Unser Reporter nahm im September 2025 an einem Experiment teil, das heute als geglückt gilt. Die BVG veranstaltete in ihrem „Innovationsbahnhof“ am Kottbusser Tor die ersten Führungen mit dem Schwerpunkt Sicherheit. Zunächst für für lokale Akteure und Organisationen, die mit vulnerablen Gruppen arbeiten. Klärte auf, was in Gefahrensituationen am Bahnhof zu tun ist. Und führte an Orte, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleiben. „Die Führungen werden in jedem Fall fortgesetzt“, heißt es jetzt seitens der BVG. Noch bleibe der Fokus auf den erwähnten Akteuren und Organisationen. Perspektivisch allerdings sollen alle Interessierten teilnehmen können – man will rechtzeitig informieren.

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„Das Krasseste ist die Drogenszene hier“, sagt Mansur Akin der Morgenpost im Untergrund des U-Bahnhofs Kottbusser Tor in Kreuzberg, wo eine Treppe zum Bahnsteig der U8 führt und geschäftiges Treiben herrscht. Manchmal komme es zu Streitigkeiten zwischen Junkies. Aber auch Angriffe auf Fahrgäste – oder das einschreitende Sicherheitspersonal. „Man muss sich auf seine Kollegen verlassen können“, weiß Mansur. Wenn die Gefahr rechtzeitig erkannt wird, wird die Polizei verständigt, die ihre Arbeit „flankiert“, mit der sie auch gemeinsam eine Streife bilden.

Einmal seien der BVG-Sicherheitsmitarbeiter und Kollegen auf der oberen Plattform zur U1 und U3 attackiert worden. „Wir mussten uns wehren und wurden wegen Körperverletzung angeklagt“, erzählt Mansur. Es habe eine Falschaussage eines vermeintlichen Zeugen gegeben. Die Anklage sei fallengelassen worden. „Es gibt auch Kollegen, die am Ende bestraft werden“, sagt der 49-Jährige, der Berlins U-Bahnhöfe seit sechs Jahren schützt. Sein Kollege, Verkehrsmeister Heiko Blochwitz, ist gar seit 38 Jahren dabei. Man sieht es dem 53-Jährigen nicht an. „Ist wahrscheinlich die Arbeit“, witzelt Mansur. Dann geht es hoch. Es ist der Start einer neuen BVG-Führung. Was die Sicherheitskräfte noch so erleben, verraten sie später. „Es ist schlimmer, als in der Zeitung steht“, sagt Mansur.

Führung Kottbusser Tor Berlin
Die BVG-Sicherheitsmitarbeiter Mansur Akin (l.) und Heiko Blochwitz an einem von Berlins berüchtigtsten U-Bahnhöfen, dem Kottbusser Tor in Kreuzberg.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Kottbusser Tor: BVG-Führung im „Innovationsbahnhof“

Mit einem dritten Sicherheitsmitarbeiter, BVG-Sprecherin Franziska Ellrich, zwei Projektleitern von „Innovationsbahnhof Kottbusser Tor“, Lisa Randl und Patrick Christl, und einigen Interessenten geht es am Donnerstag anderthalb Stunden durch den 1902 eröffneten, denkmalgeschützten Bahnhof. Es ist der erste Tag, an dem die Führung mit Fokus Sicherheit angeboten wird. 13 weitere Termine sind für 2025 geplant, insbesondere für vulnerable Gruppen, etwa LGBTQ-Personen. „Die BVG geht dazu auf Vereine und Interessengruppen zu“, so Ellrich. Aber auch, über das Quartiersmanagement, für Anwohner. Perspektivisch soll man sich frei anmelden können.

Der Auftakt des BVG-Experiments fällt nicht zufällig mit dem Beginn der drei Aktionstage „Kotti räumt auf“ zusammen, zu deren Start unweit entfernt kurz zuvor unter anderem Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann im Wendehammer der Dresdner Straße geladen hat.

U-Bahnhof Kottbuser Tor, Führung mit BVG
Blick in den Blaupunktraum am S-Bahnhof Kottbusser Tor: Wo früher Züge abgefertigt wurden, werden heute Pausen gemacht und Gegenstände gelagert.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

„Der Bahnhof ist bei vielen von ein Angstraum“

„Studien zeigen, dass Sicherheit und Sauberkeit zusammengehören. Je dreckiger ein Ort ist, desto unsicherer wird er empfunden“, sagt Ellrich. Die Datierung der Führung ist also konsequent. Das Kottbusser Tor steht sinnbildlich für Vermüllung und Verwahrlosung, auch wenn hier täglich gereinigt wird. Auf dem Weg zu den U-Bahnen riecht es oft nach Urin, Drogenabhängige sind schnell gesehen. Die Führungen sollen aufklären, wie Fahrgäste in Notfällen handeln und an wen sie sich wenden können – nämlich für sämtliche Fragen und Informationen auch an die Sicherheitsmitarbeiter. Und, wer über sie wacht und wie Plattformen barrierefrei erreicht werden können. Es soll Angst genommen werden. Auch die, die hier arbeiten, haben sie. „Der Bahnhof ist bei vielen von ihnen ein Angstraum, daher werden Reinigungskräfte seit letztem Jahr von Sicherheitskräften begleitet“, erzählt Randl.

