Am BSR-Hof an der in Lengeder Straße in Reinickendorf ist die Enttäuschung groß bei den Besuchern. „Wie, nichts mehr da?“, sagt ein Autofahrer, der sich sein kostenloses Streugut holen wollte. „Alles weg“, erklärt ein BSR-Mitarbeiter. Es habe einen riesigen Berg gegeben, aber der sei nun bis auf wenige Krümel schnell verteilt. Die Mitarbeiter vom benachbarten BSR-Recyclinghof erzählen, dass „jeder Zweite, der heute hier war, auch was zum Streuen“ mitnehmen wollte. Man solle am Montag wiederkommen, da sei „vermutlich“ wieder was da. Wie sich später herausstellt, wird das allerdings nicht so sein.

Nachdem am Freitag verkündet worden war, dass nun auch Privatleute Tausalz gegen die Gätte einsetzen dürfen, kam am Abend das Bonusgeschenk, verkündet von Franziska Giffey (SPD): Die Berlinerinnen und Berliner konnten sich ab Sonnabend 8 Uhr kostenloses Streugut an verschiedenen Höfen der BSR abholen. Das Material war dann fast so gefragt wie Flüge in den Süden.

Streugut-Box bleibt morgens unbeachtet an der Mühlenstraße

Um 8 Uhr an der Mühlenstraße in Friedrichshain ist allerdings weit und breit niemand zu sehen. „Streugut 10 l pro Haushalt“ steht dort an einem Schild. Das Streugut steht sehr unauffällig und bewacht in einem grauen Kasten ein paar Meter entfernt.

Kostenloses Streugut von der BSR
Bei der BSR kann man seit Sonnabend 10 Liter kostenloses Streugut abholen. © Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Die Nachfrage ging in der Innenstadt erst später los und sie blieb schwächer. Dabei sind viele Bürgersteigmeter in nicht geräumt und noch sehr glatt. Das Ordnungsamt kommt mit dem Kontrollieren nicht hinterher.

Eine enorme Gefahr für Fußgänger. „Weil in manchen Teilen von Berlin Gehwege von Schnee und Eis geräumt werden und in anderen nicht, steigt die Sturzgefahr bei Winterwetter. „Das Fiese ist ja, dass man das Risiko, da wo man gerade geht, nie einschätzen kann“, sagte Roland Stimpel aus dem Vorstand des Fachverbands Fußverkehr Deutschland (Fuss e.V.). „Da hat man mal zehn gute Meter, dann kommen zehn, wo ein bisschen Splitt liegt, dann 50, wo es vollkommen glatt ist.“

 Manchmal ändert sich der Glättezustand unter einer dünnen Schneedecke ohne jede Vorwarnung.

Roland Stimpel,  Fachverband Fußverkehr Deutschland

Glätte unter Schnee sorgt für plötzliches Rutschrisiko

Das sei völlig unberechenbar. „Manchmal ändert sich der Glättezustand unter einer dünnen Schneedecke ohne jede Vorwarnung“, sagte Stimpel. „Selbst jemand, der sehr vorsichtig ist und sich auf einiges gefasst macht, hat dann plötzlich eine ganz andere Situation, wenn er nur einen Schritt nach vorn macht.“ Er selbst geht derzeit nur mit Wanderschuhen vor die Tür und hofft darauf, dass der Winterdienst quartiersweise vergeben wird.  

Streusalz Baumärkte
"Hier kein Salz mehr !!!!" In vielen Berliner Baumärkten wie diesem Hellweg-Markt im Osten der Stadt ist Streusalz längst ausverkauft.© privat | Privat

Ob die Verwendung von Tausalz dieses Dilemma behebt, ist fraglich. Zumindest, dass es schnell Besserung bringt. Stichproben in Berlin ergaben: Wer am Samstag Streu- oder Tausalz kaufen wollte, hatte zumeist das Nachsehen. In einem Baumarkt am östlichen Stadtrand wurde die Kundschaft schon am Eingang mit Schildern begrüßte: „Kein Salz mehr !!!!“ Die vier Ausrufezeichen machen klar: Nicht im Lager! Auch nicht später! Gar nicht! Schilder wie diese sucht man etwas weiter stadteinwärts in der Filiale einer anderen Baumarkt-Kette vergebens. Doch die Freude währt nur kurz. Streusalz? „Nee“, sagt der Mann hinter dem Tresen, lacht und schüttelt den Kopf. „Schon lange nicht mehr.“ Zwei volle Paletten hätten sie gehabt. „Vor einer Woche ausverkauft.“

Die BSR hat genug Streusalz im Lager. Ihr war die ganze Zeit erlaubt, die Fahrbahnen zu salzen. Bei der spontan beschlossenen Verteilung des Gratis-Splitts setzt dann aber auch die BSR lieber auf Vorsicht. „Wir haben noch keinen Überblick, welche Mengen heute ausgegeben wurden, da warten wir noch auf Zahlen, die aber vermutlich auch erst morgen vorliegen werden“, antwortet eine Sprecherin am Sonnabend auf Morgenpost-Anfrage. „Dennoch haben wir heute Mittag nach dem ersten Ausgabezeitraum die Entscheidung getroffen, dass wir ab Montag vorerst nur auf drei Höfen weiter ausgeben werden: und zwar in der Forckenbeckstraße (Charlottenburg-Wilmersdorf), in der Mühlenstraße (Friedrichshain-Kreuzberg) sowie in der Nobelstraße (Neukölln).“

Granulat-Ausgabe: BSR behält Vorrat für eigene Aufgaben zurück

Der Hintergrund ist ganz einfach: Die BSR muss genug Eigenvorrat behalten, um ihre originären Aufgaben uneingeschränkt fortführen zu können. „Entsprechend galt das Angebot ja auch, wie mit der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe verabredet, nach Verfügbarkeit, solange der Vorrat reicht.“

In Friedrichshain-Kreuzberg war kurz vor dem Ausgabeschluss am Sonnabend noch eine halbe Kiste mit Granulat vorhanden. Glücksritter können es am Montag ab 8 Uhr wieder probieren.