Neues Verpackungsgesetz

To-go wird nachhaltiger: Gastronomen erwarten Probleme

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Plancafé-Betreiber Ömür Kasap und Sarah Budke.

Plancafé-Betreiber Ömür Kasap und Sarah Budke.

Foto: Patrick Goldstein

Neben Corona-Folgen und Inflation wird ein neues Mehrwegsystem zur nächsten Herausforderung für die Berliner Gastronomen.

Berlin.  Vom kommenden Jahr an müssen die meisten Anbieter von Take-Away-Gerichten und -Getränken Mehrweggeschirr vorhalten. Was am 1. Januar 2023 per Verpackungsgesetz bundesweit gilt, wird für Gastronomen zur großen Herausforderung. Sarah Budke und Ömür Kasap, die in Kreuzberg das „Plancafé“ betreiben, haben die Hürde vor langer Zeit genommen. Der Branche prophezeien sie jedoch große Probleme mit den neuen Auflagen.

Vor viereinhalb Jahren starteten sie im Graefekiez ihr „Plancafé“ – von vornherein umweltbewusst. Nach Gastroerfahrungen und Standorten in Hamburg, Bremen, dem nordrhein-westfälischen Hamm sowie der Mall Alexa in Mitte bieten sie am Planufer Kaffeegetränke, Fitnessdrinks, Granola, Bowls, Kuchen nach Familienrezept von Budkes Münsterländer Großmutter und French Toast, wie sie Kasaps Mutter früher briet. Name des Gerichts: „Mama loves you“.

To-go-Verpackungen biologisch abbaubar

Vom Einkauf der Produkte bis zum Angebot sind sie strikt. Kunststoffbecher sind aus Polylactid acid, PLA, das aus nachwachsenden Rohstoffen produziert wird und biologisch abbaubar ist. Für Strohhalme wurden Gras oder Papier eingesetzt. Und der Kaffee kommt via Direct Trade, also ohne Zwischenhändler, vom befreundeten Kaffeebauern Ulrich aus Nicaragua. Handgepflückt, sonnengetrocknet, hundertprozentig pestizidfrei. „Wir geben dafür doppelt so viel aus wie für handelsüblichen Kaffee“, sagt Sarah Budke. „Und wer sich für Hafermilch statt Kuhmilch entscheidet, zahlt hier nicht zusätzlich, wie es anderswo üblich ist“, sagt Kasap. „Weil wir so Kundinnen und Kunden ermuntern wollen, auf vegan umzusteigen.“

Das muss man sich als Gastronom leisten können. Kasap (49) und Lebensgefährtin Budke (37) führen eine Unternehmensberatung, spezialisiert auf Nachhaltigkeitsthemen. Das Lokal sei ein Hobby, sagt Budke, die bis vor anderthalb Jahren täglich im Laden war.

Corona: Kunden kamen weiterhin

Beide sind überzeugt, dass dem Café das Gewicht auf Nachhaltigkeit jene Popularität im Kiez verschafft hat, durch das es Corona überlebte. Die Kunden kamen weiterhin, kauften irgendwann auch ihre Zutaten für den Kaffee daheim. „Es gibt den Gästen ein gutes Gefühl, etwas zu ordern, was nachhaltig ist“, sagt Budke. Als Räume während des Lockdowns nicht mehr Treffpunkte sein konnten, kamen die Leute aus der Nachbarschaft vor dem „Plancafé“ zusammen.

Greift im nächsten Jahr die Verpflichtung, Mehrweg-Geschirr anzubieten, ist das für das Plancafé keine Umstellung. Schon jetzt gibt es Becher und Schalen des Mehrweg-Anbieters Relevo. Für jene, die noch nicht so weit sind, bedeute das ein Umschalten auf erheblichen Mehraufwand, sagt Sarah Budke. Die Mehrwegsysteme erfordern etwa, dass Nutzer eine App haben, mit der sie wie in der Bücherei Becher und Schalen ausleihen und zurückgeben. „Das muss man auf Anfrage den Kunden erklären, das muss im Laden geschult werden, da gibt es neue Abrechnungen, die dann neue Überweisungskosten verursachen“, sagt sie.

Branche erwartet bis zu 20 Prozent mehr Zeitaufwand

Im Durchschnitt erwarte die Branche da mindestens zehn bis 20 Prozent mehr Zeitaufwand. Die Anstellung mindestens einer 450-Euro-Kraft werde nötig, weil Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden müssen. Die Nutzung von Leihgeschirr kostet statt des Pappbechers für zehn Cent pro Becher dann 20 bis 25 Cent. Befreundete Gastronomen erkundigten sich derzeit oft, was sie bei der Umstellung erwartet.

„Auch für Kunden wird das schwierig“, sagt Kasap. „Kaffee will man schnell haben, und wer nicht sonderlich digital fit ist, wird Probleme bekommen.“

In der Umgebung fällt enorm viel Verpackungsmüll an

„Gerade hier in unserer Umgebung fällt enorm viel Verpackungsmüll an“ sagt Kasap. „Da sind geradezu künstlerische Türme aus Pizzakartons aufgestapelt.“ Das zeigt sich etwa sonntagnachmittags wenn der Uferweg am Urbanhafen von Müllhaufen gesäumt ist. Der Container an der Admiralbrücke quillt dann über vor Pizzakartons, immerhin werden auch zusätzlich aufgehängte Müllsäcke am Uferzaun genutzt.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg versucht mit der Aktion „Frag nach Mehrweg” sanft gegenzusteuern. Seit Frühjahr sind Bürger aufgefordert, bei Take-away-Bestellungen nachzufragen, ob sie die Ware in Mehrweggeschirr bekommen können. Betriebe, die das schon jetzt leisten, sollen die Kunden dann auf der Seite fragnachmehrweg.berlin bekanntgeben. So hat sich für umweltbewusste Shopper dort eine Einkaufskarte gebildet, mit der nachhaltige Anbieter gezielt angesteuert werden können.

Bislang nur 14 Betriebe mit Mehrwegbehältern

Es ist Teil eines im Januar gestarteten Mehrwegprojekts des Bezirks. Dabei werden derzeit 290 Betriebe darüber beraten, wie man Mehrwegbehälter an die Kunden bringen kann. Die Kosten von 60.000 Euro wurden mit Senatsmitteln bestritten. Aber nur 14 Betriebe haben seitdem wiederverwendbare Behälter eingeführt.

Ab 1. Januar müssen bundesweit Catering-, Lieferdienst- und Restaurant-Betriebe, mit mehr als 80 Quadratmetern Verkaufsfläche beim Verkauf von Essen und Getränke zum Mitnehmen dann Mehrwegbehälter als Alternative zu Einwegbehältern im Angebot haben. Wer ein Gefäß mitbringt, dem soll seine Bestellung dorthinein gefüllt werden.

Bei Verstoß wird ein hohes Bußgeld fällig

Für Gastronomen kann ein Verstoß gegen die neuen Auflagen schmerzhaft werden. Laut Verpackungsgesetz werden Bußgelder bis zu 10.000 Euro fällig, wenn sie eine Ware nicht in einer Mehrwegverpackung anbieten, die Mehrweg-Option teurer ist oder schlechtere Konditionen hat, oder der Hinweis auf Mehrweg nicht korrekt gegeben wird. Was im Bund erdacht wurde, landet zuletzt als Mehrarbeit in den Bezirken: Deren schon jetzt überlasteten Ordnungsämter sollen die Kontrolle erledigen.