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Auf der oberen Plattform angekommen, gewähren die Projektleiter einen Blick in den sogenannten Blaupunktraum – das „Häuschen“ zwischen den Gleisen, von dem aus einst Züge abgefertigt wurden. Einer teilnehmenden Rollstuhlfahrerin wird der Blick ins Innere durch Treppenstufen verwehrt. Die Holzvertäfelung im Raum ist mit kleinen Graffitis verziert. Offensichtlich wurde sich nicht nur einmal unerlaubt Zutritt verschafft. Heute dient er dem Personal als Pausenraum und zur Lagerung von unter anderem Sicherheitstechnik. Dazu gehört ein Kurzschließer, um den an der Außenseite der Gleise in einer gelben Ummantelung durchfließenden Strom zu unterbrechen. Apropos Strom: Sollte es zum Stromausfall kommen – man denkt an die letzten Tage in Treptow-Köpenick – ist der Bahnhof über Notstrom gesichert.

U-Bahnhof Kottbusser Tor, Führung mit BVG
„Die Hemmschwelle, ihn zu drücken, ist hoch.“ Patrick Christl geht an der SOS-Säule auf dem Bahnsteig von U1 und U3 ins Detail.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Uralte Kameras neben hochmodernen mit 360-Grad-Rundumblick

Patrick Christl deutet auf die über dem Treiben wachenden Kameras, uralte mit pixeligen Aufnahmen wie hochmoderne mit 360-Grad-Rundumblick. Etwa 90 Prozent der Kameras hier seien moderner Bauart. Insgesamt 7000 Kameras seien in allen U-Bahnhöfen Berlins aktiv. Aktuell würden Kameras getestet, die automatisch erkennen, ob Personen oder Gegenstände aufs Gleis fallen. „Man muss schauen, ob das datenschutzkonform ist“, sagt Christl. Alle Videobilder laufen in der Leitstelle Sicherheit auf, deren genauer Ort nicht verraten wird. Aus Datenschutzgründen dürfen die Aufnahmen nur 48 Stunden automatisch gespeichert werden. „Wenn ein Notfall eintritt, sollte man die SOS-Säule benutzen und die Polizei bitten, die Aufnahmen extra zu sichern“, erklärt Christl.

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Dann darf eine Teilnehmende auf den roten Knopf der Säule drücken, woraufhin sich die Polizei nach wenigen Sekunden meldet und von den Projektleitern informiert wird, dass es ein Test war. „Sobald der Knopf gedrückt wird, sieht die Leitstelle den Bahnhof. Die Hemmschwelle, ihn zu drücken, ist allerdings hoch“, so Christl. In über 95 Prozent der Fälle werde er missbräuchlich betätigt. Als Nächstes geht es zum roten Notfallschalter an der Fassade des Blaupunktraums. Er sendet bei Betätigung ein Signal an Züge, dass diese weder ein- noch ausfahren dürfen. Und hängt für Rollstuhlfahrende deutlich zu hoch.

U-Bahnhof Kottbuser Tor, Führung mit BVG
„Kann sein, dass er die Spritze gegen uns benutzen würde.“ Heiko Blochwitz und Mansur Akin am Bahnsteig der U8 am Kottbusser Tor.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

BVG-Sicherheitsmitarbeiter: „Flaschen, Messer, Pfefferspray“

Dann geht es wieder auf den unteren Bahnsteig des Bahnhofs, der neben solchen wie Leopoldplatz und Leinestraße zu den aktuellen „Schwerpunktbahnhöfen“ der BVG-Sicherheit gehört, die rund um die Uhr mit Sicherheitspersonal besetzt sind. Als letzte Station geht es durch eine sonst verschlossene Tür am Ende des Bahnsteigs. Noch in den 1980er-Jahren sei hier ein Aufgang Richtung Ankerklause gewesen, erzählt Randl. Christl sagt, dass er vermutlich wegen zu geringer Fahrgastzahlen geschlossen wurde. Nun dienen die Räumlichkeiten als Lagerung für Baumaterialien. Auch ein Kabellager und ein Wassertank für die Löschanlage befinden sich hier. In einem Raum, in dem die ehemaligen, zubetonierten Ausgänge zu erkennen sind, führt eine Tür zu einer alten Telefonkabine. Man habe geprüft, ob man den Ausgang wieder öffnen könne, da es das Fahrgastaufkommen hergebe, so Randl. Das würde allerdings 15 Jahre dauern und „exorbitante Kosten“ verursachen.

U-Bahnhof Kottbuser Tor, Führung mit BVG
Wo mal ein Aufgang war, lagern heute Baumaterialien. Von einem der Räume aus geht es in eine uralte Telefonkammer.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Danach noch ein letztes Gespräch mit den BVG-Sicherheitsmitarbeitern, die auf Berlins Bahnhöfen zahlreich von Mitarbeitern des Sicherheitsunternehmens WeWatch unterstützt werden. Insgesamt 250 Sicherheitskräfte sollen in den Bahnhöfen zu jeder Zeit unterwegs sein, mindestens sechs davon hier. Die Bahnhöfe, auf denen patrouilliert wird, sind jeden Tag andere, wechseln teils täglich. Nun ist auch Sahin dabei. Die Morgenpost will wissen, wie gefährlich es bereits wurde. „Wir wurden schon mit Flaschen, Messern, Pfefferspray angegriffen“, sagt Sahin. Wenn sie sehen, dass sich jemand eine Spritze setzt, lassen sie ihn das Werk vollenden – „kann sein, dass er die Spritze gegen uns benutzen würde“. Im Hintergrund fährt plötzlich jemand auf dem Fahrrad am Bahnsteig herum. Verboten. „Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt“, sagt die Sicherheitskraft.