersheime: Corona-Infektionen gehen meist von Pflegekräften aus

In der Seniorenwohnanlage mit mehreren Stockwerken in Berlin-Lichtenberg gibt es insgesamt 108 Einzel- und 20 Doppelzimmer. Generell sehen Berliner Amtsärzte Besucher als geringere Infektionsgefahr in Heimen. Meist gingen Ansteckungen vom Personal aus, obwohl die Schutzkonzepte seit dem Frühjahr vielerorts verbessert worden seien. In Berlin hat es seit Beginn der Pandemie mehrere Ausbrüche in Pflegeeinrichtungen gegeben, es kam auch zu Todesfällen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion.

„Meine Gedanken gehen an die Angehörigen, die einen geliebten Menschen verloren haben", sagte Martin Schaefer (CDU), amtierender Bezirksstadtrat für Gesundheit in Lichtenberg. "Dies ist eine schreckliche Situation. Mein Dank gilt den vielen Helferinnen und Helfern der Feuerwehr und des DRK sowie dem besonnenen und entschiedenen Handeln unseres Gesundheitsamts. Wir werden jetzt genau überprüfen, ob erteilte Auflagen und Hygieneregeln nicht eingehalten wurden. Eine engmaschige Begleitung des Trägers ist nun nötig. Gerade beim Umgang mit vulnerablen Personenkreisen ist extreme Sorgfalt zu beachten.“

Corona-Fall im Bezirksamt

Auch im Bezirksamt soll es laut Tagesspiegel einen Corona-Fall geben. Demnach sei der Sprecher Prokop Bowtromiuk positiv getestet worden. Die Bezirksverordnetenversammlung, die am vergangenen Donnerstag stattfinden sollte, war bereits abgesagt worden. Die Mitarbeiter mussten sich laut Tagesspiegel auf Corona testen lassen. Auch Stadtrat Martin Schaefer (CDU) soll positiv getestet worden sein.