Forschung

Belgische Forscher wollen Urin zum Bierbrauen nutzen

Die Forscher nannten es „Pinkeln für die Wissenschaft“: Aus dem Urin von Besuchern eines Festivals in Belgien wird neues Bier gebraut.

Gent.  Es gibt wenige seriöse Wissenschaftler, die sich wie Sebastiaan Derese im weißen Kittel an einem Urinal stehend fotografieren lassen. Es gibt aber auch wenige Wissenschaftler, die bei einem Musikfestival Urin sammeln und daraus Bier brauen wollen. 1000 Liter Urin werden die Grundlage bilden fürs Recycling-Getränk „From Sewer to Brewer“, sinngemäß etwa „Vom Kanal in die Brauerei“. Das Ergebnis des Harndrangs der Besucher des zehntätigen Festivals in Gent und der Spendenaufruf #Peeforscience (Pinkeln für die Wissenschaft“) sind aber vor allem Marketing der findigen Wissenschaftler.

Bei ihrer Forschung geht es langfristig um Urin und darum, trinkbares Wasser zu gewinnen. Bier daraus zu brauen verhilft ihnen zu Aufmerksamkeit für ihr Projekt.

„Saturn“ haben sie ihre Einrichtung genannt, die in abgelegenen, trockenen Ländern der Welt bei der Trinkwassergewinnung helfen soll, aber auch im großen Stil etwa an Stadien zum Einsatz kommen könnte. Saturn steht für „Solar Assisted Treatment of Urine with Recovery of Nutrients“, alleine mit Solarenergie und der Anlage soll Harn umgewandelt werden in einwandfreies Trinkwasser und Grundstoffe für Düngemittel. In einer Membran scheiden sich Nährstoffe ab. Ihre Forschung haben Sebastiaan Derese und Arne R.D. Verliefde vom Lehrstuhl für Angewandte Analytische und Physikalische Chemie unter dem Titel “Vollständige Stickstoffrückgewinnung und Trinkwasserproduktion aus menschlichem Urin durch Membrandestillation“ publiziert.

Biertrinker in Berichten angetan

Das Bier „From Sewer to Brewer“ aus einer örtlichen Craftbier-Braustätte gibt es jetzt schon – allerdings in einer Version ohne Urin. Es wird mit Abwasser einer Brauerei hergestellt und bereits ganz gerne getrunken. Nutzer der Bewertungs-App „Untapped“ teilen ihre Eindrücke. „De Wilde Brouwers“ gehen auch offensiv damit um: Das „recovered beer“ wird auf der Homepage beworben und kann online bestellt werden.

Es ist die erste Etappe auf dem Weg. „Wir gehen den Weg von einfach nach kompliziert“, erläuterte Derese unserer Redaktion. Bis der gesammelte Urin für das Brauen verwendet werden kann, werde es noch einige Zeit dauern.

Ziel vorher ist es, vielleicht vom Jahresende an das gewöhnliche Schmutzwasser der Kanalisation zum Brauen zu nutzen. „Derzeit arbeiten wir an den Analysen, um zu gewährleisten, dass das Wasser einwandfrei ist. Es wird dann noch an ein unabhängiges Labor geschickt, das die Einhaltung aller Normen bestätigen muss. Erst dann können wir mit dem Brauen beginnen.“

Schwierigkeit könnte Medikamentenbelastung sein. Das Wasser werde natürlich nach höchsten Standards aufbereitet, sagt Derese. Immerhin verspricht „De Wilde Brouwers“ im Internet den bierkundigen Belgiern auch: „Wir brauen mit den besten Produkten“

Mit Urin lässt sich auch Smartphone betreiben

Von Urin selbst als Getränk raten Experten auch in Extremsituationen ab. In einem Überlebens -Leitfaden der US-Streitkräfte wird ausdrücklich davor gewarnt, die Ausscheidungen zu trinken. Mit jedem „Durchgang“ konzentrieren sich die Salze mehr, dem Gewebe wird sogar Flüssigkeit entzogen. Was ausgeschieden wird, hat der Körper als überflüssig empfunden.

Allerdings ergeben sich für Urin noch weitere Anwendungen. 2013 haben Wissenschaftler in Bristol in einer Studie beschrieben, dass sich ein Smartphone mit Urin betreiben lässt: Bakterien spalten organische Substanzen aus, an einer Elektrode entsteht Strom. Studienleiter Ioannis Ieropoulos sagte bereits euphorisch: „Unser Urin ist eine praktisch grenzenlose Energiequelle.“

Die Wertschätzung reicht für Urin schon Tausende Jahre zurück: Darauf soll auch die Redewendung „Geld stinkt nicht“ zurückgehen. Der römische Kaiser Vespasion führte eine Steuer ein auf Urin, der in Rom an zentralen Plätzen in Gefäßen für Wäscher eingesammelt wurde. Vorwürfe seines Sohnes Titus wegen des anrüchigen Geschäfts soll Vespasian mit einer emporgehaltenen Münze und dem berühmten Ausspruch gekontert haben: „Pecunia nun olet“ (Geld stinkt nicht).

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