Als Lukas W. starb, war er 16 Jahre alt. Bis zu 52 Tequilas hatte er getrunken, ehe er ins Koma fiel. Der Tod des Zehlendorfer Schülers im März dieses Jahres hat Debatten über Flatrate-Partys ausgelöst. Meldungen über Minderjährige, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen, schrecken seither fast täglich auf. 14 Jugendliche waren es zuletzt innerhalb von acht Tagen in Berlin. Die Jüngsten waren 13 Jahre alt.
„Diese Fälle sind natürlich spektakulär“, sagt Oliver Bilke, Kinder- und Jugendpsychiater am Vivantes Klinikum Hellersdorf. So viel öffentliche Aufmerksamkeit wie die „Koma-Trinker“ erfahren seine Patienten nicht. Dabei ist ihre Situation mindestens ebenso prekär: Bilke kümmert sich um süchtige Jugendliche, unter denen sich zunehmend auch Alkoholabhängige finden.
Auch Mädchen trinken öfter
Jahrelang, weiß der Chefarzt, sei das Problem eher als Randerscheinung betrachtet worden. Cannabis, Heroin, Ecstasy beherrschten die Schlagzeilen. Trinker aber waren im Allgemeinen erwachsen und zumeist männlich. „Alkoholsüchtige Jugendliche gibt es sehr wenige“, sagt noch heute Berlins Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. So wenige, dass niemand in Berlin genaue Statistiken über die Gesamtzahl der Betroffenen führt. In den Behandlungszentren dagegen ist die Sensibilität für das Thema gewachsen. „Die Zahlen sind in den letzten fünf Jahren auf das Fünf- bis Zehnfache gestiegen“, so Bilke. Unter seinen jährlich rund 40 drogenabhängigen Patienten hängt heute jeder Zehnte an der Flasche.
Bilke: „Früher waren es ein, zwei Prozent.“ Und: Zunehmend greifen auch Mädchen zu Bier und Schnaps, wenn es darum geht, von tiefer liegenden Problemen abzulenken. Genau diese versuchen Bilke und sein Team auf ihrer Station aufzudecken. Vorausgegangen ist dabei zunächst der Entzug. „Das geht bei Jugendlichen sehr schnell, und das ist auch gefährlich. Denn schon nach einer Woche, bei manchen schon nach einem Tag, sind die Symptome nicht mehr spürbar“, so Bilke. Dabei müssen die zumeist 14- bis 16-Jährigen drei bis vier Jahre regelmäßigen starken Alkoholkonsum hinter sich haben, um überhaupt Suchtsymptome zu zeigen. Manche begannen ihre Alkoholkarriere bereits mit neun Jahren, steigerten sich auf zwei Flaschen Wodka pro Tag in der Endphase. Genetische Vorbelastungen in der Familie, der unreflektierte Griff zur Flasche bei den Eltern, dazu oftmals ein soziales Umfeld, das von Armut, Vernachlässigung, anderen Stressfaktoren geprägt ist, gehören in der Anamnese zur Normalität. Die Folgen: Depressionen, Angsterkrankungen, posttraumatische Stressstörungen z.B. nach sexuellem Missbrauch. „Das sind schwere Rucksäcke, die diese jungen Leute tragen, und die werden durch den Alkohol scheinbar leichter“, so Bilke.
Drei bis sechs Monate bleiben die stationären Patienten in der Psychiatrie. In dieser Zeit wird eng mit Schule, Familie, Jugendamt und anderen Akteuren zusammengearbeitet. Wie viele anschließend rückfällig werden, ist unbekannt. Für Langzeitstudien, Folgeuntersuchungen, nachhaltige Beobachtung fehlen die Ressourcen. Auch fallen alkoholsüchtige Jugendliche nicht durch Exzesse auf. „Koma-Trinken gibt es bei denen nicht, dafür kennen sie den Alkohol viel zu gut und vertragen auch zu viel“, sagt Bilke, der sich einen stärkeren Fokus auf die Früherkennung von Suchterkrankungen wünscht. „Neben den Extrembereichen, den Koma-Trinkern und den Schwerkranken, haben wir die erhebliche Dunkelziffer im Mittelfeld. Das sind potenziell die künftigen Süchtigen: Diejenigen, die viel trinken, ohne aufzufallen.“




