Handwerk

Start in Kreuzberg: Christa Lutum ist Bäckerin des Jahres

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Gewissermaßen Backstage: Bäckermeisterin Christa Lutum in ihrem mobilen  Geschäft.

Gewissermaßen Backstage: Bäckermeisterin Christa Lutum in ihrem mobilen Geschäft.

Foto: Patrick Goldstein

Anfänge kurz nach dem Mauerfall und immer Bio. Aber mit dem heutigen Kreuzberg hadert die 60-jährige Unternehmerin.

Berlin.  Christa Lutum ist zu beneiden. Kaum zwei Stunden steht ihr rollender Bäckerladen auf dem Freitagsmarkt am S-Bahnhof Hermsdorf, da ist die Hälfte der Ware, also Brötchen, Kuchen, Brote und die aktuell begehrte Weihnachtskost wie Stollen und Spekulatius schon verkauft. Daneben – noch ein Vorzug in dieser Kälte – plauschen die Kunden amüsant und vertraut mit ihr und halten sie derart in Bewegung, dass sie allein schon auf ihren gerade mal drei Quadratmetern Innenraum an diesem Arbeitstag mindestens einen Kilometer lang unterwegs ist. Das wärmt enorm. Soeben wurde Lutum zur „Bäcker:in des Jahres“ gekürt. Ihr erstes Geschäft eröffnete sie 1993 in Kreuzberg.

Dort hat sie an der Gneisenaustraße inzwischen das Geschäft SoLuna übernommen, ist sonnabends in der Markthalle Neun in SO 36 vertreten und freitags schickt sie Mitarbeiter mit dem Bäckerladen auf Rädern nach Hermsdorf. An diesem Tag ist sie als Vertretung ihrer erkrankten Verkäuferin da, was ihr einige erfreute „Ach, hier bedient die Chefin persönlich“-Ausrufe von offenbar selbst im hohen Norden der Hauptstadt altvertrauten Kunden einbringt.

Kreuzberg: Bäckerin des Jahres wanderte ab nach Charlottenburg

Eine Seniorin mit französischem Akzent in Begleitung ihres deutschen Mannes dagegen fragt, ob Lutum auch einen festen Geschäftssitz habe. Den hat sie allerdings. Nachdem sie berlinweit die noch heute bestehende Kette „Beumer & Lutum“ aufbaute, stieg sie aus, um 2015 das Geschäft „Christa Lutum – Bäckermeisterin“ an der Charlottenburger Giesebrechtstraße zu eröffnen.

Seit 1982 ist die Westfälin in Berlin. Es ist ihr Verdienst, und das erkannte die Allgemeine Bäcker Zeitung mit der Verleihung des renommierten Preises an, dass sie ausschließlich Bio-Produkte nutzt, wenn möglich regionaler Herkunft. Sie verwendet im neuen Geschäft nur Dinkelmehle, fördert in ihrem Team von 15 Mitarbeitern neben Frauen vor allem Auszubildende. 2012 erhielt sie dafür jene Auszeichnung, die inzwischen „Ausbilder:in des Jahres“ heißt.

Bio-Produkte als Überlebenshilfe

Erste weibliche „Bäcker:in des Jahres“, mit „Beumer & Lutum“ einst erste Bäckerei, die nur mit Bio-Auszugsmehl arbeitete, und aktuell erste Obermeisterin in der 750-jährigen Geschichte der Berliner Bäckerinnung: War sie immer ein wenig ihrer Zeit voraus – und war das immer gut? Beides bejaht Lutum. „Man sagt, dass erfolgreiche Frauen immer einen Vater hatten, der sie gefördert und gefordert hat.“ In ihrem Fall kam der Vater ebenfalls aus dem Handwerk, war von Beruf Schmied. „Er hat nie ein Prinzesschen aus mir gemacht oder gesagt, ich schaffe etwas nicht.“

Und auch das mit der frühen Bioverwendung habe ihr am Anfang von „Beumer & Lutum“ tatsächlich sehr geholfen. „Das war nämlich total blöd. Wir hatten uns an der Cuvrystraße in Kreuzberg gerade gegründet, richtig Geld ausgegeben – und dann war in Kreuzberg bald nichts mehr los.“ Denn die Stammkundschaft zog massenweise um. Freudestrahlend erzählte man Lutum, man verlasse das Viertel. „Also mussten wir uns stärker als geplant auf die Belieferung von Biogeschäften mit unserer Ware verlegen.“

Bedauern über Verdrängung in Kreuzberg

Was aus dem alten Bezirk seither geworden ist, beobachtet Lutum mit Sorge. „Da findet eine Prenzelbergisierung statt“. Sie höre es von Freunden und Bekannten, und erlebe es, wenn sie selbst nach SO 36 kommt, um dort einzukehren: Die Verdrängung sei allgegenwärtig. „Dort werden Mietern fünfstellige Summen geboten, damit sie eine Wohnung frei machen. Andere wollen umziehen und finden nichts. Und vor der Markthalle Neun an der Eisenbahnstraße fuhr neulich ein Lamborghini vor: Na, das sagt doch alles“, so Lutum.

Neben ihrem Job als Unternehmerin und Chefin der Bäcker­innung ist sie auch Landesinnungsmeisterin für Berlin-Brandenburg. Energiekosten und Ausbildung: Das seien momentan die drängendsten Themen, mit denen sie sich im Namen der Branche befassen muss. Während ihre Klage darüber bekannt ist, dass junge Menschen statt Handwerksberufen lieber Abitur und Studium anstreben, ist dies neu: „Wir haben eine zunehmende Zahl von Abiturienten und Studienabbrechern, die in den Beruf kommen.“

Gefragte Geschäftsfrau

Sie selbst werde sich wohl so langsam aus dem Job nehmen, sagt Lutum. Alle drei Minuten glockt im Bäckerwagen ihr Handy, zudem ist die zweifache Mutter seit 13 Monaten auch Großmama. „Der Moment ist gerade richtig“, sagt sie und schmunzelt. „Ich habe meine Auszeichnung als Bäckerin des Jahres – das ist ein passender Kick, jetzt alles ein bisschen zurück zu fahren.“

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